Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Vereins- und Versammlungsrecht des Volkes Konzessionen zu erlangen, die freilich nach und nach den Raum für ein solches Bedürfnis so sehr erweiterten, dass nunmehr neben vielen, sogar die Existenz solcher Vereine möglich wurde, die in Zweck und Ziel ihrer Bestrebungen sicli schlecht mit dem vertragen, was man an massgebender Stelle staatserhaltend nennt. Ganz besonders charakteristisch für das fin de siede ist das Treiben jener Vereine kulturellen Rück-;schritts in ihren sittlich moralischen, Motiven, und wenn wir in ihr Getriebe hineinblicken und wahrnehmen, wie wenig wählerischsie nur zu oft die verwerflichsten Mittel ihren Zielen dienstbar machen, so muss es unheimlich überraschen, dass man von oben herab solchen Dingen gegenüber in passiver Gleichgiltigkeit verharrt und diesen Indiffereut im us oft selbst dann noch bewahrt, wenn Recht und Gesetz mit den Manipulationen fanatischer Parteiführer in ' schreiendstem Widerspruch stellen. Nicht jene politischen Parteigruppen sind es, die in Verfolgung dessen, was nach i!!rm Meinung und innersten ITeberzeugung allein dem Staatswesen zum Wohl und Heile gereicht, ihre Prinzipien und Grundsätze zur Geltung bringen wollen, sie alle^ möge man auch sonst über das Wesen derselben verschiedener Meinung sein, lassen in ihren Bestrebungen ein gewisses ideales Moment erkennen, das man aber vergebens bei jenen suchen wird, die von den unlauteren Motiven des Neides, der Missgunst und schnöden Gewinnsucht getrieben, angestört seit. Jahren ׳ fort fahren, eine Klasse von Staatsbürgern zu verheizen, zu degradiren, Vaterlands- und existenzlos zu machen, obwohl letztere an den Pflichten, der Treue' und Hingebung für Kaiser und Reich es niemals haben fehlen lassen und in Bethätigung dieser Pflichten alle;!/ Anderen sicherlich nicht nachgestanden haben. •Brutale Willkür, rücksichtslose Verleumdung,• böswillige Verdächtigung, gemeine .Lüge und freche Unverfrorenheit, das sind die Waffen im Arsenale der sogenannten Arier und Urgermanen. Die wohlwollende Neutralität der behörd- Lieben Organe gegenüber solchen Ausschreitungen einerseits.. sowie die Eigenart der Ansicht mancher* Richter über das. was. man a!וt.iseniitische 1 *seits dem ׳ Judentum als solches bieten darf, andererseits,!!'essen keinen Zweitel darüber*, was die Glocke geschlagen hat. un<l wiesen mit gebieterischer Nothwendigkeit dar auf hin, in der Vereinigung der Kräfte aller Geächteten und Enterbten denjenigen Schutz zu suchen, auf den sie verfassungsmässig berechtigten Anspmch, leide!־ aber oft schon vergebens angerufen' haben.* wenn irgend ein Elender, der später als ein gemeiner Verbrecher entlarvt wurde, und von jenen moralischen Defekten durchseucht war, die er mit der Emphase tiefster Entrüstung allen anderen zuni Rassen-Vorwurf macht, es gewagt hat, das Judenthum in der empörendsten Art öffentlich zu beschimpfen. 0, es ist Vieles möglich geworden im deutschen Reich, was man nach der grossen Zeit ■von 1870 und 71 für absolut unmöglich gehalten hat und von dem Auftreten Stöckers in der . empfehlenden Autorität seiner hohen Ssellung, bis zum Assessorenparagraphei 1 ist eine Zeitspanne, die ihrem Inhalte nach ein allzudeutlicher Fingerzeig ist, in welcher Richtung sich die Ansichten vornelimer Kreise und maasgebender Persönlichkeiten über diese soziale Entartung des Jahrhunderts bewegen. Die Zeit der Illusionen ist längst vorüber und der* Glaube an die Integrität und Unverletzlichkeit jenes staatlichen Fundaments, das man Verfassung nennt, so sehr erschüttert, dass man sich kaum mehr wundern würde, wenn in fernerer Consequenz der so sehr beliebten administrativen Praxis demnächst eine Vorlage zur Beratung gelangt, die eine Verfassimgsrevision im antisemitischen Sinne zum* Zwecke hat. In Anbetracht der Situation im Allgemeinen und angesicht« ־ dev mit Beharrlichkeit immer wieder kehrenden Versuche, die allen im Reiche durch Gesetz und" Verfassung gewährleisteten Rechte den Staatsbürgern jüdischen Glalubens gegenüber illusorisch zu machen, war die Gründung von Vereinen zur Noth- und Abwehr unabweislich; die Auffassung gewisser fortschrittlicher Politiker* aber, ■welche ihren Namen und ihren Einfluss jenen Vereinen aus dem Grunde meinen, vorenthalten zu sollen, weil ihrer ■Ansicht׳ nach die Verfassung nur Staatsbürger* kenne, welche selbstverständlich dem Staate gegenüber gleiche Rechte und gleiche.Pflichten haben, ist unter den obwaltenden Umständen zum mindesten naiv und nichts weiter als ein staatspolitischer Rechtsgrundsatz von wenig praktischer Bedeutung, der nicht im Stande ist, den Pessimismus zu beseitigen, den jahrelange •Enttäuschungen und bittere 'Erfahrungen gezeitigt haben und der es zur dringenden Pflicht macht, unitis viribus uns zu wehren, so lange es möglich r'st, und so weit eben die Kräfte Feinden gegenüber reichen, die jetzt selbst schon in jenen vornehmen Kreisen der obersten Zehntausend zu finden sind, und in ihrem öffentlichen Verhalten den Schluss rechtfertigen, dass die Begriffe von Konser vatismus und Antisemitismus nunmehr als identisch zu betrachten sind. ׳ Jüdische Gemeinde. f, Gottesdienst. Freitag, den 12. Zuni in allen Synagogen abends Il/2 I br. Sonnabend, den 13. Inni in der alten Synagoge inorg. B1;2 Uhr. in den übrigen Synagogen morgens •9 Uhr. Predigten Vorm. IO Uhr. Linden- ' strasse: Synagoge. Herr Kabb. Pr. Weissee ׳ Verhüt. I Uhr. UhuUn-tr.: Sy nagoge. Herr Candidai Pr. ,1 ulins Lewit. Ingendgottesdienst Nachm. 4 Uhr: Nom1 Synagoge, Herr Rabbiner Pr. Stier. Abendgottesdienft n! 4 Uhr. Gottesdienst an (len Wochentm*־n in allen Synagogen in >r1*a*ns th .Uhr und abends Geh Uhr. ' Sittung der K!g׳nUnt1auU׳n׳• Herlammlung: Sonntag, den 14. Juni, Sorm.1l Mir, im Sitzungssaal(‘ OnuiUn i׳urg(u- Strasse 80, II. Vereinigung Monbijou. WiktwoH, den 17. Juni 1896: Geselliges Beisammensein aller activen u. inactiven Mitglieder bei LipS (am Königsth.). Abends 8 Ulrr. Gaste millkornrne«. Kounto- 14. Juni ifi bis Bibliothek von vormittags 11—1/.,l Uhe geöffnet und werden alle Mitglieder, welche noch im Aellü von Büchern find, bvMgettb gebeten, dieselben bis zum 14. Juni abßugeben. Die Commission für geistige Interessen. Verband ehern. Schüler und Schülerinnen der Religionsschule ״Adass Jisroel“. Die Ziehung der Lotterie zu Gunsten unserer Feriencolonie ist mit polizeil. Genehmig. auf Sonntag, den!6. August verlegt worden. Loose ä 25 Pf. sind bei den Unterzeichneten zu haben. M. Hildesheimer. Gipsstr. 12a. Leop. Abraham, Landsbergerstr. 64. Litterarisch- . Gesellige Vereinigung. Sonnabend, den 13. Inni er. im Hots! ,.Lauter“, Burgstr. 13: DicMerabend m. anschliessendem geselligen Beisammensein. Vortrag des Herrn Herrmann Feiler über Heinrich'Heine. Anfang 9 Uhr. Gäste willkommen. Jüdische Lesehalle und Volksbibliothek Münchener Hof Spandauerstr. 11-13 für jedermann geöffnet: Wochentags 1 4, Und 71/.,—10. Sonnabend 2—5. Sonntag 10 -2. Synagoge Nveh scholamn Lothringer-Strasse 48. Sonnabend Predigt Dr. Crünfeld.