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Berliner Vereinsbote · 1896-11-13 · Heft 46 (13.11.1896) · page 5

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Das ergriff mächtig alle Anwesenden, und man hörte eine Zeitlang in dem Gemach nur das Schluchzen des Mädchens und des alten Vaters, der es nicht mehr zumckhalten konnte. Nach kurzerv Zeit fand unter den dreien eine Beratung statt, deren Beschluss war, dass der alte Salme einen Wagen auf den frühen Morgen besorgen solle, der sie alle diei nach T. bringe, und dass die beiden Frauenzimnier sich alsbald an das Werk machten, um zusammenzupacken, was dem Daniel nötig wäre. Dies war nun freilich für die Mutter eine schwere Aufgabe, denn sie nahm kein Stück der Wäsche und Kleidung ihres Sohnes in die Hand, ohne Thränen darauf zu vergiessen, und eine lange Apostrophe an Rosa zu richten, ihr die Geschichte jedes einzelnen erzählend, wobei ihr Mund von der Verherrlichung ihres Sohnes überfloss.* Und dann die Auswahl zu treffen! Er sollte nichts entbehren, alles schien ihm zu seiner Bequemlichkeit notwendig. Sq fand Halme bei seiner Rückkehr einen 80 grossen Packen* voi:, dass er trotz seinem Kummer laut auflachen musste. ״Meinst Du denn, Mütterchen4, sprach er, ״dass Dein Sohn mit diesem Ballen auf den Schultern iri’8 Feld rückeü soll? Oder dass man ihm ©inen Bagage wagen zu Gebote stellen wird?4 Sie musste es sich daher gefallen lassen, dass ei eine Auswähl traf, die allerdings noch mehr als genug übrig liess. Es war darüber spät geworden; aber Leah behielt Rosa dennoch bei sieh zurück, und schickte ihren Mann fort. Dann brachte sie ein Stück wollenes Zeug herbei, schnitt es zu, und Rosa musste es nach der Form nähen. Es sollte ein Arba Kanfot werden, und in jede der vier Ecktäschehen nähte sie selbst einen Dukaten hinein, Münzen, die sie seit langen Jahren sich gespart hatte, und welche ihr Sohn als letztes Hilfsmittel in dringendster Gefahr benutzen sollte. Dann wurden die üblichen Schaufäden gewissenhaft hineingewunden und geknotet —־ und Rosa, es war nach Mitternacht, zu einem kurzen Schlafe entlassen, wenn sie ihn finden könnte. Erst nachdem bei Vater Salme der erste Brief seines Sohnes eingelaufen, beruhigten sich die Gemüter’der Eltern und des holden Mädchens in etwas: denn sie י sahen doch nun, dass der Abschied nicht gerade den Verlust auf immer bedeutet habe, und es waren ihnen daher diese ersten Zeilen seiner Hand wie die erste Bürgschaft seiner Wiederkehr. Man ordnete daher nach und nach das Beben auch in der Abwesenheit Daniels und ©snahoten der traulichen Schwelle wieder Stunden der Ruhe, ja selbst der Feier. Dazu trug aber Rosa das Meist♦‘ bei. Der Gedanke, sie vor kurzem noch von sieh gestossen zu haben, lag den Alten jetzt schon so fern, dass sie sich seiner kaum mehr erinnerten. Sie war ihnen Tochter geworden in vollem Sinne und da jene das Glück, eine solche zu besitzen, noch nicht gekannt, war ihr häusliches Leben davon wie von einem neuen Dufte durchweht, welchen die bescheidene Zärtlichkeit, die immer fürsorgende Zuvorkommenheit, die Zartheit und Frische der Jugend verbreitete. Sie schlugen dem Mädchen sogar vor, mit ihrer Mutter einen Teil dos Hauses zu beziehen; aber hierin gab sie selbst ihren wiederholten Bitten nicht nach, da sie von der Kränkliekeit ihrer Mutter Belästigung der alten Leute fürchtete. Desto un-

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