Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1897)
- Date
- 1897-12-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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cheu gehalten wurde, schuldig gemacht. Der Flüchtling ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Homburg V. d. H. Dem Kantor der hiesigen israelitisehen Kultusgemeinde. Herrn Bra unsc hweig, wurde der Kronenorden 4. Klasse verliehen. Heidelberg. Das hier erscheinende antisemitische ״Deutsche Volksblatt“ verweist auf folgendes Inserat der belletristischen Zeitschrift ״Daheim“: ״Bitte! Für einen 39jährigen, seit 1892 Internierten jüdisch-galizischer Herkunft, aber des Deutschen mächtig und Hebertritts gewärtig, bitte ich Christlich-Gesinnte um Anstellung als Hausdiener sofort. Greil. Angebote an . . . ." (folgt der Name eines Gefängnisgeistlichen). Dazu bemerkt das Organ der badischen Antisemiten: ,,— -- Also für einen Verbrecher, der schon 5 Jahre als Sträfling dem Deutschen Reiche viel Geld kostete, welcher zudem Ausläuder und Jude ist, wird eine bequeme Beschäftigung als Hausdiener ^!) gesucht. Aber richtig, er will sich taufen lassen! Wir können uns nicht der Ueberzeugung erwehren, dass hier wie in den meisten Fällen die Bereitwilligkeit, sich taufen zu lassen, lediglich Mittel zum Zweck ist. Wir sind überzeugt, dass der 39jährige galizische Jude schon jetzt manche Annehmlichkeit in Folge seiner Bekehrungslust genossen hat: und wie angenehm wäre es, gleich in ein warmes Nest zu kommen, nachdem man die Sträflingsjacke ansgezogen hat! Der betreffende Geistliche ist sicherlich erfüllt von dem besten Willen und der Pflicht seines Berufes, das Christentum weiter zu verbreiten, aber, giebt es denn nicht genügend arme, brodlose Menschen unter unseren deutschen Mitbrüdem, für die es eher am Platze wäre, ihnen Stellungen zu besorgen, in denen sie für sich und ihre Familie ihr tägliches Brod erwerben könnten?u ( Wir sind in der selteneu Lage, in diesem Falle einmal mit dem Antisemitenblatt überein zu stimmen.) Kunst und — Antisemitismus. Der Wiener Akademische Gesangverein hat dieser Tage ein reizendes Stückchen geleistet. Eine junge Sängerin, mit dem Künstlernamen Carneri, hatte in einem Konzerte des Gesangvereins ein Mendelssohnsches Lied singen sollen. Auf Anraten eines Vereinsmitgliedes musste die Dame das Programm ändern, weil die Herren Studenten den Juden Mendelssohn nicht haben wollten. Schliesslich verzichtete man ganz auf die Mitwirkung der Dame, weil die deutsch-nationale Studentenschaft ״unangenehme Auftritte“ gegen die Sängerin vorbereitete, die es gewagt hatte, in einem Programm des Wiener Akademischen Gesangvereins auch nur einenMoment lang an Mendelssohn zu denken. — Für die durch die Excesse in Prag geschädigten jüdischen Kaufleute sind bisher 50 000 Gulden aus Deutschland, davon 15 000 von Rothschild aus Frankfurt a. M., eingelaufen. — In Chrudim zogen die Teilnehmer an der Ver- Sammlung eines politischen Vereins, welche von der Behörcle aufgelöst worden war, durch die Strassen und schlugen die Fenster in mehreren Gebäuden ein. Die Gendarmerie stellte die Ruhe wieder her und ermittelte die Namen einiger Teilnehmer an den Excessen. Welcher Schandthaten der tschechische Antisemitenpöbel in Prag fähig ist, das ist durch den Bombenanschlag, den er gegen das deutsche Landestheater in Prag verübt hat, in erschreckender Weise klar geworden. Das Prager Polizei- Präsidium teilt über dieses antisemitische Attentat folgendes mit: ״Am 9. Dezember d. J. wurde während der Abend- Vorstellung im kgl. Deutschen Landestheater, und zwar gegen Schluss des dritten Aktes, von Sicherheitsorganen an der der Universität gegenüberliegenden Ausgangsthür eine Bombe gefunden. Dieselbe war etwa sieben cm. lang, cylinderförmig und hatte circa vier bis fünf cm. im Durchmesser. Sie bestand aus einer Blechbüchse, welche mit Pulver gefüllt, mit starkem Draht umwunden und mit mehreren Stoffabfällen umhüllt war. Am oberen Ende befand sich ein Haken und daran ein starker Eisendraht. Mit diesem Haken war die Bombe an der Klinke der erwähnten Thür befestigt. An dem nach unten gerichteten Boden befand sich eine ca. zehn cm. lange Blechbüchse, durch welche die Lunte geführt war. Letztere brannte zur Zeit der Auffindung und wurde von den Sicherheits- Organen sofort gelöscht. Nach der Aussage von Sachvcrständigen war die Bombe geeignet, im Falle der Explosion bedeutenden Schaden herbeizuführen. Das zahlreiche im Theater anwesende Publikum hatte von dem Vorfälle keine Kenntnis.“ Wie die ,,Neue Freie Presse“ noch mitteilt, war die Bombe mit Nägeln, Blei-, und Eisenstücken gefüllt. Die deutschen Institute in Prag, namentlich die beiden deutsehen Theater, werden seit der Auffindung der Bombe noch stärker bewacht als früher. Vor dem neuen deutsehen Theater lagerte gestern eine ganze Eskadron Kavalletie. Die Verhaftungen in Prag dauern fort. Während in den ersten Tagen die Verhafteten ausschliesslich den ärmeren Volksschichten angehörten, kommen jetzt täglich Verhaftungen von Angehörigen der wohlhabenden und gebildeten tchechischen Bourgeoisie vor, welche in dem Vordachte Stehen, den Pöbel zum Vorgehen gegen die Juden aufgereizt zu haben. Prag. Franz Strougal, der Gründer, Eigentümer und Herausgeber eines in böhmischer Sprache erscheinenden antisemitischen Blattes wurde dem Strafgerichte eingeliefert, weil er dringend im Verdachte steht, zahlreichen Personen, welche er in seiner Redaktion, Administration und Expedition unter den verlockendsten Versprechungen angestellt hatte, nicht nur kein Gehalt gezahlt, sondern ihnen auch ihre Kautionen vorenthalten zu haben. Es scheint, dass Strougal das Blatt nur gegründet, um sich auf Cautions- Schwindel zu verlegen. Budapest. Die haarsträubende Brutalität, welche einige Burschen der Ortschaft Buda-Eörs an dem jüdischen Hausierer H. Gottlieb verübten, kam vor dem ersten Straf- Senate der Kgl. Tafel zur Verhandlung. Gottlieb wurde seinerzeit von einigen Burschen, die sich ihm als Begleiter zugesellten, ohne jede Veranlassung blutig geschlagen, dann wie ein wildes Thier von Hof zu Hof gehetzt und schliesslich derart misshandelt, dass der Aermste nach einigen Tagen den Wunden erlag. Einer der Mordgesellen, Joh. Schulz, der ihm den totbringenden Beilhieb versetzte, wurde zu sechs Jahren Zuchthaus, die übrigen Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 1 2/נ und 2 1/q Jahren verurteilt. Waag-Neustadt (Ungarn). Vor einigen Tagen starb hier Herr Oberrabbiner Josef Weisse im Alter von 80 Jahren. Seine umfassende Gelehrsamkeit, seine überaus erspriessliche seelsorgerische Thätigkeit, sowie seine unbegrenzte Menschenliebe haben ihm die Achtung und Verehrung der weitesten Kreise eingebracht. Wie grosser Beliebtheit sich der Verbliehene erfreute, bewies die allgemeine Beteiligung an dem Leichenbegängnis. Nach Tausenden waren die dem Trauerzuge Folgenden zu zählen. Die Stadt, auch das Rathaus war schwarz beflaggt, und der Probst Graf Pongracz forderte seine Kirchengemeinde auf, sich an dem Leichenbegängllis des hochehrwürdigen Oberrabbiners zu beteiligen. Am Grabe sprachen ausser Prof. Moritz Antschler -Wien, Dr. B. Sonnenfeld, Rabbiner Frankel, Dr. Diamant n. a. m. des Verblichenen Sohn, Herr Rabbiner Dr. Samson Weisse in Berlin. — Zu den Judenhetzen in Bukarest wird aus der rumänischen Hauptstadt telegraphiert: Da der Universitätsrektor Majorescu jede Verantwortung für die von der Regierung und der Regierungspresse beschönigten demonstrativen Agitationen eines Teiles der Studentenschaft ablehnt, so hat er seine Demission gegeben. Ebenso soll der Rücktritt des' Polizeipräfekten Lecca unvermeidlich Quittung über die bei uns eingegangenen Spenden für den 69jährigen Talmudisten erfolgt in nächster Nummer.