Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Um so erfreulicher ist es, jetzt in Blättern, von denen kein Eingeweihter annehmen wird, das sie lediglich aus Sympathie für den Begründer und Leiter der ,.Volksernähr ring'׳ für diese Sache in die Schranken, treten, [ein Urteil, das die in Rede stehende Institution im vollsten Masse verdient. Dieses Urteil wird durch die zahlreichen in dein in den Räumen der ״Volksernährimg“ ausgelegten Buche enthaltenen Einzeiehnimgen von hervorragenden Persönlichkeiten., u. a. von der Prinzessin Höhenlohe.: voll und ganz bestätigt. Die von Herrn Pastor .Naumann herausgegebene ״Hilfe־ ״־ z. B. schreibt wörtlich: .... * ״Die volkstümlichste Stelle ist die ״Volks ernäh er trug". Hier braucht man nicht ..vornehm“ zu sein, es ist der Mittagstilch der Leute,• die'ihr (leid Zusammenhalte!» müssen. Einfach und billig! ist die Losung. Es ist erstaunlich, was man alles für 10 oder!20 Pfennige bekommen kann. Ich schreibe etliche Nummern der Speisekarte ab. die in Kreideschrift auf schwarzen Tafeln * stellt: alles für je 10• Pfennig: Nudelsuppe, Weinsuppe, Schotensuppe, Linsen- -nippe. Krebssuppe. Bohnensuppe: Leipziger ״ Allerlei, Spinat. Mohrrüben, Bohnen mit Pflaumen, saure Karrotfein. Kartoffel kl össe mit Muss, Bouillon - Kartoffel;" Kalbsbraten, Hannnelkotelettes, .Rinderbraten, Sauerbraten, Suppenthisch; Hecht, Schlei, •Zander. Barse, Dorsch, Seezunge. RiiHltysülzo, Arme Ritter, Reis, Chokölade»ןmdding. Kirschen, Aöpfelmusx. Kcmfsalat, Sellerie. Rhabarber. Aus diesen und ähnlichen Nummern setzt man sich ein Essen zusammen. Wir haben für ■ 40 Pfennig gegessen: Suppe, Fleisch. Kartoffeln, Pudding, es war etwas zu wenig für einen' recht hnngengen Menschen, aber es war alles durchaus gut. Auch das Fleisch war sehr gut. Es ist nötig das festzustellen, weil die Volksernährung ein unangenehmes Erlebnis hinter sich hat. Eine Fleischlieferung wurde, ehe sie in der Ausstellung eintraf, von der Polizei als gesund- •heitsschfiälioh festgehalten. Aus diesem Umstand haben Handwerker- und (fastwirtsblättor einen grossen Lärm gemacht, und man muss .auch sagen: schön ist das nicht, nur ist allem Anschein nach der Vorstand der Volksernährung unschuldig und die Schuld• trifft allein den gewissenlosen Lieferanten.׳ Es •wäre• sehr zu bedauern, wenn eilte gute Sache durch einen derartigen Unfall dauernd geschädigt sein würde. Dass die Restaurateure, der Volksernährung nicht grün sind, ist leicht zu erkläre»». Audi wenn sie äugenblicklieh nicht• benachteiligt werden, so fühlen sie. dass hier ein Prinzip heranrückt, das ihnen noch viel zu schaffen machen wird. Die Ernährung in wissenschaftlich geleitetem GroSsbetrieb. das ist die Sache. Die Volksernährung. wird um etwas weiter der Privatindustrie entzogen. Die Erfall rangen, 'welche mau in Anstalten und Kasernen über Ernährung gemacht hat. treten aus den Anstaltsmauem heraus und beginnen den Wettbewerb mit den Gewöhnbeiten der Gastwirte. Niemand wird es diesen übel nehmen, wenn sic sich mit Händen und Füssen sträuben, sie thun nur dasselbe, was der kleine Kaufmann timt, wenn er gegen den Bazar wettert, was der Handwerke!‘ thut, wenn er das Magazin bekämpft, sie kämpfen um ihre Existenz. Auf der andern Beite aber ist das Volk im Ganzen viel zu sehr an der Frage einer billigen und gesunden Ernährung interessiert, um die Angelegenheit ruhen lassen zu dürfen. Jeder Fortschritt in dieser Richtung bedeutet Volkskraft. Woher kommt es wohl, dass die Arbeiter im allgemeinen derartigen Versuchen kühl gegenübersteheii? Es lassen sich verschiedene Gründe denken, zuerst Unkenntnis, dann die grundsätzliche Abneigung gegen Wohlfahrt« vereine und zuletzt die Nachwirkung des eherner, Lohngesetzes in der Art wie Lassale es -vortrug. Auch in diesem Falle ist ein Wohlfahrtsverein der. Unternehmer, nämlich der von Hermann Abraham (״Vater Abraham“! im' November 1890 in Berliir gegründete ״Verein für Kindervolkskücheir*. dieser Verein stellt als Ziel auf: es soll in Berlin keine hungernden■־■Kinder mehr geben. Er hat im letzten Jahr täglich gegen 8000■ Kinder mit »inentgeltlichem Mittagsbrod versehen und gegen 2000 Kinder täglich für 5 Pfennig gesättigt, eine recht bedeutende Leistung! Dass ein solcher Verein überhaupt nötig ist, ist ein Zeichen der Zeit, eine Anklage gegen die Gesellschaft, aber da es nun einmal leider hungernde Kinder giebt, so hat der Verein ein unbestreitbares Verdienst. Er ist freiwillige Vorarbeit für spätere bessere Organisation, er trägt/, wie alle grösseren Wohlfahrtsbestrebungen einen sozialistischen Zug in sich. Heute machen es Vereine, späterhin grössere Körperschaften. Und wakplie Erinnerung an das Lohngesetz anlangt, so ist die Sache solange nicht gefährlich, als sie vereinzelt auftritt. in •Masse kapn die billige Ernährung• aber erst auf treten, wenn die politischen Machtverhältnisse sich etwas zu Gunsten der Besitzlosen verschoben haben, dann aber bedeutet die Verbilligung keinen Rückgang des Lohnes. Deshalb glauben wir, als Sozialisten uns des- Hauses der Volksernährung freuen zu können als eines Dienstes für bessere Zukunft. Es zeigt aber von der völlig kapitalistischen Denkweise der Leitung der Ausstellung, dass sie der Volks er - na 1 innig im amtlichen "Ausstellungsführer nicht erwähnt! Das ist etwas für gewöhnliche Leute, das wird nicht beschrieben, aber Adlon und Dressei, die Grossbrauereien. Cafe Bauer etc. bekommen guten Platz. Wir wollen gerade die Luxuswirtschaften nicht beschreiben — wozu auch? Die Erfahrungen der Volksküche sind mehr wert als alle Weinsorter! der ..Sektbude״. Pro domo. Das Blatt des Herrn Dr. Bachler ״Die liebe Staatsbürgerin“ bespricht in ihrer Nummer vom 7. <1. M. ein kleines Gedicht, das eine Reihe von uns gebrachter Artikel über Selbsthilfe absehliesst und deduciert aus seinem Inhalte, dass es neben ׳ der jüdischen Selbsterkenntnis zugleich auch eine freche Verhöhnung der christlichen Taufe involviere. Unter dem augenblicklichen Eindruck der tiefen Entrüstung über diese infame Verdächtigung und niederträchtige Verhetzung haben wir geglaubt, eine hierauf gebühr ende Autwort nicht schuldig .bleiben׳ zu sollen, und da eine umgehende Entgegnung nicht mehr gut möglich war, eine solche für die nächste Nummer unseres Vereinsboten avisiert. Mit .!Mische Gemeinde. Gottesdienst. Freitag, den 1?. Znli in allen Synagogen abends 71/•., Uhr. Konrradend, den 18. Juli in der alten Synagoge morg. 82/י Uhr. in den «,bürgen Synagogen t!«orgen-0 י Uhr. Cäsuotiibcnh. den 18. Znli abeu<F 0 Uhr 1t öl nur ton. Sonntag, den HL Znli morgens׳ 6b,. Uhr. Sonntag, den 19. Znli abends 1ס/,. Uhr. Gottesdienst an den Wochen-■ tagen morgens 6G übt und abends big Uhr. Verein für Arbeitsnachweis. Kloster-Strasse 44. Fernsprecher 5, 336S. Geschäftsstunden S 1 und 3 6• Sonntag!0—12. - Wir erbitten dringend Arbeitsgelegenheit für folgende Kräfte: Commis und Expedienten verschiedener Branchen. - Confectionär f für: Herrengarderobe. Cafeufator für Damenconfection. —• Stadt• reisende. Buchhalter. Comptoiristen auch für fremde Sprachen. Schreiber. BuchbindergeselleiwKellner. Schlächtergesellen. ~ Klempnergesellen. — Schriftset2ergehülfen. — Conditorgehülfen. ührmachergehülfen. Glasergehülfen. .־־־ Mafergehülfsn. - Tapezierergehülfen. Sattlergehülfen. Zuschneider und Biigler für Herren- und Damenconfection. Handwerkerlehrlinge, - Cigarrenarbeiten Verheiratete Männer für jede Beschäftigung Hausdiener. Cassenboten,’auch mit Cautionen. — Buchhalterinnen, auch erste Kräfte, mit Sprachkenntnissen Verkäuferinnen verschiedener Branchen — Lehrmädchen für engros und detail mit höherer und Volksschulbildung. Die Vermittelung von Stellen durch unseren Verein erfolgt vollständig kostenlos. / Per Vorstand, Jüd. Lesehalle and Volksbibliothek. Münchener Hof Spandauerstr. 1113־ für jedermann geöffnet: Wochentags 1- 4, und 7l/2~.10. Sonnabend 2—5. Sonntag 10—2. M. Zachart Bildhauer, Fabrik und Lager aller Arten Grabdenkmäler. BERLIN Neue König-Str. S Telephon Amt VII, Na• 3123. H Geschäft: Neu Weissensee ‘ am jüdischen Friedhof. Anfertigung von Erbbegräbnissen in$ch miede eisen, Marmoru. Granit.