Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1896)
- Date
- 1896-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dies verursachte ihm bitteren Gram, welchen Leah in vollem Masse teilte. Nur die Anwesenheit der immer starken, immer aufheiternden Rosa und die — wenn auch spärlich eint reffenden Briefe Daniel s, welche, so bescheklen sie auch abgefasst waren, doch immer die Meldung seiner Erfolge enthielten, hielten das greise Paar aufrecht und brachten manchen goldnen Sonnenblick in die dunkle Zeit hinein. So lebte man die Wochen und Mond«* hindurch. An einem .-Nachmittage trat Rosa eben aus der Thüre ihrer Hütte, um zu ihren Schwiegereltern zu gehen, wohin ihr bereits ihre Mutter voran war. Sie hatte nach Ge* wohnheit alles schon für die Nacht geordnet, da die beiden Frauen erst zu später Stunde zurückzukehren pflegten. Da kam gerade der Graf Roderich die Gasse herauf, der wohl von einem Jagdzuge durch den Wald einen Rieht weg durch diese von ihm gewiss selten betretene Gasse nehmen wollte. Aut diesem Wege traf er unversehens auf Rosa, und der Anblick dieses schönen Mädchens, das an feiner Gestalt, an anmutiger Haltung, an lieblichem Teint, abgesehen von der Schönheit ihrer Gesichtsform und ihrer glänzenden Augen so gänzlich von den übrigen Bewohnerinnen des Dorfes sich unterschied, und deren Kleidung selbst, wenn auch nur dürftig, doch schon einen städtischen Zuschnitt verriet, machte einen tiefen Eindruck auf den jungen Mann, der nichts weniger als eine so seltene Blume auf der Sandflur der dörflichen Bevölkerung erwartet hatte. Dieser Eindruck war ein so plötzlicher, dass das Mädchen längst vorüber war, bevor er seiner Verwunderung Herr ward. Träume risch verfolgte Roderich seinen Weg zum Schlosse, und sein erstes Geschäft war, seinem listigen Kammerdiener «len Befehl zu geben, nachzuforschen, wer dieses Mädchen aus der Seitengasse des Dorfes, und welche ihre Verhältnisse seien. Dies war denn keine schwere Aufgabe, und noch an demselben Tage erfuhr er, dass sie, wofür er sie gleich'-erkannt, eine Jüdin, die Tochter einer armen Häuslerin und die Braut Daniel Battersdorfs sei. Der letzte Umstand galt dem wüsten jungen Manne als kein Bedenken und Hindernis, der erster© schien ihm günstig. Von dieser Zeit an begegnete Rosa dem Grafen auf ihrem täglichen Gange. Er grösste sie, blieb stehen, bis sie vorüber war und suchte eine Gelegenheit, um sie anzureden. Bald ging er einen Schritt weiter. Bald fand Rosa jeden Morgen, da sie an das Fenster der Schlafkammer trat, einen wundervollen Blumenstrauss von seltenster Art, der von nirgend anders als aus den Treibhäusern des Schlosses stammen konnte. Dies erfüllte sie mit Besorgnis und Schrecken, und sie konnte nichts anderes thun, als gleich das erste Mal den Straüss vom Fenster auf den Boden des Gartens, wohin das Fenster der Schlafkammer ging, zu stossen, wo er den Tag über liegen blieb, indem sie voraussetzte, dass der Bringer des Strausses dies gewahre und so die Verachtung erkennen würde, mit welcher sie seine Gabe aufnehme. (Fortsetzung folgt.)