Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Des Windes Heulen. Uebersetzt aus dem Hebräischen des P. Smolensky. (Schluss.; Am Versöhnung« tage war es, wo sie, in ein bescheidenes Winkelchen gedrückt, in der Synagoge sass, and ihre Gedanken wie schäumende Wellen über sich hin strömen lies 8. Halbvergessene Lebensbilder zogen an ihr vorüber, langsam und feierlich. Sie "״sah sich als Kind, im lichtvollen Hause fihrer Eltern, als Jungfrau, umworben vom geliebten Manne, als sein Weib, als Mutter mit dem allerschönsten Engelsköpfchen an der Brust, Ihre Thränen strömten die Wangen hinab, bis sie eine Art Betäubung übermannte, und jetzt zeigte ihr der Quälgeist des Traumes eine Kirche voll brennender Kerzen . . . brausende Orgelklänge ... einen hellerleuchteten Altar und am Eusse desselben ein knieendes Mädchen im schneeigen Gewände mit schwarzen, lang herabwallenden Locken . . ׳. ihre Tochter, die ihren alten Glauben abschwor. Und vom Himmel rief eine Donnerstimme herab: ״Weib, auf Dein Haupt falle die Schuld dieses Kindes, denn Du hast den alten Bund zerrissen G Beklommenen Athems, mit Aiigstschweiss bedeckt, riss sie sich aus den eisigen Armen dieses Traumes und gelobte sich feierlich, nicht zu ruhen, ehe sie nicht die verschwundene Spur ihrer Tochter gefunden habe. Tags darauf schnürte sie ihr Bündel und machte sich auf die Wanderung. Sie durchstreifte viele Städte und Länder, sie scheute keinerlei Gefahr, sie gönnte ihrem Auge keinen Schlaf, ihrem Munde keinen Bissen und zog wie eine Verbannte, eine Verbuchte, ruhelos von Ort zu Ort, überall fragend, überall suchend, bis sie die Spur ihrer Tochter und dieser folgend, endlich die Stadt entdeckte, endlich d^i fürstlichen Palast fand, wo Julie wohnte. - Wie hämmerte ihr Herz, wie .flögen •ihre Pulse, als sie sich diesem Palaste näherte. Sie. fühlte einen Schmerz, stechend wie einen spitzen Dolch und doch zugleich.süssen Balsam, der demselben entströmte. Ihr war es, als böge• ihr ein Giftpfeil •mitten durch’s Herz und doch hätte sie sich diesen um nichts in der Welt aus dem Herzen ziehen lassen. Jetzt stand sie hart vor dem Thors des Palastes. Ihr erster Gedanke, der Gedanke ihres überströmenden Mutterherze 113 war, sich in den Palast, in die Alane ihrer Tochter zu stürzen, ihr Augen, Mund und Finger zu küssen, und sich an ihrer 'Brust auszuweinen. Doch bald überlief es sie eisig kalt. Vielleicht wendet sich ihre Tochter kalt von .ihr ab! Vielleicht will sie ihre Mutter nicht kennen? Soll sie hieheii. weit zurück, woher sie gekommen? — Und ihr Gelübde? ״Weib, hier wird nicht gebettelt, vorwärts marsch!.u dröhnte es plötzlich mitten in ihre Gedanken dun ein, roh und grollend, als platze eine Bombe ihr zu Füssen. Es war die Stimme des goldbetressten Thürstehers, der die tiefgebückte Gestalt für* die einer Bettlerin hielt. Sara glaubte sich einer Ohnmacht nahe und musste sich mit beiden Händen an einer Säule der Vorhalle festhalten. Bald jedoch gewann sie diu Besinnung wieder und suchte sich in den wenigen italienischen Worten, die sie noch von ihrer Tochter erlernt, dem Portier verständlich zu machen, ihn zu überzeugen, d^M sie keine Bettlerin sei, und sie nhr wünsche, die berühmte Künstlerin aus der Ferne zu sehen. ״Kaufen Sie sich ein TheaterbilleU, erwiderte der Portier auflachend, ״und Sie werden nicht bla» sehen, sondern auch hören können. Verstanden?•‘ , Statt zu antworten, griff Sara in ihre Tasche holte eine Goldmünze heraus und druckte sie dem Portier in die Hand. Dieser, vor Staunen starr, drehte das Goldstück einigemal in der Hand herum, und sein rohes, mürrisches Gesicht hellte sich zu einem devoten Lächeln auf, während seine stolze Gestalt sich zu einem unter t11an igs t e 11Buckel zusammen krümmte. Die Frau, die er soeben als Bettlerin behandelt hatte, war auf einmal eine ״Gnädige“, die er respektvoll um den Kamen bat, den er seiner allergnädigsten Herrin zu melden habe. Neue Verwirrung bemächtigte sich der Sinne Sara s. Sollte sie, eine einfache, altmodische Jüdin, sich als Mutter der weltberühmten Künstlerin zu erkennen geben? Wird sie ihr nicht grollen, ihre Tochter, die grosse Weltdame•? . . Doch geiii, tausendmal nein! Dessen ist ihr Kind nicht fähig. Ist sie nicht nach wie vor ihr gutes, - mziges, herzliebes Töchterchen, das in Gottesfurcht und in edler Merischensitte erzogen ist? , Wähsend sie in dieser Weise mit ihren Gedanken beschäftigt war. stand der Portier noch immer gekrümmten Rückens da und erwartete ihre Antwort. Sie wolle nur bl 08, sagte jetzt Sara dem Portier, dass er ihr Gelegenheit gebe, die Künstlerin aus der Ferne zu sehen. Er vei sprach ihr, sie abends in ein Seitengemach zu bringen und es so einzurichten, dass die Tlnire des Saales offen bleibe, und sie die Diva, 11? eh Herzenslust an sehen könne . . . Und es war Abend, als Sara hochklopfenden Herzens an der Tliüre im Nebe*יgemache waltete. Da ging diese endlich geräuschlos auf. Para erblickte ihre Tochter — — — und in diesem Augenblicke war es, wo der Wand jenes klägliche Seufzen hineintrug, bei!!!11 die Sängerin so krampthalt zusammenzuckte. Tags darauf zog man aus dem m idie, der׳ hinter dem Palaste lag. eine Frauenleiche. Au demselben. Tuge er hieb der Rabbiner ein Schreiben, das von einr bedoubmden Summe begleitet war. Die Ertrunkene, hiess es in de 111s! Iben, sei die Tochter des grossen Rabbiners in G. und zmtlebens eine Perle der Frauen, ein Ideal weiblicher Sittlichkeit gewesen, man möge das Geld unter die Armen der Stadt ver־. teilen und ihr auf dem jüdischen Friedhöfe ein ehrenhaftes Grab bereiten. An demselben Tage sah man auf dygi jüdischen Friedhofe eine schlanke, sch warzgekleidete und dicht verschieierte 'Frauengestalt sich über ein frisches Grab beugen, selbst einem Grabmal gleich, still und traurig, ein versteh nertes Bild der Trauer, und an demselben Tage noch verschwand eine berühmte Sängerin aus der glänzenden Welt, die sie bisher bewundert Latte, und zwar ,spurlos and für immer. Jahr für Jahr eil ieh jedoch der Rabbiner jener Stadt in Italien eine grosse Summe mit der Bestimmung, dieselbe unter die Armen der Stadt; zu verteilen, und Jahr für Jahr zeigte sich am Versöhnungstage in ■der alten Synagoge zu Prag eine sylilanke, sühwarg־ kleidet und dicht versehleiertH Frauengestalt., die gar inbrünstig betete. Wo man einen Toten bestattete, wo es einen Schwer-kranken zu •׳pflege 11 galt, dort war auch jene schlanke, dicht verschleierte Frauengestalt zu sehen, die überall mittrauerte. 31 lithalf, und wo ■es nötig war, mit vollen Hände» spendete. Niemand wusste, weg sie war, und woher sie gekommen.-■ . Aber es gab - Einzelne, die wissen wollten, dass •es jene verschwundene Sängerin sei •— die Geliebte des Fürsten B. Geschäfts-Logik. ״Du bist ein armer Mann ■־״ so sprach ein Missionär Zu einem Juden — Du .verdienst gar schwer Zehn Thaler, hier bei mir kannst Du sie leicht verdienen Lass taufen Dich und werde Christ. Zehn Thal er dann Dein Taufgeld ist!** Der arme Jude sprach: ״Ich danke Ihnen, Zehn Thaler ist ein schön Stück Geld, . Doch wie ist's mit!lern Christentum bestellt? Ich brauche eine gute Religion, Das ist' die Flauptsaeh‘. nicht der Täuflmgsiöhhrt -־״ ״Was!las betrifft, so kannst Du.ruhig sein. Tausch’st für Dein Judentum 'das Christen tu ui' Du ein. Ist Dir ein guter Tausch gewährt: Das Christentum hat einen höheren, Wert.“ ״Und noch zehn Thaler zahlet Ihr dazu? Dann lasst mich, lieber Herr, in Ruh! Das ist mir nie passiert im Leben, Dass, wenn im Tausch ich Schlechteres hingegeben, Und Besseres dafür genommen,_ Dass ich noch Geld dazu bekommen.