Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zette 96 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 6 Dreiviertel der Stunde gehen vorüber, bis er Ordnung unter den Schülern gemacht, sich Ruhe verschafft und sie zum Schweigen gebracht hat. Nun bleibt noch eine Viertelstunde fiir den Unterricht. Was kann da herauskommen? Dieselbe Frage drängt sich einem auf die Lippen angesichts der Stellung der Regierung zum Parlament. Es muß so viel unter den nationalen Parteien disciplinirt, lavirt, transigirt werden, um sie nur einigermaßen zu beruhigen, daß für die Politik, für die Pflege dessen, was das eigentlich staatserhaltende Moment ausmacht, gar keine Zeit übrig bleibt. Auch das Parlament leidet offenbar unter diesen Verhältnissen, was jeder unbefangene Beurtheiler zugestehen wird. Demnach leiden die Regierung wie das Parlament unter dem gleichen Uebelstand wie die Juden, nur daß letztere die Kosten tragen, da die ersteren beiden keine Zeit haben, sich mit ihnen zu beschäftigen, und es den Antisemiten überlassen, sich zu viel, ja ausschließlich mit ihnen zu beschäftigen. Um das Bild von der Schule festzuhalten : Die Juden befinden sich in der Rolle des Prügelknaben, welchen der Herr Lehrer den großen Jungen preis gibt, um sie sich vom Leibe zu hallen. Die großen Jungen machen denn auch von dem Vortheil ihrer Situation Gebrauch, und es hängt nur von der größeren oder geringeren Gutmüthigkeit des einen und des anderen ab, ob der Prügelknabe wirkliche Schläge oder blos Neckereien sich gefallen lassen muß. Herumgestoßen wird er auf jeden Fall, Unrecht hat er einmal immer. Das ist die Lage der Juden in der großen österreichischen Volksschule, oder vielmehr Völkerschule. Hätten wir, wie in Deuffchland und anderwärts, nicht nationale, sondern politische Parteien, würde um die allgemeine Freiheit und das allgemeine Recht, und nicht um nationale Privatfreiheiten und nationale Privatrechteoder Vorrechte gekämpft werden, so könnte die unwürdige Lage der Juden in Oesterreich unmöglich so lange dauern, wie es thatsächlich der Fall ist. Zwar würde an sich die nationale Zuspitzung der Parteibesirebungen die traurige Lage der Juden in Oesterreich nicht zur nothwendigen Folge haben, da die Juden als österreichische Staatsbürger, wie natürlich, in die Kreise derselben gezogen werden und sich aus das lebhafteste daran betheiligen. Denn daß die Juden für sich selbst eine Nation sind oder sein wollen, glaubt im Ernste kein Mensch. Sie sind eine Glaubensgenossenschast, und so wenig wie es eine katholische oder protestantische Nation gibt, so wenig gibt es eine jüdische. Die Juden in Oesterreich mögen in confessioneller Hinsicht eins sein (sie sind es leider viel zu wenig und können hierin die Katholiken sich zum Muster nehmen!) in nationaler Hinsicht differenziren sie sich nach den Völkern, mit welchen sie durch Gemeinsamkeit der Geburt, der Sprache und der Schicksale verwachsen sind, und sie beweisen diese Thatsache auf jede mögliche Weise. Aber die Juden sind einmal eine Nation gewesen. Diesen Umstand machen die Antisemiten, indem sie einen Zettraum von 2000 Jahren unterschlagen (worin sie Meister sind), sich zunutze, und sie verbreiten die Lüge, daß auch die heutigen Juden lediglich nationale Aspiraüonen und Sonderinteressen im Auge hätten, wofür sie in Oesterreich, wo in der Harmonie oder vielmehr Disharmonie der Parteien das nationale Moment immer vorschlägt, leichter Glauben finden, als überall. Es wäre eine Anstandspflicht der naüonalen Parteien gewesen, dieser Lüge kräftig und unaufhörlich entgegen zu treten, da sie es ja am besten wissen und bezeugen können, in wie hohem Grade sie auf die Juden, die sich zu ihnen bekennen, zählen dürfen. Indessen ist von keiner Seite dieser Pflicht so wie es hätte sein sollen, Genüge geschehen. Man hat in dem verflossenen Reichsrath die Juden sich selbst überlassen, man hat ihnen dadurch den Anschein gegeben, als ob sie für sich eine Partei, und zwar, da es keine andere in Oesterreich gibt, eine nationale wären, die sie doch weder sind, noch sein wollen, wodurch man das lügenhafte Vorgeben der Antisemiten unterstützt und Wasser auf die Mühle derselben getrieben hat. Es ist bekannt, wie wenig, mit vereinzelten rühmlichen Ausnahmen, die jüdischen Abgeordneten in dieser Verlassenheit, in welcher ihre Parteigenossen sie sitzen ließen, sich zurechtgefunden haben. Aber ihre Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit können die Haltung der Parteien nicht entschuldigen. Das Schauspiel, das der verflossene Reichsrath für die Juden in Oesterreich dargeboten hat, läßt sich folgendermaßen charakterisiren: Die Antisemiten wurden nicht müde, die Juden abzuschlachten, und die übrigen Parteien wurden nicht müde — zuzusehen. Wird es in dem kommenden Parlament besser werden? Es ist wenig Aussicht für eine günstige Wendung, denn die Antisemiten haben das alte Parlament ungebeugten Muthes verlassen. Sie finden überall Schonung, als wenn sie eine Treibhauspflanze wären, die man in Baumwolle wickelt, damit kein rauher Luftzug sie verletze. Am meisteil Baumwolle aber hat den Antisemiten eine Partei zugewendet, von der man diese Schonung niemals hätte erwarten sollen, eine Partei, in deren selbstgewählter Bezeichnung noch ein atavistischer Nachklang daran erinnert, daß es neben dem in Oesterreich selbstverständlichen nationalen Moment noch etwas im Menschenleben giebt, was auch nicht ganz ohne ist, was Cultur, Gesittung, Freiheit, Humanität, Menschenliebe in sich begreift und mit dem Gesammtnamen Liberalismus heißt. Es ist die deutsch-liberale Partei (du mußt es dir zweimal vorsagen, lieber Leser, daß sie auch liberal ist!), unter deren baumwollener Obsorge, unter deren mildem Sonnenglanze der Antisemitismus zu einer wahrhaft beneidenswerthen Gesundheit erstarkt ist, weshalb es ihr denn auch nicht beigefallen ist, mit der Gründung eines gegen den Antisemitismus gerichteten Vereines, wie er in Deutschland in's Leben gerufen wurde, voranzugehen, und diesem den Rang abzulaufen. Die deutsch-liberale Partei hat das Meiste dazu gethan, daß die Devise — nach unserer Deutung derselben — in Geltung bleibe: ^.U8tria Erit In Orbe Ultima. Doch darüber in einem nächsten Artikel. DerUerein zur Abwehr des Antisemitismus. Wie wir bereits gemeldet, ist in Berlin ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus in's Leben getreten. Derselbe hat nachfolgenden Aufruf veröffentlicht. Wir begrüßen schon in dieser ersten Publication des jungen Vereins eine That von hoher Bedeutung. Der Aufruf zählt bereits 500 Namen vom bestem Klang in der Wissenschaft, im öffentlichen Leben, im Handel und der Industrie, aus verschiedenen Parteien und Berufskreisen. Wie uns mitgetheilt wird, sind in den letzten Tagen aus vielen Orten Deutschlands noch zahlreiche Unterzeichnungen angemeldet, der Vorstand glaubt jedoch, die Veröffentlichung dieser ersten Liste nicht länger hinausschieben zu sollen, da eine baldige Organisation des Vereins erwünscht erschien. Der Aufruf hat folgenden Wortlaut: „Gegen unsere jüdischen Mitbürger wird ein gehässiger Kampf fortgesetzt, welcher der Natur unseres Volkes, seiner geschichtlichen Entwicklung und seiner Stellung unter den civilisirten Nationen zuwider ist. In massenhaft verbreiteten Flugschriften, Zeitungen und Broschüren werden die Juden, denen die Gesetze des Reichs die volle staatsbürgerliche Gleichberchtigung gewährleisten, ohne Unterschied und nur weil sie Juden sind, mit den niedrigsten Beschimpfungen verfolgt Sie werden als Fremdlinge dargestellt und als Menschen, welche die sittlichen Grundlagen des Staats und der Gesellschaft gefährden. Die Aufhebung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung ist das Ziel der antisemitischen Agitationen. Derselben