Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 21 (29.5.1891)
- Date
- 1891-05-29
- Page
- Seite 383 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Hesterreichifche Wochenschrift Leite 383 Wochen- Mai-Juni 1891 Jjar 5651 Kalender Freitag 29 21 Samstag 30 22 vnaro Sonntag 31 23 Montag 1 24 Dienstag 2 25 Mittwoch 3 26 Donnerstag 4 27 Freitag 5 28 verschleierte König" birgt in seiner Symbolik die weltbewegenden Probleme. Wir sehen einen König, der in Folge einer Jahrhunderte allen Sitte von einem dichten Schleier eingehüllt sein muß, damit ihn Niemand von Angesicht schaue. Sie Priesterkaste verkündet nämlich, daß in seinem Auge Gottes Widerschein läge, und bedroht Jeden z j mit dem Bannstrahl, der es wagen würde, den königlichen Schleier zu entreißen, d. h. zu lüsten. Bon ihnen wird auch in dem Könige der Glaube an seine Göttlichkeit stets wach gehalten; er ist davon überzengt und durchdrungen und sagt von sich: „Ter wahre König ist des Himmels Sohn!" Der verschleierte König. Ein Bühnenmärchen in drei Aufzügen von Rudolf Lothar. (Dresden u. Leipzig E. Pierson's Verlag 1891.) Wir haben vor uns eines jener Bücher, welches unser Interesse sowohl in Bezug aus das Buch, als aus den Autor voll in Anspruch nimmt. Es erscheinen auf der Bühne des Geistes die mannigfachsten Gestalten; sie kommen und gehen, genau so, wie wir es auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, beobachten' die Einen mit Jubelfanfaren begrüßt, Andere schüchtern und zaghaft mit der bangen Frage: Wird mir's gelingen? Die Erfahrung zeigt, daß viele der mit scheinbar berechtigten Erwartungen Begrüßten diesen leider nicht immer entsprechen und bald im Strome der Allgemeinheit verschwinden, während minder Selbstbewußte langsam aber stetig dem vorgesteckteu hohen Ziele näher rücken. Rudolf Lothar ist eine jener Gestalten der jungen Schriftstellerwelt, welche die schönen Erwartungen nicht nur schon heute erfüllt, sondern auch in Zukunft erfüllen wird denn er hat sich in ernster Arbeit für jene Stellung herangebildet, die er auf der Bühne des Geistes einnehmen will und zwar mit dem Namen „Schriftsteller" nicht zu prunken, sondern es auch in des Wortes schönster Bedeutung zu sein. Gründliche, umfassende Bildung, das Eindringen in die ernsten Lebensaufgaben sind die Basis seines Strebens, welchem jede Effecthascherei fremd ist. Es ist aus dem Grunde wichtig diese Schriststellereigenschaften besonders hervorzuheben, weil den einzelnen gewaltigen literarischen Erscheinungen ein Anhang von Nachtretern folgt, welcher dem guten Geschmacke Unglaubliches zumuthet, dem gebildeten Leser Ungeheuerliches aufdrängen möchte; dabei den Dank der Mit- und Nachwelt sich zu sichern meint, wenn er in trivialer und brutaler Weise das Leben, wie es der reise Mensch ja ohnehin kennt, breit und langathmig ausmalt und keine der widerlichsten Scenen des Alltagslebens dem Leser schenkt. Wer kennt sie nicht, die Schattenseiten des Lebens - Es gibt keinen Mächtigen, keinen Reichen, den nickt der Kreislauf des Schicksals mit seinen Bitlern ssen berührt. Wozu das Gemeine hiuausschreien, zu wessen Nutz und Frommen herauszerren, was doch nie aus dem Leben verwischt werden kann, weil es immer Gegensätze geben wird und geben muß. Es wirkt daher wohlthuend bei der heutigen Zeitströmung die Feder eines jungen Schriftstellers im Dienste des Ideals zu finden, die Lärmtrommel verschmähend. „Der Der gottähnliche König darf sich natürlich um Regierungsgeschäfte und Herrscherpflichten nicht kümmern, welche daher von den ihn umgebenden Räthen und Weisen des Reiches allein besorgt und erfüllt werden. Als Mann des Fortschrittes finden wir einen jener Leute, denen es an den Höfen gestattet war unter dem Schutze der Schellenkappe laut und frei, die Wahrheit zu sagen; dieser Mann, des Königs Narr, war ein kluger, hellsehender Kops, ein edler Mensch. Er beginnt an dem Glauben zu rütteln, der die Unverletzlichkeit des Schleiers umgibt und versucht dem Könige zu beweisen, daß der Schleier erstens ihn selber verhindere, klar zu sehen, was um ihn her vorgehe: „Du hast den Abglanz in der Spiegelflut! Doch weißt Du, was in dunkler Tiefe ruht?" zweitens, daß er sein eigenes Interesse gefährde, weil ihn "Niemand von Person aus kenne, er deshalb gegebenen Falles niemals im Stande wäre, seine Identität zu beweisen. „Kein Schatten sei, kein Wesen gottverwandr Ein Mensch und König herrsch' in Deinem ^and. Des Volke? Haupt, das für die Glieder wacht Und einsteht für den Leib mit seiner Macht." Der König, von den Pfeilen der Liebe ungeachtet seines dichten Schleiers tief getroffen, legt denselben ab, um ungekannt das geliebte Mädchen aufzusuchen. Er verweilt aber zu lange in dem von Blürhenduft und Liebeshauch verschönten Garten, und erinnert sich erst bei den Klängen der Musik und Trinmpsgesang, daß er an der Spitze feines von einem Siege heimkehrenden Heeres, umgeben von seinen Räthen, in die Hauptstadt seines Reiches hätte einziehen sollen. — Es ist für ihn „zu spät"; denn eine in den heiligen Schleier gehüllte Gestalt nimmt bereits seinen Platz ein, "von dem Volke mit brausendem Jubel begrüßt. König Assad schafft sich jetzt mit eigenen Augen und Ohren die Ueberzeugung, daß in des Narren Worten Wahrheit lag, denn er erkennt in der verschleierten, von tausendstimmiger Huldigung begrüßten Person — seinen Hofnarren. Er hat nichts mehr zu versäumen und bleibt. Alsbald erscheint ein im Ruse g oßer Weisheit stehender Mann, der den ungekannten König als Fremdling anspricht und in einem Gespräch fefthält. Er setzt dabei das von dem Narren begonnene Werk fort und sucht den König von dem Banne des Schleiers frei zu machen und in ihm den Wahn an seine Gottähnlichkeit zu zerstören: „Tu bist ein Mensch, und stammst von Menschen ab Du wardst geboren und Du gehst in's Grab." Gleichzeitig gibt er ihm eine mächtige Directive an die Haud, durch welche der Mensch das Erreichbare zu erreichen vermag, und zwar stellt er deu Willen als die Alles schaffende Kraft, die Alles bezwingende Macht hin.