Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 6 (6.2.1891)
- Date
- 1891-02-06
- Page
- Seite 95 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wen. 6. Februar 18SL VllI Iahrgaug. rgan für die gesummten Interessen des Iudenthnms. -#- Eigenthümer und Herausgeber: Di'. I. S. Bloch. Erscheint jeden Freitag. - Inhalt: Leitartikel: A. E. l. 0. U. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Die Wahlschlacht der Antisemiten. „Schachmatt den Blutlügnern". Theodor Parker über die Bibel und die Juden. Lesefrüchte. Publicationen des israelitischen Cultusvorstandes in Wien. — Correspondenzen: Wien. Pilsen. Bucarest. Leipzig. Worms. Haag. London. Rußland. — Vermischtes: Wien. Proßnitz. Suczawa. Berlin. Rom. London. Paris. — Familienblatt: Griechin und Jude. Ueber den Erfurter Maler und Kunstgelehrten Manasse Unger. Briefkasten. Inserate. iä= Man abonnirt bei allen Postaustalle» des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 35 kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 13 kr. 'ZI Centrato D- -. —■— --■■■- ~[gl K. k. Postsparcasienamt Clearingverkehr Nr.81O.v78 Redactio» und Administration: Wien, l, Rothenthurmstraße Ui». 1°;= -—=p] A. E. I. 0. U. Präludium zu den bevorstehenden Reichsrathswahlen. Von Dr. M. G ü d e m a n n. (Erster Artikel.) Aus Deutschland kommt die frohe Kunde von einem Aufrufe, mit welchem 500 Christen ihre Mitbürger zur Bekämpfung des Antisemitismus aufforderu. Die Unterzeichner rekrutiren sich aus der Elite des deutschen Volkes und aus allen politischen Parteien: Geistliche, Abgeordnete, Professoren, Dichter, Künstler, Fabrikanten, Journalisten, lauter Männer von Namen und Ruf, haben sich zusammengethan, um das erlösende Wort in alle deutschen Lande zu senden und zur Abwälzung der „Schmach des Jahrhunderts" aufzufordern. Deutschland hat sich selbst wiedergefunden. Ein neuer Morgen bricht an und die Schatten der Finsterniß zerfließen vor seinen Strahlen. Die Leser dieses Blattes werden sich erinnern, daß wir bei Besprechung des gegen den Antisemitismus gerichteten Erlasses des hessischen Oberconsistoriums die Wendung, die sich gegenwärtig vollzieht, vorausgesagt haben. Der Weg, den die Entwicklung der Angelegenheit im deutschen Reiche bis hieher genommen hat, ist durch einzelne bemerkenswerthe Etappen markirt, welche beweisen, daß man selbst an allerhöchster Stelle entschlossen ist, der Hochfluth des Antisemitismus endlich einen Damm entgegenzusetzen. Der Wink von oben war maßgebend für die Bürgerschaft, und der soeben erlassene Aufruf zeigt, daß man in den besten Bürgerkreisen Deutschlands ein volles Verständniß besitzt für den von allerhöchster Stelle ertheilten Fingerzeig, und daß man entschlossen ist, demselben zu folgen. Wo aber bleiben wir? Wo bleibt O est errei ch? Die als Ueberschrift dieses Artikels benützten fünf Vocale bilden bekanntlich die verheißungsvolle Devise: „Austria Erit In Orbe Ultima.“ „Oesterreich wird auf dem Erdkreise das letzte sein " Fast aber scheint es, daß der Spruch das schon oft vorgekommene Zuspät kommen Oesterreichs illustriren will, und daß er in diesem Sinne auch in der Haltung Oesterreichs gegenüber dem Antisemitismus sich bewahrheiten soll. Wir werden die „Letzten" sein, die den Antisemitismus conserviren. Während er in Deutschland abwelkt und so schmählich hinstirbt, wie er es verdient, steht er hier noch in üppigster Blüthe, ja es sprechen alle Anzeichen dafür, daß er in dem kommenden Reichsrathe eine ganz neue und reiche Flora in allen erdenkbaren Variationen vom klerikalen bis zum deutsch-nationalen Antisemitismus zeitigen wird. Oesterreich setzt sich dadurch dem zweifelhaften Ruhme aus, daß man die fünf Vocale dahin auslegen wird — man verzeihe uns den Kalauer — „Antisemitismus Erit In Oesterreich Ultimus“. — Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß die Regierung die Hartnäckigkeit des hierländischen antisemitischen Unkrautes theilweise verschuldet. Ein Wort, nicht „an den Minister", sondern von dem Minister, vollends von noch höherer Stelle, würde wie ein versengender Sonnenbrand über jenes Unkraut hinfahren und es vernichten. Allerdings hat die hohe Regierung uns wiederholt auf den unerschütterlichen Bestand der „Staatsgrundgesetze" hingewiesen, und wir leben auch in der Gewißheit, daß der Schutz derselben uns nicht entzogen werden wird. Aber von den Staatsgrundgesetzen allein können wir Juden nicht leben, und vor Allem wird der Antisemitismus nicht daran sterben. Wie er aus der Pfütze gemeiner Gesinnung hervorgegangen ist und gleich allen niederen Gewächsen wenig zu seiner Erhaltung braucht, so bedarf es auch eines energischen Mittels, um ihn auszurotten und seinen Nährboden zu sterilisiren. Ueber dieses Mittel verfügt die Regierung, sie besitzt es in ihrer Apotheke, und es kostet sie so viel wie nichts. Wie gesagt: ein Wort bloß, ein deutliches und entschiedenes Wort! „Am Anfänge war das Wort" lautet auch hier das Evangelium, die frohe Botschaft. Dieser Anfang wäre das Ende des Antisemitismus, sonst kommt Oesterreich wieder zuletzt. A. E. I. 0. U. Indessen wäre es ungerecht. Alles von der Regierung zu verlangen. Wozu wäre denn das Parlament, das doch auch einen Factor der Gesetzgebung bildet. Es gilt jetzt ein neues Parlament zu wählen. Wird dieses uns die Erlösung bringen, so daß wir Juden nicht länger trotz der „Staatsgrundgesetze" als die Findelkinder des Vaterlandes, als die Ausgestoßenen behandelt zu werden befürchten müssen, an denen jeder ungewaschene Mund die Zähne wetzen, an denen jeder erste — Schlechteste sein Müthchen auslassen darf? Ein Blick auf das verflossene Parlament kann uns die Antwort auf diese Frage an die Hand geben. Das alte Parlament wird uns sagen, was wir von dem neuen Parlament zu erwarten haben, das doch, obwohl es ein neues ist, unter den alten Verhältnissen, zumal bei ungebrochener Gesundheit des Antisemitismus, zustande kommt. Es ist das Mißgeschick der Juden in Oesterreich, daß das österreichische Parlament nicht aus politischen, sondern aus nationalen Parteien besteht. Vielleicht bildet dieser Umstand auch das Mißgeschick der Regierung. Unsere Regierung befindet sich in der Lage eines Lehrers, der vor lauter Discipliniren nicht zum Unterrichten kommt.