Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-02-20 · 8 (20.2.1891) · p. Seite 152

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
8 (20.2.1891)
Date
1891-02-20
Page
Seite 152 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020856--00163-3024137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 152 Hesterreichtfche Mochmfchrift Är. 8. „Jetzt mußt Du fliehen; wenn Dich die römischen Wachen finden, bist Du des Todes" und zog den wie Berauschten mit sich fort. Willenlos folgte ihr Simon bis zum Hause ihres Vaters. Von diesem ungehört traten sie ein. „Dem Gerichte deiner Glaubensgenoffen wolltest Du Dich nicht entziehen," sagte Irene, „aber der Rache der Römer mußt Du entfliehen. Ich werde Dir einige Kleidungsstücke meines Vaters geben; als Grieche verkleidet wirst Du leichter entkommen können. Begib Dich nach Cäsarea und erwarte uns dort. In einigen Tagen komme ich mit meinem Vater dahin, um uns nach Egypten einzuschiffen; Du kannst in demselben Schiffe mitfahren und" — setzte sie zögernd hinzu — „wenn Du in Egypten nicht mit uns bleiben willst, so sindest Du dort viele deiner Glaubensgenoffen, die sich Deiner annehmen und Dich verbergen werden, wenn die römische Obrigkeit Dich dort suchen sollte." Simon sah ein, daß er nichts Befferes thun konnte, als dem Rathe der klugen Griechin zu folgen; doch entgegnete er: „Aber wie kann ich meinen alten Großvater auf immer verlassen?" „Und wenn die Römer Dich hinrichten, verlassest Du ihn dann nicht?" — erwiderte Irene — „Wenn Du das Leben verlierst, bleibt dein Großvater auf immer ohne Stütze, aber wenn Du entfliehst, kann er Dir ja später nach Egypten folgen." Der Ueberredungskunst Irenes gelang es, alle Einwendungen Simons zu widerlegen, und bevor noch der Tag graute, machte er sich als Grieche verkleidet auf den Weg, nachdem er von ihr zärtlichen Abschied genommen. 6. Der anbrechende Morgen fand in Hebron nur fröhliche Gesichter. Hatten doch die Gebete und Fasten ihren Zweck erreicht, und die Sünde Simons schien verziehen. Unermüdlich strömte der Regen, die vertrockneten Fluren erquickend, die Menschen mit froher Hoffnung erfüllend. Aber die Freude währte nicht lanee und machte bald allgemeiner Trauer und Bestürzung Platz. In der Nähe der Synagoge war der Leichnam des von Simon erdrosselten Centurio gefunden und gleichzeitig die Flucht Simons entdeckt worden. Hatten die Juden den wahren Zusammenhang errathen oder fanden sie es am gerathensten, den Mord dem entflohenen Abtrünnigen zuzuschreiben? — Genug, sie stellten dem Tribunen, der die römische Besetzung der Stadt befehligte, vor, daß Simon den Centurio ermordet habe und dann entflohen sei. Der ergrimmte Tribun ließ sich aber dadurch nicht beruhigen. „Der Tod eines römischen Officiers muß geahndet werden," rief er. „Wenn Simon wirklich der Mörder ist, warum ließet Ihr ihn laufen. Ihr Juden seid alle miteinander einverstanden und müßt einer für den andern büßen." Darauf ließ er drei Vorsteher der Gemeinde und den alten Jonathan ergreifen und in's Gefängniß werfen. „Wenn mir den Schuldige nicht binnen acht Tagen ausgeliefert wird, werde ich diese Vier an's Kreuz schlagen laffen," erklärte er den erschrockenen Einwohnern der Stadt. Vergebens weinte und klagte die vor seiner Wohnung versamnielte Menschenmenge, vergebens betheuerten die Gemeindeältesten, daß es nicht in ihrer Macht läge, den Entflohenen zurückzubringen, daß sie nicht wüßten, wo er sich befinde; der Tribun blieb unerbittlich. Als die Menge vor feinem Hause gar zu laut wurde, befahl er feinen Soldaten, sie auseinanderzujagen. Diese, ohnehin über den Tod des Centurio erbittert, führten den willkommenen Befehl mit grausamem Eifer aus, und hieben mit ihren Schwertern auf die dichtgedrängte Menge ein, so daß Biele verwundet, Einige getödtet wurden. Die Auseinandergesprengten versammelten sich laut klagend und weinend in der Synagoge, konnten aber, ihrer Führer und Vorsteher beraubt, zu keinem Entschluß kommen, wußten kein Mittel zu finden, das drohende Unheil abzuwenden, den Entflohenen zurückzubringen oder den Tribun auf andere Weise zu beschwichtigen. Einige riethen, dem Tribunen ein paar Talente Gold zu geben, während andere mit geheimthuenden Mienen allerlei Andeutungen fallen ließen, daß die Herrschaft der Römer nicht mehr lange dauern werde. Währenddem hatte Simon seine Flucht fortgesetzt, die einsamsten Pfade suchend; da er sowohl Juden als Griechen oder Römer zu begegnen fürchtete. Des Weges unkundig, hatte er sich bald im Walde verirrt und war daher froh, als er den Eingang einer Höhle entdeckte wo er vor dem strömenden Regen Schutz finden konnte. Kaum hatte er aber die Höhle betreten, als er von kräftigen Armen ergriffen wurde. Eine Binde ward um seine Augen gelegt, und er fühlte sich fortgeschleppt. Dabei ward kein Laut hörbar; sein Hilferufen, seine Bitten und Fragen fanden keine Antwort. Er hatte bisher, um sich nicht zu verrathen und um für einen Griechen gehalten zu werden, sich der wenigen ihm von Irene eiugelernten griechischen Worte bedient. Da er sich aber von unsichtbaren, schweigsamen Wesen fortgeschleppt fühlte, glaubte er unter böse Dämonen gerathen zu sein und begann in seiner abergläubischen Angst alle hebräischen und aramäischen Formeln herzusagen, die man ihm als Kind zur Beschwörung der bösen Geister eingelernt hatte, und den einzigen Gott Israels um Hilfe anzurufen. (Fortsetzung folgt.) Gi«gese«det. Israelitischer Aettjansverein „Aeth-Israek." Die Erinnerung an die heimatlichen Bräuche seiner Religion ist es, welche, neben der Liebe zum Vaterhause, der Gläubige mit sich nimmt in die Fremde. Diese starke und erhabene Empfindung erweckt in dem Einzelnen die Sehnsucht, in der Gesammtheit das Bedürfniß nach einem Gotteshause, in welchem der Allmächtige in der Weise gepriesen werde, wie es der Jüngling gelernt, der Greis gepflegt hat bis zum Grabe. So konimt es, daß in der Metropole des Reiches, daß im Mittelpunkte sämmtlicher Nationen und Religionsgenossenschaften, jedes Volk, jede Religion, jede Form des öffentlichen Cultus eine Stätte besitzt, in welcher das Wort Gottes in der vom Einzelnen überkommenen Form, in der ihm am meisten zusagenden Weise gepredigt wird. Nur die den polnisch-jüdischen Ritus pflegenden Juden besitzen im Mittelpunkte des Vaterlandes, iit Wien, in welchem sie sich wohl und mit ihren Glaubensgenossen eng verbrüdert fühlen, keine Synagoge, in der sie ihre Gebete zu dem Allmächtigen, in der besonderen Eigenheit ihres Gottesdienstes, geregelt, öffentlich und würdevoll senden können. Die Unzulänglichkeit der Mittel, mißliche finanzielle Verhältnisse und die Scheu sich deshalb an die Oeffentlichkeit zu wenden, haben die Erhaltung eines vor Jahren errichteten Tempels erschwert und die dem polnisch-jüdischen Ritus ergebenen Glaubensgenossen gezwungen, ihren Gottesdienst auszuüben in kleinen, niedrigen, dumpfen, von Fall zu Fall gemietheten und dürftig eingerichteten Lokalitäten, aus welchen sich Orthodoxe und Einheimische in gleichem Maße wegsehnten, und in welchen ein geregelter, die Ruhe, Würde und Andacht wahrender Gottesdienst nicht möglich war. Bis heute war dies nicht möglich, von jetzt an soll es, so Gott will, anders werden. Das dringende Bedürfniß erkennend, hat ein Wohltäter kurz vor seinem Tode zum Baue einer polnischjüdischen Synagoge 25.000 fl. gespendet, und damit einen Bettag hinterlassen, groß genug um mit dem Baue beginnen zu können, doch nicht ausreichend, um einen würdigen Bau zu vollenden, ihn würdig auszustatten, und ihn finanziell sicher zu stellen. Dazu ist vielleicht der dreifache Betrag nothwendig, und diesen hoffen wir durch Spenden unserer Glaubensgenossen hereinzubringen. Wir rechnen hiebei vor Allem auf die Mitwirkung der den polnisch-jüdischen Ritus pflegenden Glaubensgenossen in und außerhalb Wiens. — Diese vermissen eine Stätte, in welcher sie die Stunden der Andacht in der ihnen am meisten zusagenden, weil von ihren Vätern ererbten Weise, ruhig, wie es vor Gott geziemt, und würdevoll verrichten können, und müssen es schmerzlich erkennen, daß sie, die sie das Hauptcontingent des österreichischen Judenthums bilden, im Centtum des Reiches keine eigene Synagoge besitzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.