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Berliner Vereinsbote · 1896-09-19 · Heft 38 (19.9.1896) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 38 (19.9.1896)
Date
1896-09-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nach •׳ ,abgelaufenom Trauerjahr ist Esther die Frau von ihrem Vetter, was auch, mein Vetter ist, geworden, und seine Schwiegermutter ist mit in's Bans der Neuvermahltengezogen. . Maria und ihr Mann sind auch auf die Hochzeit gekommen, aber sie haben sieh unter all' den reichen Deuten und jüdischen Gebräuchen sehen und bedrückt gefühlt, und erst als der Organist das schöne Klavier hat spielen dürfen, waren sic alle entzückt, denn spielen konnte der Mann, dass die Engel Gottes vor Freude weint >n. Stundenlang hat er am Flügel gesessen und Ort und Zeit vergessen wie hart' ihm sonst das Unerhörte passieren können, dass er mitten in der jüdischen Ge- Seilschaft das Lutherlied spielt! Ich seif noch meines Vetters erschreckt’ Gesicht, als er sich bei den Klängen an seine junge Frau wandte. Die nickte aber ganz vorgnügt nach Maria hin und fragte lächelnd: ״Weisst Du noch?״ . An dem Hochzeitzabend ist der erste Misston zwischen Mann und. Weib entstanden.״ — — Herr Stern blickte sinnend vor sich hin, und der kleine erregte Mann fuhr nach einer Pause in seiner Erzählung fort.: ״Samson gewahrte bald mit grossem Missvergnügen י dass seine Frau den Umgang Maria’« allen jüdischen fjekannten vorzog, er musste, von diesen darüber spöttische Bemerkungen hören und machte seiner Frau deshalb Vor- Stellungen. Doch lief er dadurch hur Esthers höchste Verwunderung über solche Intoleranz hervor, denn an Frau Marias Charakter konnte man wirklich keinen Anstoss nehmen, sie war rechtschaffen und brav: ein echtes, sanftes Weib. Leider mischte Esthers Mutter sich mit ׳schroffer Heftigkeit in diesen Zwist und ■vergrößerte durch ihren Widersprucli das Vorurteil Samsons. Es fielen böse Worte. •Esther litt heftig darunter.. Wehe dem, weicherzwischen zwei Jähzornigen steht! Esther hatte ihre Maria lieb, .aber sie liebte auch ihren Mann. So bestimmte sie Maria, ihre Besuche aufzugeben und ging fortan nur zu ihr, und seitdem sie Leid und Kränkung um ihre Freundschaft tragen■■ mussten, haben sie sich um so inniger geliebt. Aber Esther blieb aus, und ־ den Grund, die Geburtsanzeige eines Mädchens, las Maria in der Zeitung. Da ■hat kein Mensch sie mehr halten können, mehr fliegend als laufend ist sie in Samsons Haus gekommen. Die Dienerschaft hat sie passieren lassen, denn wenn Samson seiner Frau auch den Umgang in seine 11t Hause verboten hatte, geniert hat’s ihn doch, es den Dienstboten merken zu lassen. ׳ Ich stand in der blauen Stab’, an welche das Zimmer der Wöchnerin stiess und wartete auf meinen Vetter, der bei seiner Frau war, als Frau Maria eintrat.

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