Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-01-02 · 1 (2.1.1891) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
1 (2.1.1891)
Date
1891-01-02
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020849--00018-3023985
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 14. Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 1. Als sie allein war, brach der langverhaltene Schmerz in Thränen I aus. „Er häuft Schmach auf Schmach" schluchzte sie, „und das alles, weil ich eine Jüdin bin! weil ich das Unglück habe, dieser niedrigen, beschimpften Rasie anzugehören. O wie ich sie hasse! Nein, nicht länger will ich in Gemeinschaft mit ihnen stehen! Fort mit diesen Fesseln, fort ans dieser Knechtschaft!" Mit einer heftigen Bewegung raffte sie sich auf. In athemloser Hast öffnete sie Kästen und Schubläden, mit nervöser Hand da und dort etwas hervorholend. Da lag auch ein sorgfältig zusammengeknüpftes Päckchen, das Erbtheil ihrer verstorbenen Mutter, ihr werthvollster Besitz. Zögernd griff sie darnach. Gemahnte es sie vielleicht an die Pflichten, die sie schnöde verlaffen wollte, ihre Pflichten als Aelteste sowohl gegen ihren Vater als auch gegen ihre kleinen verwaisten Geschwister. Doch nur einen Moment war sie unschlüssig. Dann hüllte sie sich in ein Tuch und huschte wie ein Schatten in die Dunkelheit hinaus. Nächsten Tag war das ganze Städtchen in Aufregung. Esther Pollak war verschwunden. Der Graf selbst leitete alle Nachforschungen — Ein kleiner Knabe fand an einem Strauch am Ufer einen Fetzen von Esthers Umhängtuch. Mau gab der Bermuthung Raum, Esther sei ertrunken und durchsuchte das Waffer nach allen Richtungen. Vergebens! Esther war und blieb verschwunden. Ihr alter Vater war von Kummer und Gram niedergebeugt. Ihre kleinen Geschwister weinten. Allgemein trauerte man um das schöne Mädchen. Gras Wladimir verließ sehr betrübt kurz danach den Ort. ll. Ein ungewöhnliches Leben herrschte auf den öffentlichen Plätzen und in den Kaffeehäusern der Landeshauptstadt L. Heute ging ein neuer Stern, a star, am Theaterhimmel auf. Es war das Debüt einer jungen Sängerin, die eine zweite Patti, Lucca und wer weiß was, zu werden versprach. Dabei sollte sie ein Wunder an Schönheit und Anmuth sein. Das Theater war gedrängt voll. Ein blühender Kranz liebreizender Damen füllte die Logen, von einem Heer von Cavalieren umschwärmt. Es war ein Gewoge von Spitzen und Federn, einFunkeln und Schimmern von Juwelen und Geschmeide. Das Theater trug das buute, glänzende Gepräge eines animirten Abends. Gleich beim Eintritt empfing die Sängerin rauschender Beifallssturm. Eine schönere Elsa hatte es wohl nie gegeben! Erna Palmreis errang einen vollständigen Erfolg, sie konnte mit ihrem Debüt zuftieden sein. In der Loge des Grafen Wladimir C. war es die junge Gräfin, welche enthusiastisch Beifall klatschte. Aber mit dem Grafen ging etwas Merkwürdiges vor. Er lehnte an der Brüstung bleich, die Künstlerin mit den Augen verschlingend, und als ob seinen Blicken magnettsche Kraft iunewohne, so ttaf ihn jetzt auch der Blick der Sängerin, ein triumphirendcr, siegender Blick. „Ja, sie ist's, sie ist es", murmelte er, „doch ich muß mir Gewißheit verschaffen." Wie gebannt hing sein Auge an der entzückenden Erscheinung. „Aber Wladimir, Du applaudirst gar nicht? Sie ist ja einzig köstlich," klang es jetzt von seiner jungen Frau herüber. »Ja, ja," sagte er in tiefes Sinnen verloren. Der Vorhang fiel. Wladimir reichte seiner Frau die Umhülle und führte sie zum Wagen. „Adieu, Wanda, ich soupire heute im Club." „Adieu, Wladimir, k immst Du bald?" „Gewiß, gewiß!" und schon sausten die Pferde im Galopp davon. Erna Palmreis saß in ihrem reizend ausgestatteten Boudoir. Ihr prachtvolles Goldhaar hatte sich gelöst und schmiegte sich wie ein goldener Mantel um ihre Schultern. Ein Lächeln der Befriedigung schwebte über ihren feingeschnittenen Zügen, als sie die Ovationen des heutigen Abends an ihrem Geist vorüberziehen ließ. Das Werk war gelungen, sie hatte ihr Ziel erreicht, war gefeiert und bewundert. Da verduukette plötzlich eine Wolke ihre heitere Miene. Düstere Bilder aus der Vergangenheit tauchten in ihrer Seele auf. Sie sah sich wieder als Esther Pollak zuhause in drückenden Verhältnissen, aus denen sie sich, ach! so sehr herausfehnte. Dann die Episode mit dem Grafen Wladimir. — Wie ein Schleier senkte es sich ihr über die Augen. — Nach dem Bruch mü dem Grafen war es kein Bleiben mehr für sie. Au jenem Tage hatte sich ihre Zukunft entschieden. Sie erinnerte sich der Schauspielertruppe, die in dem Städtchen damals Vorstellungen gab und — als dieselbe des anderen Morgens die Stadt verließ, war Esther darunter. Der Director hatte die Schöne mit Freuden engagirt. — Bei der nächsten Haltestelle angelangt, war ihr erster Weg zum Pfarrer, sich taufen zu lassen. Damtt war der erste Schritt gethan, die hemmenden, entwürdigenden Bande des Judenthums abzuftreifen. Bald darauf wurde durch Zufall ein Kunstmäcen auf den Wohlllang ihrer Sttmme aufmerksam und ließ sie ausbilden. Sie war eine ebenso gelehrige, als talentirte Schülerin und nach fünffährigem eifrigem Studium konnte sie öffentlich auftreten. In den vielen, der rastlosen Arbeit geweihten Jahren, wenn ihr oft fast der Math bei den zu überwältigenden Schwierigkeiten sinken wollte, tröstete sie nur die Erwartung eines solchen Abends wie der heutige. Ihr Triumph war noch erhöht durch die Anwesenheit des Grafen. — Ob er in chr, der Gefeierten, das einst von ihm verschmähte Mädchen erkannt hat? — Doch was war das? Sie richtete sich lauschend auf. Vernahm sie nicht Graf Wladimirs Stimme? „Laffen Sie mich ein, ich muß die Diva sprechen!" „Das Fräulein empfängt Niemanden", swar die abwehrende Antwort Sascha's, der Kammerjungfer.. „Aber hören Sie, ich muß sie sehen, sprechen," bat er beschwörend. „Geben Sie ihr diese Karte." Sascha brachte die Karte mit den entschuldigenden Worten: „Der Herr will sich nicht abweisen laffen." „Ich kenne den Herrn nicht und empfange Niemanden, absolut Niemanden, Du weißt es." Sascha ging hinaus. „Aber ich muß sie sprechen," rief draußen der Graf verzweifelt „und ich werde sie sprechen!" Da stand er schon auf der Schwelle. „Verzeihen Sie, mein Fräulein" — weiter kam er nicht. Esther schaute den Eindringling so erzürnt an, daß ihm das Wort im Munde erstarb. Bis jetzt hielt er sich für überzeugt, daß die Sängerin Esther und keine andere sei, aber nun ward er irre. Konnte diese Dame mit dem Tizianhaar die dunkelhaarige Esther sein? Würde ihm Esther so fremd, mit so vollständiger Gleichgiltigkeit begegnen? „Verzeihen Sie, mein Fräulein" begann er, nochmals mit unsicherer Stimme, „wenn ich es gewagt, hier einzudringen. Ich glaubte, eine Bekannte in Ihnen zu finden" und indem er nähertrat, setzte er hinzu „und — ich glaube es noch — in Ihnen — die schöne Esther wieder zu erkennen." Sie blieb vollkommen ruhig, keine Blutwelle stieg in.ihr Antlitz. Sie maß ihn nur mit einem kalt staunenden Blicke. „Mein Herr, ich verstehe ke n Wort von dem, was Sie da sagen. Meine Name ist Erna Palmreis; was veranlaßt Sie, mich Esther zu nennen?" „Seien Sie nicht so grausam, schöne Esther, Sie sind es ja, leugnen Sie nicht. Unmöglich können sich zwei Geschöpfe so ähnlich sehen. Wie habe ich um Sie gettauert! Haben Sie mich ganz vergessen? Seien Sie milde, Esther!" flehte er. „Esther! Esther!" wiederholte sie ungeduldig „weshalb nennen Sie mich so beharrlich bei diesem Namen? Ich kenne Sie nicht." Dabei näherte sie sich der elektrischen Klingel. Graf Wladimir war bestürzt. Sollte ihn wirklich nur eine phänomenale Aehnlichkeit getäuscht haben? Und doch, und doch, je länger er sie betrachtete — trotz des Goldhaars, trotz des noch imposanteren Wesens. — Er faßte sich den Kopf, wer löst ihm dieses Räthsel? — Esther stand noch immer da mit marmorner Ruhe, im Begriffe zu läuten. Er sah ein, daß ein längeres Verweilen tactlos wäre. „Verzeihen Sie, mein Fräulein, es war nur die große Aehnlichkeit, die mich zu dem Glauben verleitete, in Ihnen eine liebe Freundin, die ich als todt betrauerte, wiederzufinden. Verzeihen Sie, mein Fräulein!" Und er entfernte sich. Endlich, daß er fort war! Es hatte ihrer ganzen schauspielerischen Kunst, ihrer ganzen physischen Kraft bedurft, um ihre Fassung zu bewahren. Aber sie mußte stark bleiben. Der Graf sollte nie die Wahrheit erfahren, damit das Geheimniß ihrer jüdischen Abstammung nicht verrathen werde. Hatte sie ja sogar, um jede Spur ihrer orientalischen Abkunft zu verwischen, ihr schönes, schwarzes Haar goldblond gefärbt. Niemand sollte ahnen, daß die Wiege der schönen, hochgefeierten Sängerin Erna Palmreis in dem Ghetto eines polnischen Städtchens gestanden sei! Sie haßte die Juden noch ebenso gründlich und unvermindert als je und vermied sorgsam jede Berührung mit ihnen. Nie kam eine Botschaft von ihr in's Vaterhaus. Selbst ihre nicht unbedeutenden Ersparnisse hätte sie keinem Rothschild anvertraut, sie legte sie l'eber bei einem echten, unverfälschten Arier an. HI. In Wien, dem gemächlichen, ewig lustigen Wien, verursachte im Herbst des Jahres 1889 die überraschende Nachricht von dem Falliment einer hochangesehenen Firma ungeheure Sensation. Der Chef, eine „ehrenwerthe" Persönlichkeit, mit Titeln reich beladen, der seit vielen Jahren am Wiener Platze ein Bankgeschäft inne hatte, wurde wegen Malversationen verhaftet. Die Untersuchung ergab, daß derselbe ehrenwerthe Mann Namens K . . d . . r auf die unlauterste, schändlichste Weise die Leute betrog und ihnen ihr langjährig Erworbenes herauslockte. Ein Schrei der Entrüstung ging durch ganz Wien. Die gutherzigen Wiener würden, wenn sic hätten können, den Mann gelyncht haben. Armen Menschen ihr Hab und Gut zu rauben l Empörend! Eine lange Liste enthielt die Namen der Beschädigten. Aber nicht alle waren darin verzeichnet. Es gab auch verschämte Gläubiger, die lieber auf jeden Anspruch verzichteten, als ihre Namen herumzerren zu laffen. Unter diesen letzteren befand sich auch Erna Palmreis. Aus Furcht bei Gericht ihre Herkunft nachzuweisen zu müssen, meldete sie ihre Einlage gar nicht an. Allerdings würde sie wieder von vorne beginnen müssen; was verschlug es ihr? das Geld strömte ihr unablässig zu, ihre Triller und Passagen waren noch immer blankes Gold, obwohl sie nicht mehr die in herrlichster Jugendfrische prangende Esther war. Doch das Unheil schreitet schnell. — Eine Erkühlung, anfangs unbeachtet, artete in einen chronischen Kehlkopfkatarrh aus, infolgedessen sie ihre Stimme verlor und gezwungen war, der Bühnenlaufbahn zu entsagen. Doppelt niederschmetternd war für sie nun der Verlust ihres Capitals, dessen Zinsen ihr jetzt ihren Lebensunterhalt gewahrt hätten. Und sie meinte, ihr Geld in christlichen Hürden sei so gut geborgen!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.