Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 14 (3.4.1891)
- Date
- 1891-04-03
- Page
- Seite 239 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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f^jUr. 14. jKm, 3 April 1891« VÜL A«tzr-««s Cenlralorgan für die gesammten Interessen des Indenthums. IT- K. t. Postsparcaflenamt Clearingverkehr 9lv.810.976 Redaktion und Administration: Wien, I-, Rothenlhurmstraße 99. Eigenthümer: Reichsraths-Abgeordneter Dr. Bloch« Erscheint jeden Freitag. -- Man abouutrt bei allen Postanstalte» deS In- und Auslandes, l Bezugspreis: Halbjährig s fl. Einzelexemplare ss kr. lAnzeigen: Die 4mai gospaltene Petitzeile IS kr. Anhalt: Leitartikel: An die Wähler des II. Wahlkörpers. Jüdische Colonien in Palästina. Der Kampf um den Franck-Kaffee. Rabbi Eliah Wilna Gaon. Jgn. L. Schreiber, der „Eideshelfer". Oesterreichisch-israelitische Union. Los vom Antisemitismus. Ein Brief Josef Israels. — Correspondenzen: Wien. Buczacz. Görlitz. Berlin. Paris. Bucarest. Tunis. New-Aork. — Vermischtes: Wien. Heiligenstadt. Prag. Brünn. Kojetein. Budapest. Karlstadt. Fiume. Berlin. Stuttgart. Trier. Rom. Lille. London. Paris. Graste. Amsterdam. St. Petersburg. Tunis. New-Jork. — Familienblatt: Der Gummijude. Briefkasten. Inserate. An die Mahler des II. Mahlkörpers! Die gestrigen Gemeinderathswahlen im dritten Wahlkörper haben mit einem relativen Siege der Antisemiten geendet. Sie haben in den meisten Bezirken den fortschrittlichen Parteien schwere Niederlagen beigebracht und die überwiegende Mehrheit der Mandate dieses Wahlkörpers erobert. Wir übergehen die Aeußerungen der Brutalität und der Gesinnungsrohheit, von denen die gesttigen Wahlen mannigfach begleitet waren, und constatiren vorläufig nur, daß nach den vorliegenden Ziffern die Masse der antisemitischen Wähler unter dem kleinen Gewerbe- und Handelsstande noch immer im Wachsen begriffen ist. Fast der dritte Theil aller Mandate der Reichshauptstadt ist heute bereits im Besitze der Judenhetzer. Rechtfertigt der zweite Wahlkörper die Hoffnungen nicht, welche die fortschrittlichen Parteien auf ihn setzen, gelingt es den Anttsemiten, in diesem Wahlkörper nur eine geringe Anzahl von Mandaten zu erobern, dann wird in die Wiener Rathsstube eine antisemitische Majorität einziehen und an der Spitze des ersten Gemeindewesens der Monarchie wird als Bürgermeister ein Verkünder des Racenhaffes stehen. Was dies bedeuten würde, braucht nicht erst des Längeren ausgeführt zu werden. Nicht die sociale Stellung der Juden und nicht ihr materieller Erwerb kommt dabei zunächst in Frage. Auch eine antisemittsche Majorität im Gemeinderathe kann sich nicht offen gegen die Staatsgrundgesetze auflehnen, kann nicht direct Beschlüsse, fassen, welche auf die vollständige Enttechtung und Enteignung der Juden hinauslaufen. So tief auch der Menschenseele die Selbstsucht, oder sagen wir besser: der Trieb zur Selbsterhaltung eingepflanzt ist, so sind es doch in erster Reihe nicht egoistische Beweggründe, welche uns mit Besorgniß eine antisemitischen Herrschaft in der Wiener Gemeindevertretung entgegenblicken lassen. Um die Zukunft dieser herrlichen Stadt, um das materielle Wohl und den intellectuellen FortschrittihrergesammtenBürgerschaft, gleichviel ob Jude oder Christ, handelt es sich diesmal! Jeder Tag gibt Zeugniß davon, wie tief bereits die moralische Vergiftung und Durchseuchung der Volksmassen fortgeschritten ist, wie sehr aller Sinn für Recht und Gerechtigkeit geschwunden, alles Verständniß für die kulturellen Güter der Menschheit verloren gegangen ist. Mit schamloser Brutalität wird bereits die Mißachtung der höchsten richterlichen Behörde des Reiches gepredigt, wird die Auflehnung gegen die bürgerliche Ordnung als eine patriotische That gepriesen. Wehe dieser Stadt, wenn dieser anarchistische Geist scheinbar noch durch den Willen der Bevölkerung sanctionirt würde! Längst haben wir es erfahren, daß sich hinter dem antisemitischen Schlagworte von der Bekämpfung der Corruption nichts verbirgt als die Gier nach eigener Bereicherung, der mächtig aufgestachelte bestialische Instinkt, durch Unterdrückung oder Vernichtung der Mitsttebenden sich selbst zur Höhe der Macht und des Besitzes emporzuschwingen. Nicht das Judenthum steht in Gefahr, das in einer viertausendjährigen Leidensgeschichte seine zähe Widerstandskraft erwiesen hat. Wahrhaftig, Pharao, Amalek und Ham an waren ganz andere Widerfacher als die Gerngroße, welche an der Spitze der Wiener antisemitischen Bewegung stehen und ihre ruinirten Existenzen durch eine kleine Judenhetze wieder auffrifchen möchten. In Gefahr stehen die Grundlagen der bürgerlichen Gemeinschaft, welche sich nur auf die Principien des Rechtes und der Sittlichkeit stützen kann, in Gefahr steht der wirthschastliche und cutturelle Bestand dieser altehrwürdigen Stadt, welche einst in ganz anderem Sinne das „Bollwerk der Christenheit" genannt wurde als heute, im Sinne einer Hochwarte der Gesittung gegenüber der Barbarei. Die Gefahr, daß Wien zu einem Bollwerk der Niedertracht, der Gemeinheit und der Raubsucht werden könnte, ist eine eminente. Das Ergebniß der Wahlen im zweiten Wahlkörper wird entscheiden über das Schicksal dieser herrlichen Stadt! Angesichts dieser Gefahr wiederholen wir heute die ernste und dringende Mahnung an unsere Glaubensgenossen, mit gesammelter Kraft in den Wahlkampf einzutreten und ohne Rücksicht auf persönliche Verstimmungen und kleinliche Parieiunterschiede für die Candidaten der fortschrittlichen Partei nicht nur zu stimmen, sondern auch zu agitiren. Nicht nur das Solidaritätsbewußtsein der Juden rufen wir an, das in schlimmeren Tagen sich sieghaft behauptet hat und sich auch in aller Zukunft behaupten wird, sondern das patriotische Gefühl unserer Glaubensbrüder! Wer in diesen Tagen die Einigkeit stört und sich seiner bürgerlichen Pflicht entzieht, begeht Berrath an dem Jlidenthum und Verrath an der Sache der Menschheit, er gibt aber zugleich auch die Grundlage seiner bürgerlichen Existenz seinen schlimmsten Feinden preis! Wir empfehlen den jüdischen Wählern auf das Angelegentlichste, auch nicht einen einzigen Namen von der fortschrittlichen Candidatenliste zu streichen. Der Verlust eines einzigen Mandates kann den Verlust der Majorttät im Gemeinderathe nach sich ziehen. Mehr als je möge man sich die Worte des großen Freiheitssängers erinnern: „Seid einig, einig, einig!