Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Freilich fühlte die alte Frau einen Stich im Herzen, als die Mutter des Bräutigams der Braut ein feines Geschenk in einer alten, aber wertvollen goldenen Kette darbraehtey während sie dem Bräutigam nichts als das Wort 'ihres• GlückWunsches, freilich von vielen Thränen begleitet, ■bringen konnte. ־ Abei־ die fröhliche Laune, die in dem kleinen. Kreist*, herrschte, glich bald alles aus, und als der ״Lehrer“, wie es üblich, die Untertasse * auf 3en Boden schmetterte, dass sie in tausend Stücke zersplitterte, stieg in den kummergewohnten Herzen der ulten Dulderin die Hoffnung, auf, «lass auch für sie die Zeit des Daijbens und des Mangels■ vorüber, sei und ein sorgmtfoser Lebensabend ■sie erwarte. I Einige Wochen vo?gingen. In unserem Kreise war es Drbig geworden und schien im alten Geleise . forfczuwandeln.' Indos Hatten.•sieh.die folgenschweren ■Ereignisse gehäuft. Pn-uss«•]} hatte den Krieg erklärt, ufid selbst die Offensiv«' schon ergriffen. Neu*‘ französische Regimenter kamen über den Rhein gezogen, und Napoleon schien wie mit einem Zauber die ungeheuren Lücken seiner Heere auszufüllen. Er hatte aber zu diesem Zwecke alle kleinen, durch die von ihm beherrschten Länder zerstreuten Oo'rps und Detasehements zusammengezogen, so dass die Landschatten vom Militärganz frei waren, und mir in den Festungen Besatzungen zurückgeblieben waren. Schnuren von jungen Leuten aus den ehemals preußischen, jetzt westfälischen Provinzen waren über die Grenze gegangen, um zu den preussischenV^ahnen zu eilen. An einem Sabbathsnachmittage trat Daniel in das Zimmer zu. seine ן u Väter ein, der damit beschäftigt war, die Sidra in der alter! aramäischen Uebersetzung «Targam.׳ zu ledern, von derer freilich kein Sterbenswörtchen verstand. l)er Sohn sprach nun noch einmal seinen Vater um die Erlaubnis an, ebenfalls in die Freiwilligen einzutreten. Der alte Saline .wiederholte ׳ in kurzen aber strengen Worten, «lass er dies nicht zugeben werde und mahnte ihn an die doppelt«- Pflicht, die er als verlobter Bräutigam jetzt auf sich habe. Alle Einwendungen des Sohnes halfen zu nichts. Der bekümmerte Jüngling ging zu Rosa, und schüttete ihr sein Herz aus. Wir wollen es aber unsern Lesern nicht verschweigen, dass Rosa durchaus nicht so heroisch gesinnt war, wie sie es sichyvielleicht ' denken. Sie war leider erprobt, und Gott ^rtrauend, um selbst den härtesten Schlag des Schick- Stils gefasst zu ertragen; Aber ■für Freiheit und Vaterland schwärmte sie nicht im geringsten. Sie redete daher ihrem Geliebten doch zu, den Plan aufzugehen, und sieb seinen Sohnespflichten und ihrem Glücke zu widmen, und manche unfreiwillige Thräne floss dabei, ohne dass 81׳ freilich seinem Willen sich hartnäckig י widersetzen, wollte. Diese Art rührte ihn allerdings ■am meisten und hätte seinen Entschluss am ehesten gebrochen, wenn dies be! ihm möglich gewesen. Er gehörte aber zu jenen Naturen, in welchen ein einmal gefasster Gedanke so mit ihrem ganzen Selbst verwächst, dass sie sieb nicht mehr von ihm loslösen können. (Fortsetzung folgt.»