Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Garantierte Auflage 5000 Exemplar Postzeltu r>gs-Li ste 97Ö, für die jüdischen Vereine Berlins. Erscheint^ jeden Freilag, wird allen Mitgliedern der Vereine gratis zugestellt, ün4 liegt in allen jüdischen Hotels und Restaurants aus. Etezugsprtis für Nichtmitglieder } Mark vierteljährlich. — Insertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Expedition und Annoncen-Annahme: Berlin NO., Kaiserstrasse 39/40. Nqmmer 46. Berlin, den 13. November 1896. II. Jahrgang. Das Eigentümliche Israels. Es wird unsere Leser interessieren, ein Urteil über unsere religiöse Eigenart kennen zu lernen, das wir der Schrift: ״David, derKönig ohne Gleichen״, von einem hervorragenden christlichen Theologen*), entnehmen. Vor allen Dingen müssen wir das Volk Israel in seiner Eigentümlichkeit zu erkennen suchen. Diese Eigentümlichkeit bestellt, wie jeder schon von ferne sieht, in seiner Religion. Jedes Volk hat freilich im Altertum seine eigentümliche Religion, aber alle übrigen alten Volksreligionen werden von einem gemeinsamen Bande umschlungen, und diesem gemeinsamen Charakter Letzt sich die Eigentumlichkeit der israelitischen Religion entgegen -־ Während alle übrigen Völker des Altertums das göttliche Wesen, welches sie verehren, mit der Welt vermischen, unterscheiden die Israeliten den Gott, welchen sie anbeten, ganz bestimmt von der Welt, was sich am deutlichsten darin zu erkennen giebt, dass jede Erscheinung immer von seinem Wesen unterschieden war und jegliche Abbildung Gottes, wenn sie auch noch so gut gemeint sein mag, als Abfall angesehen wird. Damit hängt genau zusammen, dass, während die Heiden die Gottheit als ein Mannigfaltiges denken, wie denn alles weltliche mannigfaltig ist, die Israeliten mit der ״grössten Strenge und, Schärfe auf die ungeteilte Einheit des göttlichen Wesens halten. Die Israeliten waren sich bewusst, in dieser religiösen Unterschiedlichkeit die Reinheit und Wahrheit der Religion für alle Völker und Zeiten zu besitzen.» Sie schrieben sich von alters her das Priestertum zu, durch welches alle Völker aus der Welt zu Gott geführt werden sollen (s.J M. 19,6), und wenn dereinst der Segen Gottes durch Abraham und seine Nachkommenschaft über *alle Stämme und Volker gekommen sein werde, so dachten sie sich 868י als Ziel und Efide aller Geschichte (s. 1 M. 12,1—3). äicherweise konnten sich die Hellenen keine menschenrdige Bildung und Cultur vorstellen, wenn nicht ihre Wissenschaft und Kunst die Weihe erteilt, und den Römern erscheint die Welt Staat- und machtlos, wenn nicht die Herrschaft und die Gesetze der ewigen Roma die Völker und Länder des Erdkreises umspannen. Diesen universal¬ *) Baumgarten in Rostock. geschichtlichen Ahnungen der genannten drei Völker hat die Geschichte selber den Stempel der Wahrheit und Berichtigung aufgeprägt. Kunst und Wissenschaft des griechischen Altertums ist nicht blos die Schule, sondern auch das bleibende Vorbild für die Geisteseultiir aller Zeiten geworden, und der römische Rechtskörper, sowohl als Reich wie als Gesetzbuch, ist der feste Rahmen geblieben, in welchen die bürgerlichen Ordnungen diesseit und jenseit des Oceans eingespannt worden sind. So wie die geschichtlichen Normen der beiden eben genannten• Völker Äch auf die Entwickelung des Weltlebens beziehen, des idealen, sowie des realen, .gewahrt das israelitische Volk den bleibenden Typus für das religiöse Leben, für das Verhältnis zwischen Gottheit und־• Menschheit' und in dem Maasse, als für dieses innerlichste und zarteste Verhältnis die Zuversicht um so notwendiger , ist, als für die Weltverhältnisse, ist auch das israelitische Bewusstsein von der zukünftigen Bestimmung dieses Volkes tun so selbstgewisser und bestimmter: während die beiden andern Völker nur eine mstinc tmässige Ahnung von ihret zukünftigen Bestimmung besitzen, steht bei den Israeliten ihre iiniversal^eschichtliche Zukunft in der Form von Weissagung nud Hoffnung zweifellos fest. In diesem* lohte der Zukunft haben alle Gaben und Vorzüge, deren cli Israel erfreut, ihr. sehliessliches Absehen auf die Gesamtheit der Völker: es können demnach diese Aus- Zeichnungen dem erwählten Volke•׳־•’nicht etwa zum Genüsse und zum Ruhme hingegebeu sein, sie. erheischen einen strengen und heiligen Dienst, durch welchen diese .Schätze , und Güter des höchsten Lebens, die zunächst Israel arivertraut sind, der Gesamtheit der Völker zugänglich gemacht werden sollen. Es gehört also zu den vielen Irrt Ürnern, welche über das alttestamentliche Volk verbreitet sind und unbeseliens fortgepflanzf werden, dass es eine Haupteigen- Schaft der Israeliten sei, in eitler Selbstüberhebung und mit hochmütiger Verachtung aller andern Völker, welche sie Heiden nennen,, ihres besonderen Bundes mit Gott sich zu rühmen. Die CUrricatur der Nationäleitelkeit geht überall und allezeit neben dem berechtigten und püichtmässigen Selbstbewusstsein nationaler Eigentümlichkeit einher und so auch bei den Juden; will man aber wissen, was wahrhaft israelitisch ist, so frage man und erforsche diejenigen, welche die Geschichte selbst als die Repräsentanten ihres