Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 1 (2.1.1891)
- Date
- 1891-01-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 1 Bravour executirlen. Hieraus hielt der Oberlehrer eine der Schulfeier anpassende und überaus patriotische Rede, in welcher er unfern erhabenen allgeliebten Kaiser Franz Josef I. als den höchsten Beschützer, Freund und Förderer der Schulen und Bildungsanstalten pries. Er schloß seine Rede mit einem dreimaligen Hoch auf unfern allverehrten Kaiser, in welches die Schuljugend und alle zahlreich anwesenden Gäste begeistert einstimmten. Als Religionslehrer dieser (christlichen!) Schule sah auch ich mich veranlaßt, an die Kleinen eine Ansprache zu halten, in welcher ich denselben die Gleichartigkeit der begehenden Schulfeier mit dem gleichzeitigen Chanukahfeste erklärlich machte, indem ich nach Erzählung der Entstehungsgeschichte des Channkahfestes nachwies, daß Chanukah nichts anderes als ein Lichtfest sei. Und Licht, geistiges Licht, in Kopf und Herz der Kinder zu entzünden, ist Aufgabe und Ziel der Schule. Die Schule ist der mehrarmige Leuchter, an welchem die verschiedenartigen Lichter des dem Menschen, welchem Lebensberuse er sich auch immer widmen möge, unbedingt und unentbehrlich nöthigen Wissens angezündet werden, die auf seiner künftigen Lebensbahn leuchten sollen. Die Volksschule ist für die Schuljugend eine heilige Weihestäite, in welcher sie die erste und beste Weihe für das Leben erhalten, ihr daher der gesetzes- und pflichtgemäße achtjährige Schulbesuch heilig sein müsse, auf daß die hier gewonuenen Lichter, obenan das Licht der Religion und die Flamme des Patriotismus ihr den künftigen Lebensweg erleuchte. Damit aber armen Kinderu imbemittelter Eltern in der rauhen Jahreszeit des Winters aus Mangel an den nöthigen Kleidern, als Schutz gegen die Unbill des winterlichen Wetters der so dringend nöthige und höchst nützliche Schulbesuch nicht verleidet oder gar unmöglich gemacht würde, haben gute, edle und wohlthätige Ferunde der Schule diesen Kindern gute, warme Kleider anfertigen lassen. Das war nun die Chanukahfeier an der hiesigen deutschen Volksschule, an welcher unter 100 jüdischen Kindern nur 2 christlicher Confession sind. A. Fried mann, Rabbiner. Mrag, 28. December. Gestern Abends hielt Herr Dr. Joel Müller aus Berlin im Verein Afike Jelmda einen Vortrag über „König Saul in Sage und Dichtung". Die hiesigen Rabbiner - Gelehrten und eine zahlreiche Zuhörerschaft waren zu demselben erschienen. Der Redner führte in den einleitenden Worten aus, daß er nicht die Absicht habe, in seinem Vortrage Saul zu vertheidigen oder zu retten. Die jüdische Sage beweise, daß der Volksgeist sich schon früh ein selbstständiges Urtheil über diesen König gebildet habe. Es wurden sodann alle Sagen, welche sich auf Saul uud seine Familie beziehen, durchgenommen und behandelt. Eingeflochten wurden vergleichende Bettachtungen über die Sagenbildung bei dem jüdischen Volke und bei anderen Stämmen. Der Vortragende zeigte dann an den Dichtungen, welche Sauls Leben oder Episoden aus diesem Leben behandeln, daß diese Dichtungen eine gemeinsame Tendenz mit den alten Sagen haben. Ein bisher unbekanntes, dem Redner von Ludwig August Frankel Ritter von H o ch w e r t zugesandtes Gedicht „Saul" wurde verlesen. Nachdem die dramatischen Dichtungen. in den Literaturen der verschiedenen Sprachen Europas behandelt waren, wies Redner mit Nachdruck auf das hebräische Drama Meluchat Schaul hin, welches ein Schlesier, Joseph Troytowitz, der am Ende des vorigen Jahrhunderts in Prag lebte, geschrieben hat, und schloß mit dem Hinweise auf die großen Tugenden Sauls und Jonathans. Der eine Stunde dauernde Vvrttag fesselte durch gediegenen Inhalt und gefällige Form. Wie wir vernehmen, wird der nächste Vortrag vom Herrn Bereinspräsidenten Dr. S. Gelbhaus gehalten werden über Berührungen zwischen der jüdischen und deutschen Volkspoesie. Mertm, 22. December. Ueber eine scandalöse Scene, welche sich vorgestern Abend im Circus Schumann ereignete und die Intervention eines Polizeibeamten zur Folge gehabt hat, wird dem „Börsen-Cour." berichtet: Zwei israelitische Herren, die Gebrüder Sigmund und Julius C., Inhaber einer Federbesatzfabrik in Berlin, besuchten an dem bezeichueten Abend die Vorstellung des Circus Schumann mit» hatten zwei Tribünenplütze inne. Neben den beiden Herren saß ein Ehepaar, welches sich beständig lebhaft in französischer Sprache unterhielt. Als Frl. Adele Schumann die hohe Schule ritt, bemerkte der Herr ziemlich laut: „C’est une juive!“ und knüpfte hieran noch eine ungezogene Aeußernng in Betteff der vortrefflichen Schulreiterin. Während einer Pause verließ das Ehepaar seine Plätze Als der Herr und die Dame bei Wiederbeginn der Vorstellung zurückkehrten und sich nach ihren Plätzen umsahen, sagte die Dame: „C’est ici!“ woraus ihr Begleiter mit einem Blicke auf Herrn Sigmund C. erwiderte: „Om, a cöte de ce fichu juif!“ (Jawohl, neben dem verfluchten Juden hier!) Infolge dieser pöbelhaften Aeußernng erhob sich Herr Sigmund C., welcher der französischen Sprache vollkommen mächtig ist, und holte einen Polizeilieutenant behufs Feststellung der Persönlichkeit des Beleidigers herbei. Von dem Lieutenant zuredegestellt, bequemte sich der betreffende Herr mit einem Male dazu, deutsch zu sprechen, und seine ersten Worte waren: „Ich bin königlich preußischer Beamter!" Der Brave, welcker ohne die mindeste Veranlassung einen zufällig neben ihm sitzenden Herrn so unflätig beleidigt hatte, entpuppte sich als — Dr. E W. Mayer, Göbenstr. 17 eine Treppe wohnhaft, Lehrer im Friedrich-Wilhelm- Gymnasium. Göltiugeri, 18. December. Das Verdammungsurtheil, welches der Prorector Prof. Dr. Orth über die antisemitischen Agitatoren ausgesprochen hat, muß diesen Herren viel Sorge und Kummet bereitet hoben, und um den Eindruck, den diese Worte möglicherweise auf die Gemüther der Studenten machen könnten, sofort zu verwischen, war Herr Liebermann von Sonnenberg auf seiner Hetzreise durch unsere Provinz gleich mit der Jnscenirung einer Antisemiten-Versammlung in unserer Stadt bei der Hand, Herr Prof. Orth erhielt sogar eine Einladung zu derselben, er leistete ihr jedoch keine Folge. Von den Professoren waren drei Herren erschienen, die seinen Standpunkt theilen, und die sich entschieden gegen das Vorgehen der Hetzer aussprachen. Der andauernden Angriffe überdrüssig, hat Herr Prof Orth in der „Gött. Zta " folgende Erklärung veröffentlicht: „Bisher habe ich die gegen mich gerichtete antisemitische Hetze stillschweigend über mich ergehen lassen, nachdem ich aber aus dem Bericht der „Göttinger Zeitung" über die stattgehabte Antisemiten-Versammlung im Hürnerbrüu, dessen Richtigkeit ich natürlich voraussetzen muß, ersehen habe, daß auch in dieser Versammlung, wie vorher in einigen Zeitungen, die unwahre Angabe gemacht worden ist, ich hätte alle Antisemiten als mit einem sittlichen Makel behaftet hingestellt, sehe ich mich zu der Erklärung veranlaßt, daß ich gelegentlich einer nicht öffentlichen Immatrikulations-Ansprache an Studenten nur gesagt habe, daß in meinen Augen jeder antisemitische Agitator mit einem sittlichen Makel behaftet sei. Diese Anschauung habe ich noch heute, und ich werde sie haben, so lange die Antisemiten ihre Agitation in der seitherigen Weise fortsetzen." Maris. (Mission in der argentinischen Republik.) Im Monate October entsandte Herr Baron Hirsch drei Vertrauensmänner nach der argentinischen Republik, mit dem Aufträge, sich dort und in den umliegenden Ländern nach guten Terrains umzusehen, woselbst sich successive israelitische Auswanderer aus Rußland niederlassen könnten, hauptsächlich Ackerbauer oder Handwerker. Die Mission soll sich gründlich über das Land informiren und die Mittel ausfindig machen, um die Absichten des groß-; müthigen Philanthropen zu verwirklichen. Man vermuthet,