Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Diese Zeit traf den Sohn des Grafen and den Sohn des Juden wieder in ihrer Heimat an. Graf Rhodrich war ein kräftiger, hochgewachsener, dreiundz wanzigj ährige r Jüngling ■geworden, i geschickt in allen ritterlichen Künsten, wohl auch mit nicht "'ungebildetem Geiste, aber auch bewandert in allen Jugendliehen Ausschweifungen und von ungezügelter Hoffart. Anders* Salme Battersdorfs Sohn. Nur von mitteler Grösse, von schwächlichem Aussehen und bleicher Gesichtsfarbe,!her aus seinen grossen dunkeln Augen sprühte ein leb- . nafter, leichtentflammter Geist und auf seiner klaren Stirn, war der Stempel der Sittenreinheit aufgedrückt. Er hatte vielerlei, gelernt, von seinem Lehrer nur jüdisches Wissen, aber durch eigenen Trieb und Fleiss auch mancherlei .■•profane Kenntnisse erlangt, die freilich des Zusammenhanges und der Gründlichkeit entbehrten. Daher verstand er sich nach seiner Rückkehr leicht, die Geschäfte des gealterten Vaters zu betreiben, wobei ihm der Letztere mit feinem, väterlichen Takte diejenigen abnahm, welche mit der äusseren Bildung, die der bescheidene Sohn sich ungeeignet, weniger gestirüint hätten. Der ^bescheidene Daniel, der so viel wusste, in vielen I)i11ge1| raten konnte, und in den Mussestünden immer mit■ Büclxerlesen beschäftigt gesehen wurde, hatte sich bald vielev Freunde unter den Bauern erworben. Gesteigert wurde dies, als seit den Unfällen der französischen Heere m Russland alle deutschen Länder mit französischen Beamten und Spionen überschwenimt wurden, welche den äussersten Druck ausübten, um dadurch, wie sie meinten, jede Freiheitsregung ־ und Auflehnung wider das gallische Regiment im Keime zu ersticken, und wo dann für Battersdorf •■■upd Um- . gegend der der Sprache kundige Daniel oft als Vermittler eintrat, was ihm bisweilen nicht gar zu gut bekam, sondern־, manche Misshandlung von Seiten der französischen Bedrück er zuzog. Desto, naher lag es, dass in dem edlen Herzen des Jünglings der Hass gegen das fremdländische Joch hell aufloderte und das Gefühl für die Schmach und das Unglück des Va.terlandes :in'mi'er. lebhafter wurde. Auf dem Schlosse war der junge Graf mit einigen Genossen eingetroffen. Die Kunde dieses Ereignisses׳ hatte sich bald verbreitet, und in׳• der. Seele Daniel's wachte die Erinnerung-an den Jugendgesnielen freudig auf, und obgleich er sich -bewusst war. dass das höhere Lebensalter eine unübersteigliche Schranke zwischen ihm und dem Grafen aufgerichtet, so gab er sich doch der Sehnsucht hin, den Ge-■ spielen seines fröhlichen Knabenalters einmal wieder zu sehen. — Einige Tage darauf. musste Daniel im Aufträge seines Vaters furch dem Schlosse gehen, um mit dem alten Graf ein Geschäft zu besprechen. Als er auf den Schlosshof kam, :traf er Rhodrich und seine Genessen, welche aller- 11 and gymnastische Hebungen und Spiele trieben. Zufällig stand ihm der junge Graf am nächsten und er zögerte daher nicht in dem ersten Gefühle des Wiedersehens zu ihm hinzutreten und in bescheidener Weise ihn anzureden: ■njoh fühle mich glücklich, Herr Graf, Sic nach so langer Abwesenheit einmal wieder . . .V Rhodrich sah den Sprecher gross an, mass ihn von Kopf bis Friss, 'und •׳unterbrach seine Anrede mit den Worten: ״Wer ist Er‘?u . , . Daniel War betroffen, fasste sich aber und antwortete ruhig: ״Sie * erkennen mich nicht wieder, ich heisse Daniel Battersdorf, mit dem sie als Knabe . . V Auch diesmal konnte er seine Rede nicht vollenden. Die adligen Herren hatten sich um die Beiden gesammelt und Rhodrich, der /Wold von Anfang wusste, wen er vor sieh habe, rief mit hochrotem Gesichte: ״Wie untersteht Er sich, mich anzureden, ich kenne keinen Juden; packe Er sich, oder die Hunde sollen Ihn vom Hofe bringen D — Das bleiche Antlitz Daniel's wurde noch bleicher, mit . einem unendlich wehmütigen Blicke, in welchem sich Schmerz- und Verachtung mischten,. wandte er dem hoffährtigen Aristokraten den "Rücken und verliess das Schloss. ־ (Fortsetz u 11,1c folgt.) '