Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton. Des Windes Heulen. Uebersetzt aus dem Hebräischen des P. Smolensky. Härter jedoch als das strengste Gericht ist das Ver- (lannxmngsurteil des Volkes. Die Gemeinde sah sich berufen, die in ihrer Mitte begangene Sünde selbst zu ahnden. Diese Schmach, rief man Sich gegenseitig zu, darf nicht geduldet, muss mit der Wurzel ausgerottet werden, bevor sich der Zorn Gottes in schweren Strafgerichten über uns entladet. So ist die Menge, voll Mitleid gegen den Verurteilten und voll Tadel gegen den Richter, der das Urteil gesprochen, und wird fürchterlich, wird grausam, sobald sie selbst das Richteramt übernimmt. Nur Verwünschungen bekam Sara jetzt von demselben Volke zu hören, das ihr bisher Loblieder gesungen. Böse Zungen Hessen es nicht an hässlid^^Verleumdungen fehlen, In der Synagoge schossen hundert giftige Blicke auf sie. Es war an einem Sabbathtage, als Sara in die Svnagoge kam, und Etel Wermuth, die Vorsagerin, mitten in *‘inen Kreis von Weibern, jungen und alteil, trat, die ihr voll Schadenfreude zuhörten. ״Freilich“, begann jetzt Etel Wermuth, spöttisch die Augpnbraimen verziehend, ״freilich hat sie Recht, dass sie ihre Tochter nach Prag führen 1will, dort giebt es der Gottesleugner viele, hier jedoch wird nicht einmal des Totengräbers Sohn sich ihre Julie aufbinden lassen.“ Der Kreis schloss sich enger um die Vorsagerin und es gab von allen SOiten ein Zischeln, Kichern und ein höhnisches Kopfnicken. Ermutigt durch diesen Erfolg, begaiui Etel Wermuth sich jetit in hässlichen Pantomime! über Theater und Ballet lustig zu machen, indem sie den Saum ihres Kleides fasste, den Kopf neigte und mit den Füssen scharrte, wie wenn sie tanzen würde. Das Kichern steigerte sich zu einem schallenden Gelächter, das wüst und dämonisch in allen Räumen der Synagoge nachklingend, den Eindruck machte, als ob die Wände im Chore mithöhnen und -spotten würden. Grosse Tropfen traten der armen Sara auf die Stirne. In ihren Ohren sauste es, das Blut kochte ihr zum Kopf hinauf, eine Binde legt© sich vor ihre Augen. Sie beugte sich tiefer über das Gebetbuch . . . aber die heiligen Lettern schlugen wie schwarze Flammen zu ihr empor, und als sie wieder scheu emporblickte, begegnete sie zwei schlaugengrünen Augen, die ein hässliches Feuer gegen sie ausspieen. Etel Wermuth stand vor ihr, mit weit herausgereckter Zunge, die beiden Zeigefinger, wie Spiesse auf sie gerichtet. Die arme Sara, glaubte sich von einem Wirbelwind erfasst, der sie durch die langen Reihen der Bänke forttrug . . . Spott imd Verwlinschüngen umzischten sie gleich Giftpfeilen . . Aus der Synagoge trug es sie auf die Strasse hinaus, peitschte sie mit glühenden Ruten durch Gassen und Gässchen, und hoch immer wähnte sie sich von jenen giftigen Augen verfolgt. Wie mit Wellen, die sie zu verschlingen drohten kämpfend, stöhnte sie aus gepresster Brusf ״Nach Prag!. Nach Prag!“ — ״Nach Prag“ schrie sie lauj in die Gasse hinein und erreichte 80 atemlos und mit An^stschweiss bedeckt die Schwelle ihrer Thür, wo jedoch ein r.uier Schrecken ihre Glieder lähmte. Julis sass beim offenen Flügel, unweit von ihr stand ein schöner, schlanker, junger Mann, mit dem de in eifrigem Gespräch begriffen schien und dem man in ׳Pracht, Miene und Haltung sofort den hohen Adeligen ansah .... ״Mutter!“ rief* Julie, indem sie Sara freudig zur Thür entgegenflog. ״Seine Durchlaucht Fürst B., Besitzer unserer Stadt und der Umgebung, ist so gnädig, uns zu besuchen und uns seinen Schutz anzubieten, da er gehört hat, dass wir Verfolgungen ausgesetzt sind . . . Doch was ist Dir, liebe Mama, Du siehst so bleich aus!“ ״Nichts, Kindchen, nichts!“ erwiderte Sara, ״und ich Will nicht daran zweifeln, dass Du dem Herrn Fürsten hier Msagt hast, dass wir seines Schutzes nicht bedürfen, und uns unter unseren Glaubensgenossen vollkommen sicher fühlen!“ Der murmelte er verlegen, ״dann hat mich also der abscheuliche Jude, der zu mir in'8 Haus kommt, düpiert, indem er mir sagte, dass Ihr zum christlichen Glauben übergetreten und infolge dessen von Seiten der Juden allerhand Chikanen ausgesetzt seid.“ ״Eine schwarze Lüge“, schrie die Aermste entsetzt, ,*wir leben treu unserm Glauben und unserm Volke. Wir brauchen keinen menschlichen Schutz. Eitel ist alle Hülfe, die nicht von Gott kommt!“ Der Fürst und Julie wechselten verlegene Blicke. Als der Fürst sich einige *Augenblicke später empfahl und ihr nochmals seinen Schutz anbot, hatte Sara kein Wort des Dankes dafür. Nachdem sich die Thür hinter ihm geschlossen, sagte sie vollkommen ruhig: ״Trachte alles schnell zusammen zu packen, denn in drei Tagen müssen wir die Stadt verlassen haben.“ ״Wohin ziehen wir, Mutter?“ ״Nach Prag!“ Ehe drei Tage verstrichen waren, hatte sie das kleine Häuschen, das Erbe ihrer Väter veräussert, und an demselben Tage noch verliess Sara mit ihrer Tochter ihren Geburtsort, die Stätte, wo die Gebeine ihrer Eltern ruhten, wo ihre Wiege einst gestanden, wo sie die Tage d.er Freude verlebt, wo sie sich so viel Glück geträumt .... In Prag angelangt, nahm sie nicht in der Josefstadt, dem damaligen Judenviertel, eine Wohnung, sondern in einem entlegenen Stadtteile, wo kein Jude damals wohnen durfte. Julie besuchte das Konservatorium und zeichnete sich hier zugleich durch ihre leuchtende Schönheit und durch ihre glänzenden Talente aus. So kam es, dass sie auf das dringende Verlangen ihrer Lehrer eines Tages öffentlich auftreten sollte. Die arme Sara hatte einen nicht geringen Kampf zu bestehen, ob sie es überhaupt zugeben solle, dass ihre Tochter die künstlerische Laufbahn weiter verfolge und so immer mehr jener Bahn entrückt werde, die einst ihre Eltern gewandelt. Allein derselbe Anwalt, der immer für Julie das Wort führte, entschied auch jetzt den Kampf zu ihren Gunsten, und dieser Anwalt hiess ״ Mutterliebe. Julie sang mit glänzendem Erfolg und erntete grossen Beifall, sie wurde jetzt di© gesucht es te Perle aller glänzenden Salons und wich trotzdem nicht vom Pfade der Tugend. Das mag Ursache gewesen sein, dass ihre Mutter keinen Anstand nahm, sie endlich sogar auf ihr ׳stürmisches Verlangen, in Begleitung einer älteren Verwandten, nach Italien zu schicken, um dort ihre künstlerische Ausbildung zu vollenden. ״Mein Kind“, suchte sie sich zu überreden, ״wird einst: durch ihr glänzendes. Talent ihrem Stamme Ruhm und Ehre bereiten.״ In allen Briefen, die Julie aus Italien an ihre Mutter schrieb, versäumte sie nicht, diese über ihre Tugend und Glaubenstreue zu beruhigen. Selbst später, als sie ihren Briefen verschiedene Journale beischloss, die.ihres Ruhmes voll waren, wiederholte sie dieselben Beteuerungen. Allein je mehr die Journale sich mit ihr zu beschäftigen anringen, um so seltener wurden die Briefe, Anfangs kamen sie jeden Tag. dann nur einmal in ■der . Woche und endlic h nur einmal im Monat. ״Mein Julchen“, suchte die Mutter sich zu trösten, ״findet nicht immer Zeit zum Schreiben, sie ist zu sehr mit ihrem Studium beschäftigt — nicht so leichten Kaufes wird mau eine weltberühmte Künstlerin!“ Als jedoch Monat auf Monat verstrich, ohne dass nur eine Zeile von ihrer Tochter eintraf, konnte Sara ihre Aufregung doch nicht mehr beherrschen, und es drängten sich ihr einmal die Worte auf ihre Lippen: ״Sollte sie mich ganz vergessen haben, meine Julie? Sie hätte sich wohl ein kleines Stündchen für ihre Mutter absparen können, wenn sie es nur gewollt hätte — ja sie scheint mich ganz vergessen zu haben!“ Sie fuhr erschrocken über ihre eigenen "Worte empor, als hätte eine Schlange ihr diese in’s Ohr gezischt. Der Gedanke, dass ihre Töchter sie vergessen, frass sich mehr und mehr, wie eine Motte, in ihr Herz. Die Nächte über sass sie auf ihrem Bette und. weinte, sie weinte sich fast die Augen blind, und versank sie ja bisweilen aus Ermattung in einen Halbschlummer, begann der Traum mit ihr sein grausames Spiel zu treiben. (Schluss folgt)