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Berliner Vereinsbote · 1896-07-31 · Heft 31 (31.7.1896) · page 2

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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erkennen, dass solange auch nur ein Jude unter der Ver^ toi gl mg des Rassen- und R eligiensl!asses leidet , wir alle organisirf und einig dastehen müssen, um unsere Ehre als Juden und Bürger mit aller Kraft zu verteidigen. So fassten wir diese Bewegung auf und wir begrüssten sie mit Freuden. Leider hat diese verlteisstuigsvolle Strömung im letzten Jahre stark nachgelassen. Ach, unsere Juden haben sich auch an dieses alte Uebel in moderner Form gar leicht gewöhnt und sie nehmen es mit einem Fatalismus hin. Es ist die alte Geschichte: sobald ׳sie die Rute nicht so hart fühlen, bilden sie sich ein, der Antisemitismus sei tot lind begnügen sich mit Witzen und Redensarten.. Man könnte über dieses kindische Vergnügen ladhen, wenn die Sache nicht so bitter ernst wäre. Eine liberale Zeitung macht sich in der Hundstagshitze den Spass, den Anti sendtismns tot zu sagen, mul die ganze Jndenheit opfert ihm lange Nekrologe und glaubt nun wieder sanft schlafen zu dürfen. Was ,erreicht man durch solche närrische Politik? Wird ,die Gefahr dadurch geringer, dass man die Augen -chliesst ■und sie nicht sehen will? ׳ ,Gewiss, die antisemitische 'Fraktion hat sich im Reichstago^'nieht mit Ruhm bedeckt, sie hat nichts Positives geleistet und hat sich gar oft ml> unfähig und lächerlich gezeigt. Wer aber den Schwerpunkt der antisemitischen ■'.Bewegung■ in d׳׳r antismnitisrhen Partei wähnt, der hat sie nie begriffen. Nicht die paar Schreier und' Phrasenmacher, sondern her antisemitische Geist, der im Volke herrscht, ist, unser, gefährlicher Feind, und dass dieser immer stärker wird und verheerend wirkt, das kann Jeder sehen, der sehen will. Auch wir glauben, dass die antisemitische Partei ihren Höhepunkt längst überschritten hat und dass sie bei der nächsten Reichstags wähl noch, einige Mandate* verlieren• wird. Aber um die antisemitischen Ideen zu verkünden, bedarf es wahrlieh keiner besonderen antisemitischen Partei mehr, die vornehmen Konservativen und der immer mächtiger 'werdende Bund der Landwirte besorgen dieses Geschält aufs beste. Treffend bemerkte dieser Tage ein Berliner Antisemiten bl att: מErwägt• mau. dass in unserem Heere der Antisemitisums herrscht, dass in dem Beamtentum der jüngere Nachwuchs fast ausnahmslos antisemitisch ist, dass ferner in den Parteien, die aus theoretischen Gründen sich׳ .als Philosemiten gebärden, es stark zu kriseln beginnt, und bedenkt inan, dass dies alles Folgen der antisemitischen Bewegung sind, so kann man mit Recht von einem unwiderstehlichen Kiegeszuge des Äntisemitismus sprechend Ja, es ist eine traurige Thatsaehe, ■der Judenhass hat einen grossen Teil des deutschen Volkes vergiftet und er schleicht immer mehr in alle Volksschichten ein. Betzen wir ihn? nicht durch Aufklärung und durch kulturelle Geg^n- Fiktioneu einen mächtigen Damm, dann werden wir uns nicht -״beklagen dürfen, w׳'nn die Verhetzung einen solchen Grad erreicht, wo' die ökonomische und sittliche Existenz der jüdischen Bürger einfach unmöglich wird. Freilich, unsere Reichen spüren nur ein.leises Unbehagen durch den Antisenvitismus, ihre Existenz ist ja gesichert. Und wenn ihnen die■ vornehmen Salons der Edelsten der Nation ־■verschlossen bleiben, so eröffnen sie die eigenen, die an Prunk und sinnlosem Luxus jene übertreffen. Gewiss, es ist' schmerzlich, die Diamanten seiner Gattin, die ihren eigentlichen Wert ausmachen, nich t auch von einigen Blau blutigen bewundern zu lassen, aber, wenn es die Mittel gestatten, kann man sich schliesslich doch den Luxus leisten, einige Parade- Christen zu halten, die sagar so leutselig sind, sich ihre Wechsel vom jüdischen ״Freunde“ bezahlen zu lassen. Diese schöne Erscheinung, eine Fundgrube für Possencfehter, kann man z. B. in Berlin alle Tage 'beobachten. Für diese hohen Herrschaften also ist gesorgt , und schliesslich können sie sich auch taufen lassen und Barone werden. Der Mittelstand aber siebt die Not immer mehr steigen und stellt ihr machtlos gegenüber. Dieser Stand, der die grösste Majorität der jüdischen Bevölkerung bildet, spürt die Folgen «les Antisemitismus täglich im Kampfe ums Dasein und er leidet materiell und moralisch darunter. Und nun erst unsere Armen! Bei ihnen hat sich diese Not bis■ zur Vorzwei fein ng gesteigert. Im Kämpfen und Ringen ums tagliehe Bro.d sehen sie sich stets durch Vorurteile und oft auch durch Rohheit und Rücksichfslosjgkeit gehemmt, verhöhnt und verspottet, ihr Erwerb, der ohnehin nur geniigte, um das nackte Leben zu fristen, verliert jede Grundläge, und das Heer des jüdischen Proletariats wächst‘immer mehr. Und doch sind es die Reichen, die in erster Reihe den Antisemitismus freilich nicht geschaffen, aber wachgerufen mul genährt haben. Ihre Pflicht ist es daher, dafür zu sorgen, dass der Geist des Hasses nicht alle Grenzen überschreitet. Ihre Pflicht ist es vornehmlich, .alle Organ isationen zu unterstützen, die die Aufklärung und die Volksbildung fördern. Genügt uns denn Wien nicht als trauriges Beispiel? Wollen wir wirklich warten, bis es auch bei uns soweit kommt? Ist es nicht Zeit, dass wir endlich unsere Zerfahrenheit auf geben und uns zu dem edlen Thun vereinigen? Lasset eure Träume und eure Thorheiten. die Zeit ist ernst, sie bedarf ganzer Männer und starker .Charaktere. Noch ist es Zeit, unsere Ehre zu ־schützen und unsere teuersten Güter zu wahren. Vereins-Schau. Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens. In der letzten Generalversammlung am 20. Juli wurde beschlossen, einen Fond zu gründen, welcher dazu dienen soll, in absehbarer Zeit den Mitgliedern im Erkrankungsfalle Unterstützung zu gewahren. Dieser Fond soll dadurch gebildet werden, dass׳ vom 1. August dieses Jahres ab ein monatlicher Beitrag von 0,50 Mk. extra erhoben wird, der zum Grundstock der Kraiikenunterstütziiiigskasse dienen soll. Herr Dr. Juda erklärte sich schon jetzt bereit, die vom Vorstände als bedürftig überwiesene Mitglieder unentgeltlieh zu behandeln. Ferner veranstaltet der Verein während der hohen Festtage einen Gottesdienst ,bei Hildebrandt, Königsgraben. Etwaige Ueberschüsse sollen obiger Kasse überwiesen werden. Möge dieser Hinweis dazu beitragen, dieses gemeinnützige״ Werk nach Kräften zu unterstützen. - t; Jüdische. Gemeinde. Gottesdienst. Freitag, den 31. Juli in allen Synagogen abends 712/־ TJlir. Konnadendden 1 Augustin der alten Synagoge morg. 8*/2 Uhr, in den übrigen Synagogen morgens 9 Uhr. Predigt: Vorm. T A Uhr: Neue Synagoge, Herr Rabbiner Dr. Rosenzweig. Adendgotteodienst 8 Uhr. F- Gottesdienst an den Wochentagen morgens 6J/2 Uhr und abends 672 Uhr. Verein für Arbeitsnachweis. Klo0ter-Stra110 44. Fernsprecher 5, 3386. Geschäftsstunden 9 -1 und 3 -3. , Sonntag 18-12. Kaufleute aller Branchen, Arbeiter, Handwerker, männlichen und weiblichen Geschlechts, erhalten durch unseren Verein vollständig kostenlose Ver- Mittelung. Der Vor.taod. Jüdischr-s-siallc u. LolkMSliokhe« Münchener Hof, Spandauerstr. Il—13. für jedermann geöffnet: Wochentags 1—4, und 7*/2—10, Sonnabends 2—5, Sonntags 10—2. ״Judas Töchter” Vereinigung jüä. Frauen und Mädchen zu Berlin. Dienstagden 4. August er. abends 9 Uhr im Restaurant Brodeck, Gontardstrasse 3, I Treppe. Geschäftliche Zusammenkunft für Monat August. Der Vorstand. Vorbeter ״»׳*■ Prediger für die hohen Festtage sucht Gemeinde Freienwalde ä. d. O. Honorar 125 Mk. u. freie Station. Meldungen bei Herrn E. Flanter, Berlin N.» Christinenstrasse 36,1. zwisch, 2 u. 8 Uhr.

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