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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-04-24 · 17 (24.4.1891) · p. Seite 300

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
17 (24.4.1891)
Date
1891-04-24
Page
Seite 300 (sequence 2)
Language
German
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Serie 300 cheMretchtfche Mochmschttfr Nr. 17 Frühlingsfest der innern und äußern Befreiung, mit schmetternden Tönen begrüßen, es begegnet indeß dem erstickten Schrei der Verzweiflung, der seine Kehle zuschnürt, und aus diesen zweien sich gegenseitig paralysirenden Gefühlen, die seiner sich bemeistern, entwickelt sich ein drittes, das beiden nah verwandt und doch kein ihnen gleiches ist; das der unnennbaren Schwermuth und der Melancholie. Es sieht, daß Liebe und Zuneigung der Völker sich nicht erzwingen lassen; das Erregen, das Erwecken derselben durch das Bestreben edelster Empfindungen nützen nichts, führen nicht an's Ziel. Mag Israel auch eintreten für Freiheit, Bildung und Cultur, thätig sein in Handel, Industrie und Verkehr, seine Geld- und Blutsteuer mit Opferwilligkeit leisten, Wohlthätigkeit üben, gemeinnützige Institute fördern, Kunst und Wissenschaft Pflegen: es nützt nichts — der Jude wird verdächtigt, ungestraft verhöhnt, die papiernen Gesetze, die ihn schützen sollen, sind nur ein Feigenblatt, um die eigene Gedankenblöße zu bedecken. Die „Assimilation" nützt dem nicht, der hartherzig überall zurückgewiesen wird. Sulamith erinnert uns: „Ich habe euch beschworen, ihr Kinder Jerusalems, bei den Rehen und Gazellen des Feldes, wecket sie nicht, erreget sie nicht, die Liebe, bis sie von sich selbst sich gibt." Die gesuchte Liebe der Schwesternationen, sie kommt nicht bis einst am Ende der Zeiten allgemeiner Intelligenz, diese von selbst sich entwickelt. Und wenn die Zeit zu lange uns däucht und hie und da das jüdische Volk nahe daran ist, den Glauben an die Menschheit zu verlieren, da erinnert es sich mit jedem Pessachfeste an die Schwüre, die Gott, mit dem Beginne des Exiles, Israel und der Menschheit auserlegt. Jenes wurde beschworen, sagt der Talmud, die abschließende Mauer nicht mit Gewalt ersteigen zu wollen, und den Regenten Treue zu bewahren; diese, Israel nicht zu sehr zu bedrücken. Das Nichteinhalten dieses Schwures hat noch immer an den Eidbrüchigen traurig sich gerächt, an den Eidestreuen glänzend sich belohnt. Wie ist der gottlose Syrer-Grieche vom harten Römer niedergetreten und dieser vom herabziehenden nordischen Barbaren in Stücke gerissen, wie sind diese vom menschenmordenden Schwerte des Jsmaeliten niedergeschlagen worden, um dann gleichfalls, der Menschlichkeit vergessend, in sich selbst zusammenzusinken. Das schöne Spanien, das eine Weltmacht war, es ist durch seine grausame Unduldsamkeit eine Ruine geworden; das herrliche Italien, es hat, von bigotten Führern mißleitet, unter Tyrannenketten geseufzt; das große Deutschland hat in einem aus Religionshaß entzündeten Bürgerkriege auf zwei Jahrhunderte hinaus sich verblutet; das mächtige England ist von Richard Löwenherz bis Cromwell an unduldsamen Pietismus fast erblindet; die südamerikanischen Republiken sind noch gegenwärtig der Verlotterung preisgegeben, die sie vom intoleranten Mutterland als Erbschaft im Blute mitgenommen; während dort, wo der freie Geist dem jüdischen Volke gegenüber gewaltet, wie von Gott gesegnet, lachende Fülle sich ausbreitet. Das kleine Holland, das die verfolgten Marannen freundlich ausgenommen, es lebt seitdem strotzend von Glück und Wohlstand; das wellbeherrschende Britannien, das dem Bibelvolke wohlgesinnt, es ist die Königin der Meere, über alle Welttheile sich ausbreitend; die großen nordischen Staaten der neuen Welt und die Colonien des jüngsten Continentes, in denen wahrhaft religiöse Toleranz heimisch, haben es zu nie geahntem Reichthume gebracht. Diese Thatsachen stärken in uns den Glauben an die Menschheit, wenn wir nahe daran sind, ihn zu verlieren. Wir durchwandern im Geiste die Welt, mit dem Stabe in Händen, den wir in der Pessachnacht sinnbildlich reisebereit halten sollen und wir finden wieder den Glauben an die Menschheit, den Glauben an uns. „Mit dem Stabe in eueren Händen" erscheinet! Es ist der alte semitische Stab, auf dem, wie auf dem Stabe Mosis der Namen Gottes prangt; der alte semitische Stab, der nicht zum Losschlagen, sondern nur zur Stütze benützt werden darf und kann. Es ist der Stab der Religion auf den Jakob sich gestützt als er in der Fremde war, mit dem Moses sein Volk geleitet, als es in der Wüste irrte, der dem Hohepriester erblühte als Zeichen seiner weihevollen Würde. Es ist derselbe, der nach der Legende von Adam aus dem Paradiese zum Tröste mitgenommen wurde, der von diesem zu Noah, Abraham, Jeschuo und schließlich in Israels Hände kam, mit dem es die Welt durchwanderte. Während die Mordwaffen der Römer vor den Mauern Jerusalems rasselten, blühte dieser Stab in den Händen Rabbi Jochanan ben Sakkai's, als er unbeirrt vom Kriegslärm tausenden von Jüngern die religiösen Lehren einprägte. Während die Urgermanen in den finstern Wäldern ihr abgöttisches Unwesen trieben, lag der Stab in voller Blüte in den Lehrhäusern von Liberias, Sura und Pumbeditha. Während der Islam im Blute gewaltsam Bekehrter sich wälzte, begeisterte der Mosisstab die Dichterfürsten Gabirvl und Jehuda Halevy. Als mittelalterliche Horden Länder verwüsteten, Scheiterhaufen im Namen der Religion der Liebe den Weltplan beleuchteten, schrieben, allen Gefahren trotzend, Arama und Abarbanell Commentare zur Bibel, bauten Karo und seine Nachfolger die feste Ringmauer um das nachexilische Judenthum auf, als schützende Festung bis zum Aufdämmern der humanistischen Zeit, in welcher die Blüten des Mosisstabes auch den anderen Völkern wieder aufgeknospet sind. , So haben wir uns den Glauben an die Menschheit in den bittersten Zeiten bewahrt, und durch denselben auch uns selbst rein erhalten. Und wenn wir die Anklagen unserer Feinde hören, daß wir Träger der Corruption sind, das arme Volk ausbeuten und bethören, seine Unkenntniß und seine Noth zu einer Quelle des Reichthums für uns gestalten, wenn wir die tugendsamen Prediger auf den Straßen vernehmen, welche in rührenden Worten das Volk ermahnen die „Judenherrschaft" abzuschütteln, den Kampf gegen die Corruption aufzunehmen, so erinnern wir uns jener Erzählung, welche die Schriften unserer Alten uns aufbewahren. „Eine Städterin hatte einst eine Negerin als Magd, und als diese mit andern Mägden auf einem öffentlichen Platze zusammen kam, erzählte sie, daß ihr Herr seine Frau bald aus dem Hause jagen werde, um dann sie die Negerin selbst als Herrin einzuführen. Nach der Ursache dieses Entschlusses befragt, antwortete die Magd, ihr Herr habe entdeckt, daß seine Frau schmutzige Hände habe." „Wie närrisch bist doch du!" riefen da die Mägde j der Negerin zu, „wenn dein Gebieter seine Frau verjagen sollte, weil sie einmal schmutzige Hände hatte, um wie viel ' weniger, wird er dich zur Herrin des Hauses machen, da; du doch ganz schwarz und schmutzig bist!" Nein, fürwahr! wo die Fesinde so beschaffen sind, braucht Israel den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren. Gewiß, sie wird sich aufraffen; noch steht zwar der Tag stille und die Kläffer strecken die Hände drohend aus gen Zion und Jerusalem, indeß schon fühlt man im Sturnle das Wehen einer besfern Zeit, noch unklar in den Zielen, allein umfassend den ganzen Bestand der gegenwärtigen Ordnung. Täuschen wir uns nicht, die Welt wird bald zu entscheiden haben, über die wichtigsten Dinge die je die Menschheit bewegt haben.

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