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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-03-27 · 13 (27.3.1891) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
13 (27.3.1891)
Date
1891-03-27
Page
Seite 236 (sequence 14)
Language
German
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Weite 236 HeßekreHische MscheUfchrist Är. 13 von Mitgefühl im Buse», aber nicht von der krankhaft sentimental geschwätzigen Sorte, sucht er seine Leute auf. Die Häringfischer, die holländischen Juden im Ghetto, die Seemannswitwen und ihre Brut, sucht sie auf bei der Arbeit, beim anschaulichen Ruhen, beim Nachsinnen und Hinbrüteu über ihr Geschick, beim kärglichen Jammermahle, beim Sterben, und er erlauscht auch den Augenblick, wo der Holzsarg aufgehoben wird und die letzte Reise über die Erde antritt. Er weiß wie der stumme Jammer blickt und wie das wortlose Elend vor sich hinstarrt iu die Bezweiflung. Aber als echter Künstler der Kindesnatur nah verwandt, hat er einen lebendig regen Sinn für die Kinderwelt bewahrt, für die unschuldigen Freuden ihrer munteren Spiele. Auch hier wieder keine optimistisch beschönigende Anschauung, die über alles Unangenchme sich hiuwegzusetzen versteht, nein, Wahrheit, nichts als Wahrheit, die ganze Wahrheit und in der Wahrheit, das Endziel aller Kunst, die Schönheit! Israels ist 1824 zu Amsterdam geboren worden und lebt im Haag. Haag, du reinliches, fteuudliches Städtchen, ahnst du auch, wen du beherbergst? Im Haag hauste Baruch Spinoza, dort hat er gelebt und dort ist er gestorben und sein Denkmal erhebt sich im Haag. Auch ein Jude, trotz allem und allem, auch ein Wahrhettsbegeisterter, auch ein Bielverkannter und lange Mißverstandener. . . Vom Haag führt eine liebliche Allee nach dem Dorfe Scheveningen. Die wandelt Israels oft genug. Fischerdorf und Wellbad! Die Pariser Cocotte und das holländische MeiSje in Holzschuhen und mit der weißen Haube; der internationale Hochstapler und der Häringsfischer, der dem Sturm und de» Wellen sein Brot abringeu muß, können sich dort leicht begegnen. Aeußerste Extreme berühren sich, aber Israels ist kein Salonmaler, unr auf der einen Seite sucht er sich seine Modelle und er weiß sie zu finden. Im Künstlerhause haben sie dem Meister einen ganzen Pavillon ««geräumt. Diese Sonderstellung hat chre innere Berechtigung. Er fttht abseits von allen Anderen in seiner Kunst — vielleicht nur mit llhde geistesverwandt — d'rum siche er auch allein und wirke für sich auf die Wenigen, die ihn verstehen und nicht achtlos an ihm vorübereilen. Eines der besten Stücke ist das, welches er „Der Trost der Großmutter" Betitelt: Die Alte liegt im Bett Daß man so alt, so gebrechlich überhaupt sein kan»! Ist das ein Mensch, der so geisterhaft aus dem Halbdunkel hervortaucht, ist das ein Menschenantlitz, wie mumienhaft, wie fleischlos, wie altersschwach. Neben dem Bett sitzt auf niederem Schemel ein Mädchen, etwa fünfjährig, und hat die Bibel auf dem Schooß. Es buchstabirt daraus mit Mühe was heraus, mit dem Zeigefingerchen ängstlich weisend auf jedes Wort. Man glaubt es zu hören, das Wort, weil man die Mühe sieht, die es kostet. Das Kind ist nicht schön, holländischer Bauerntypus, aber das Antlitz in wirksamen Eontrast mit dem andern gesetzt. Die Stube ist ärmlich ausgestattet. Berschoffene Bettvorhänge, alles Gerümpel, nichts herrlich darin, als das Wort Gottes... Ein Bild! Wilm Szeelink in Amsterdam stellt daneben seine RadizMtg nach Israels hin, betitelt: „Der Sohn eines alten Volkes^. Ern Jude hockt vor seiner Trödelbude. Da gibt's Schirme, alte Hüte und alte Hosen. Er ist von häßlichem Aussehen, dieser Jude, aber doch keine Caricatur. In diesem Gesicht gibt es »wei unergründliche Augen, sonst nur Knochen und Sehnen, alles Energie, alles Thatkraft. Und diese Umgebung? Man kann nicht blutiger ironisiren, aber man kann auch nicht tiefer fühlen. Der „Rabbiner" darüber ist eine Studie von edelster Art in der besten Manier des Meisters skizzirt, rasch und tüchtig. Leider ist er sehr hoch placirt. Wollte das Eomite dem Rabbinerstande damit ein Compliment wachen? Das räumlich größte und sonst wohl auch bedeutendste Bild sind die „Netzeflickerinnen", etwa zwei Dutzend derber, recht häßlicher, urgesunder Holländerinnen in ihren Hauben, auf dem Boden kauernd iu drei großen Gruppen und Netze flickend zum Häringsfang. Im Hintergrund die Thürme von Scheveningen. Was läßt sich davon sagen? Rur Uazulängllches. Die Sache ist so keck hingeworfen, in der RHe so geuial gekleckst wie möglich, aber iu gehöriger Entfernung betrachtet, schießen die derben Farberckörper zu compacten Massen usmmnen, es formt sich Alles, die LuftpersMtive wird kurzweg meisterhaft, alles gewinnt Bewegung, jedes Einzelne Gestalt, das Bild wird zum Leben! Diese Kühnheit, diese spielende Bewältigung enormster technischer Schwierigkeiten gelingt wenig auserwählten Meistern. Und doch schafft Israels nicht mühelos. Nur ist er zu stolz uns seine Mühe merkn zu lassen. Daß aber seine Werke bei aller Genialität das Product ernstester Arbeit sind, weist die Skizze zu dem eben erwähnten Bilde. Bei ihrer Betrachtung gewinnen wir einen tiefen Einblick in die geistige Werkstatt des Meisters. Im Entwurf ist wohl schon alles da, wie auf dem großen Bild, aber die Gruppen gehen noch nicht zusammen. Hier stehen zwei Personen zu fern, dort kleben ihrer drei aneinander. Mit weiser Selbstkritik sind alle Mängel bei der Ausführung im Großen vermieden, denn Israels ist wirklich, wie das arg mißbrauchte Wort sagt: ein denkender Künstler. Bon seinen Kinderbildern ließe sich viel erzählen. Wie die zwei Kleinen auf dem einen Bild mit einem Zweig eine Sau in ihrem Gitterhaus stören und kitzelnd belästigen, ist, in Worten ausgedrückt, läppisch, gar nichts. Man sehe, was daraus gemacht werden kann, wenn ein Israels einen solchen Borwurf anschaut und ausführt. „Die Kinder ves Meeres" sind gleichfalls bemerkenswerth und eingehendster Betrachtung vollauf würdig. Die Radirung nach dem Bild „Allein auf der Welt" ist eine Elegie von so einschneidender Gewalt der schmerzlichen Stimmung, daß man mit dem armen Geschöpf, dessen Mann soeben den letzten Seufzer ausgehaucht, weinen möchte und ihm Trost zusprechen. Wir haben das Bild selbst in Amsterdamer Rijksmuseum gesehen, welches es angekaust hat und sagen müssen: hier ist mehr wie Uhde, „so groß dieser auch ist." Ein Hauch Rembrandschen Geistes, des großen Landsmannes, weht darin. Das Wiener Belvedere könnte wirklich nichts Klügeres thun, als etliche „Israels" sich einwirthschasten, so lange es noch an der Zeit ist. Sie werden theurer werden, wenn einmal der Maler — noch lange möge er in unverminderter Schaffensfreude wirken — den Pinsel zur Seite wirst um den Jüngeren zuzusehen, was sie nicht könne». Aber unsere Gemäldegalerie hat leider nicht viel mehr Subvention, als sie zum Abstaubenlaffen ihrer Schätze braucht und da werden wohl die Herren jüdischen Mäcene — christliche gibts fast keine mehr — in die Säckel greifen müssen. Ein paar „Israels" sollten doch in Wien bleiben. Alle dürfen wir nicht ziehen lassen aus der Bannmeile unserer Stadt ... Eines läßt sich noch an die Betrachtung dieser außerordentlichen Gemälde knüpfen. Sie sind die Werke eines jüdischen Meisters, dessen Weltruf unangefochten dasteht. Europa kennt ihn, Amerika weiß ihn zu würdigen und München hat ihn gekrönt. Daß ihm auch in Wien ein Ehrenpreis, welcher, bleibt sich ja schließlich fast gleich, zutheil werden wird, ist zweifellos. Das vielgefchmähte Judenthum bringt also doch noch Hervorragendes auf künstlerischem Gebiete hervor. Israels ist zwar der Größte, doch bei weitem nicht der Einzige ^o lange ein Volk der Welt Künstler schenkt von solchem Range, keine künstlich hinaukgeschraubten Reclameheldeu, deren angebliche Größe bald in Nichts zusammenfällt, sondern wirkliche künstlerische Individualitäten, so lange ist es selbst lebensfähig und existenzberechtigt. Es braucht sich nicht aufzugeben. Ar. Fr—nn. Stimmen ans dem KndUrnm. Löbliche Redaction der österr. Wochenschrift. Wien. Auf Grund des § 19 des Preßgesetzes ersuche ich als Entgegnung auf die in der Nummer 11 Ihres geschätzten Blattes unter der Rubrik „Stimmen aus dem Publicum" enthaltenen Ausfälle gegen meine Perfon Nachstehendes aufzunehmen. Ich erkläre, daß ich niemals einem politischen Vereine angehört, niemals einer Versammlung zu politischen Zwecken beigewohnt habe und insbesonders der antisemitischen Bewegung vollkommen ferne stehe. Es ist unwahr, daß ich bei den letzten Reichsrathswahlen als antisemitischer Parteiführer thätig war; unwahr, daß ich jemals den Ausdruck „Saujuden" gebraucht habe. Indem ich mir die weiteren Schritte gegen den Einsender des bewußten Artikels Vorbehalte, zeichne ich mit aller Achtung Wien, 19. März 1891. August UngethÜm.

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