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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-24 · 17 (24.4.1891) · p. Seite 320

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 320 (sequence 22)
Language
German
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Sette 320. Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 17. süßester Besitz. Das Mädchen löste sich endlich aus seiner Umarmung und sagte mit glücklichem Lächeln: „Sie böser Mann! Mich so lauge warten zu laffen!" Wollner schwelgte in Glückseligkeit. Er fuhr jeden Tag zu seiner Braut hinüber, die ihn mit allem, was ihr von Laune und Zärtlichkeit zu eigen war, überschüttete; er hatte auch fern von ihr keinen andern Gedanken als sie. Die alte Frau Wollner hatte keinen andern Wunsch, als den, über den Schmerz der Trennung schon hinweg zu sein. Die nächste Woche war da. Der mächtige Möbelwagen aus der .Stadt fuhr an der Freitreppe vor. Der frühe Lärm im Hause weckte Wollner aus seinen süßen Träumen von seiner Braut, und der Gedanke, daß ja heute die Mutier und das Kind von ihm gehen, fiel ihm schwer auf's Herz. Er eilte rasch aus das Zimmer der Mutter. Sie sah ihn zärtlich an, er kam sich aber trotzdem wie ein Schuldiger vor. „Wie schnell ist dieser Tag herangekommen," sagte er schmerzlich. „Was sein muß, muß sein," antwortete die Mutter mit erzwungener Gleichgilttgkeit, die die Weichheit ihrer Sttmme Lügen strafte. Er wollte chr beim Packen helfen. Sie ließ es nicht zu. „Wenn du so gut sein willst," sagte sie „kannst du die Mesusa herabnehmen, die könnte Anstoß bei der jungen Frau erregen." „Lass sie au ihrem Platze," bat Wollner; „dieses Zimmer soll mein Heiligthum im Hause sein, hier will ich täglich meines Juoenthums gedenken." „Wenn du mir das versprichst, meinetwegen!" In diesem Augenblick öffnete sich die Thür. An der Schwelle erschien das Kind und rief mit vor Thränen erstickter Stimme: „Jetzt haben sie mein Bettchen genommen." Als es des Vaters ansichtig wurde, eilte es auf ihn zu: „Guten Morgen, liebes Väterchen". Dieser küßte es ungestüm. „Wo hast du denn eigentlich immer gesteckt?" Das Kind sah den Vater an, wischte sich die Thränen aus den Lugen und sagte: „D u hast ja wo anders gesteckt; i ch bin immer hier gewesen. J^tzt komm' aber — sie haben es gewiß schon im Wagen". Der Vater willfahrte dem Kinde und sie fanden, daß das Bettchen im Möbelwagen gut gestellt war. Das Kind wich nun nicht mehr vo» her Sette des Vaters, er mußte mit ihm durch das ganze Haus gehen, um von jedem Plätzchen Abschied zu nehmen. Der Möbelwagen war bereits seit zwei Stunden fort. Vor der Haupttreppe stand der Landauer angespannt. Die letzten Augenblicke verbrachte die Famllie in dem Zimmer der Mutter. Trotz ihrer Tapferkett stahlen sich Seufzer aus der Brust der alten Frau beim Berlaffen dieser Räume. An der Schwelle hielt sie und küßte andächttg die Mesusa. „Auch ich will küffen," schrie das Kind. Und dieser Schrei drang wie das strafende Gewiffen dem Vater iu's Herz. Er hob zerknirscht das Kind in die Höhe, bis es mit seinen Häildchen die Mesusa erreichte. Angesichts seines Lieblingswagens, bei dem Gedanken, in demselben in die Stadt zu fahren, vergaß das Kind jeden Trennungsschmerz und bat händefalteud, nur rasch in den Wagen gehoben zu werden. Unter dem Jauchzen des Kindes rollte der Wagen in den Hof. Wie betäubt stand Wollner und sah ihm nach, bis er ihm aus dem Gesichtskreis verschwand. In sein Zimmer zurückgekehrt, trieb es Wollner noch einmal durch die eben verlassenen Räume. Ueberall stiegen Erinnerungen auf: an die Eltern, an sein Kind — an seine verstorbene Frau. Zu dem Bilde der Tobten, seiner auch einst geliebten Mathilde, wagte er kaum hinaufzusehen. Doch sie hatte darauf ja immer gelächelt, mußte also auch heute lächeln, wo ihr Kind aus dem Vaterhause gestoßen worden. O, nicht gestoßen — nur das nicht. Er beendete seinen Rundgang durch die verlaffenen Räume in dem Zimmer der Mutier, das er zum Hettigchum des Hauses zu machen versprach. Hier warf er sich in einen Stuhl und sein schweres Herz fand Erleichterung in Thränen und im Sich-Hingeben den religiösen Gefühlen, die ihm noch geblieben. Da trat ein Dienstmädchen herein und überreichte ihn einen Brief. Wie weltentrückt fragte er: „Woher?" „Aus Karlsdorf," antwortete das Mädchen und ging. Zitternd öffnete er das Couvert. Rosenblätter fielen ihm entgegen und er las die Worte: „Ich bin bei dir." Seine Augen leuchteten auf. Mutter und Kind waren vergeffen, sein Denken und Fühlen *og wieder im Banne der Geliebten. O, Räthsel der menschlichen Natur! Nach wenigen Wochen fand die stille Hochzeitsfeier mit der bürgerlichen Trauung statt. Der jungen Frau verging die nächste Zeit mit Besuchen, die sie machte od:r empfing; Wollner empfand aber bei diesem ungewohnten, bewegten Treiben eine gewisse Leere. Seine hauptsächlichste Erholung waren Fahrten nach der Stadt, die er in der Regel bei Morgengrauen antrat, um der Mutter und dem Kinde den ganzen Tag angehören zu können. Diese Stadtfahrten, die Wollner regelmäßig jede Woche einmal machte, waren nicht nach dem Geschmacke seiner jungen Frau. Aber sie war zu klug, ihm direct einen Borwurf darüber zu machen, weil sie wußte, bei ihm auf Widerstand zu stoßen. Es hing etwas wie eine Wolke am ehelichen H mmel. Mit der Offenbarung des Geheimnisses ihrer Hoffnung wendete Wollner die zärtlichste Sorge für seine Frau auf und der Sproß, mit dem sie ihn nach einigen Monaten beschenkte, steigerte noch seine Aufmerksamkeit gegen sie. Der neue Stammhalter des Juden Wollner wurde getauft und erhielt den Namen Karl. Bei aller Liebe Wollners zu diesem Kinde stellte er seine Fahrten nach der Stadt doch nicht ein, worüber die junge Frau natürlich ihrem Manne noch mehr als früher grollte. Es wurde bei ihr zur fixen Idee, daß seine väterliche Liebe in Grade getheilt sei. Den ersten Grad besitze das jüdische, den zweiten i h r Kind. Doch ihr Stolz gestattete ihr nicht, diesen Kummer offen auszusprechen. Aber als eines Tages Wollner wieder von Früh morgens an bis um Mitternacht in der Stadt war, während Karl plötzlich von einem Keuchhusten befallen wurde, konnte sie sich nicht zurückhalten, den Gatten bei seiner Nachhausekunft bitter zu tadeln, daß er mehr den Anderen, als ihr und ihrem Kinde gehöre. Mit aller Schonung ihres Temperaments sagte er: „Ich merkte schon längst, daß dir etwas am Herzen liegt, und ich bin dir dankbar, daß du dich jetzt aussprichft. Also die Fahrten zu meinem Kinde verdenkst du mir. Das ist unrecht von dir. Ich meine, du dürftest längst wissen, was du mir bist, und müßtest daher die paar Stunden Denen gönnen, denen ich einst ganz gehörte, einer Mutter, die in ihren alten Tagen sich von ihrem einzigen Sohne trennte, um sein Glück zu begründen, einem Kinde, das krank vor Sehnsucht nach dem Vater ist." „Wollner," sagte die Frau, wie beschämt. „Du solltest doch einsehen," fuhr er fort, „daß wir Gefühle, welche die Natur in uus gelegt, niemals los werden können. Ich hoffte sogar, du würdest es, wenn du recht darüber nachdüchtest, gar nicht wünschen: eines Menschen, der das vermöchte, wäre ja Niemand sicher« Nicht wahr, du lässest mir meine Art und bist nun versöhnt?" _ (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Jüdisches Kl«t " Erzählungen von Michael Singer. Budapest, 1891. (Karl Grills, k. u. k. Hofbuchhandlung.) Es ist ein trefflicher und wahrhaft jüdischer Gedanke, den der Berfaffer mit seinem Prächtig ausgestatteten Skizzenbuch zur Ausführung bringt. In einer Reihe formvollendeter unv mit großer realisti>cher Kraft geschriebener Erzählungen zeigt Singer die edlen und unverlierbaren Tugenden des jüdischen Volkes; er entwirft ein naturgetreues Bild jener Juden, die man gewaltsam hinabdrückt in den Morast der Gesellschaft, die man wie eine böse Krankheit meidet, deren Nennung oder flüchtiger Anblick hinreichen, Eckel zu erregen in Jenen, denen das Innenleben, die Denkweise dieser Juden vollkommen unbekannt ist. „Ich versuche." sagt der Verfasser, „den Beweis zu erbringen, daß dieses vielgelästerte» leidenreiche Volk und selbst der letzte dieses Volkes trotz seiner so arg verschrieenen Fehler und Mängel Vorzüge besitzt, die wie Sterne durch das Dunkel der Nacht leuchten, Vorzüge, an deren Stärke selbst die vergiftenden Pfeile des Hohns und des Spottes wirkungslos abprallen." Und dieser Beweis gelingt dem Erzähler voll und ganz. Er zeichnet mit meisterhafter Charakteristik, jene armen, verkümmerten Gestalten, die in Noth und Elend ihr armseliges Dasein verbringen, die aber durch die Liebe zu ihrem Volke und ihren Angehörigen zu wahrhaft großen Menschen empor^ehoben werden. „Liebe können nur edle Herzen fühlen." Aus den einzelnen Skizzen heben wir jene vom „Gummijuden", vom „buckligen Schmul" und vom „Benjamin" als wahre Perlen hervor. Das Büchlein ist Herrn Baron Moriz Hirsch, „dem hochherzigen Freunde der Menschen" jugeeignet. -

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