Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1897)
- Date
- 1897-12-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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nicht daran, dass die Juden in dem wüsten Strassenkampfe, der sich jetzt entsponnen, sich sofort zu ebenso ״gesinnungstüchtigen Tschechen“ umwandeln werden, wenn sie meinen, dass ihnen das Vorteil bringt. Die Meldungen, dass einige Geschäftsleute die deutschen Schilder mit tschechischen Aufschriften überklebt und ihre Schaufenster mit tschechisehen Nationalfarben ausstaffiert haben, kann sich doch nur auf Judenläden beziehen." Volkszeitu ng am 2. Dezember, Abendausgabe: ״Alle diese Mitteilungen zeigen, was für ein ״Kultur"־Element der Antisemitismus ist, der den raublustigen Tschechen eine so angenehme Beschäftigung zu sein scheint, wie ihr Deutschenhass. Unsere deutschen Antisemiten, die jetzt mit anselien müssen, wie neben den verhassten Juden, ־welchen sie gewiss alle Verfolgungen gönnen, auch die Arier lierhalten müssen, werden von den tschechischen Thaten daher mit einem heiteren, einem nassen Auge Kenntnis nehmen.11 Es bedarf nicht erst des Hinweises, dass die deutschen Juden in Böhmen, wenn sie sich eben treu und zuverlässig zum Deutschtum bekannt und wenn sie seit Jahren nicht allen Verlockungen des Tschechentums siegreich wiederstanden hätten, in keiner vom Weise tscheehischen Pöbel belästigt worden wären. Die Juden in Prag fühlen sich eben als Deutsche und teilen Glück und Unglück mit ihren deutschen Landsleuten. Wundern thun wir uns freilich nicht darüber, dass auch in diesem Falle die brave Staatsbürgerzeitung eine ihrer Stinkbomben gegen die Juden schleudert. Bei den Antisemiten ist eben längst die Scham zu den Hunden entflohen. Selbst die Thatsache, dass die Juden in Oesterreich in diesem Kampfe hart an der Seite der Antisemiten stritten und dadurch eine Selbstverleugnung an den Tag legten, die ihres Gleichen sucht in der Weltgeschichte, dass jüdische Studenten den Abgeordneten Wolf und Schönerer Ovationen darbrachten und dafür von ihren jüdisch-nationalen Kollegen Grobheiten und Prügel einstecken mussten, übt auf jene Herrschaften keinen Einfluss aus. Wien. Der Kaiser hat dem Generalstabsarzt Dr. Michael Waldstein den Adel mit dem Ehrenworte Edler von und dem Prädikate ״Heilwehr" verliehen. — Die Vorgänge in Böhmen haben bereits Schule gemacht. Auch in Bukarest sind Excesse gegen die Juden vorgekommen. Wir entnehmen darüber den Tages- Zeitungen folgendes: Bukarest. Israelitische junge Leute, die ihrer Militärpflicht bereits genügt, hatten am 28. v. M. in einer stürmisch verlaufenen öffentlichen Versammlung gegen den angekündigten, die Militärfreiheit der Fremden stipulierenden Gesetzentwurf protestiert. Rumänische Studenten legten in einer Versammlung gegen die Einmischung von nichtnaturalisierten Juden in Landessachen Verwahrung ein. Die anwesende Menge veranlasste nach der Versammlung auf das Gerücht von der Ermordung eines Rumänen durch Juden Excesse, gegen welche die Polizei einschreiten musste. Es wurden gegen 100 Verhaftungen vorgenommen. Spätere Mitteilungen lassen den antisemitischen Aufstand noch schlimmer und wilder erscheinen. Demnach haben sich die Excesse wiederholt und sind furchtbar ausgefallen. Tausende von Menschen aus dem Pöbel rotteten sich, mit Eisenstangen und Knütteln bewaffnet, zusammen und drangen in die vornehmsten Geschäftsviertel der Stadt ein, wo sie die Läden demolierten und plünderten. Namentlieh ging es gegen die israelitische Bevölkerung. Nicht nur wurden die Geschäfte gestürmt und geleert, auch andere jüdische Gebäude wurden demoliert, zwei Tempel erbrochen und verwüstet. Die Polizei schritt ein, vermochte aber gegen die wild gewordenen Massen nichts auszurichten. Später kam Gendarmerie ihr zu Hilfe, die mit aufgepflanztem Bajonett einschritt, wobei es zu blutigen Zusammenstössen und zahlreichen Verwundungen kam. Bisher konnte die Ruhe noch nicht wieder hergestellt werden. Auch aus Galatz werden Judenverfolgung und Plünderung gemeldet. Der Deputierte Marghiloman interpellierte wegen der gegen Israeliten vorgekommenen Ausschreitungen. Der Minister des Innern, Pherekijde, mit Beifall begrüsst, antwertste, dass die von den Israeliten seit einigen Monaten durch die Blätter und ein aufrührerisches Plakat bekundete aggressive Haltung eine Rückwirkung und allgemeinen Unwillen hervorgerufen habe. Die Studenten hielten ein friedliches Meeting ab, während desselben kam jedoch die Meldung, dass Israeliten in den benachbarten Strassen zwei Rumänen misshandelten. Dieser Zwischenfall, den die Polizei nicht voraussehen konnte, führte zu den bedauerliehen Szenen, deren Urheber Israeliten gewesen seien. Der Minister bedauerte diese Vorfälle und versicherte, dass sich dieselben nicht wiederholen werden, und dass Privatpersonen und Geschäftsleute ruhig ihrem Berufe nachgehen können. Die Kammer billigte mit sehr grosser Majorität die Erklärung der Regierung. Ob die Erklärung des Ministers auf Wahrheit beruht, mag vorläufig dahingestellt bleiben. Dass die durch und durch antisemitische rumänische Regierung den Juden alle und jede Schuld an jenen Vorgängen in die Schuhe schieben würde, liess sich voraussehen, sie hat ja diese Taktik von jeher befolgt. In Böhmen sowohl wie in Rumänien aber hat der Antisemitismus bewiesen, dass die Judenhetze schliesslich nicht auf Reden sich beschränkt, sondern ganz naturgemäss zu Thaten des Aufruhrs führen muss. Vereinsschau. PortK"! 0,1 Der ״Centralverein für die Interessen der jüd. Gemeinde“ zu Berlin hielt am 2. December Bruunenstrasse Bl eine stark besuchte Ver- Sammlung ab. Herr San.-Rat. Dr. Jastrowitz referierte über den Religionsunterricht in der Gemeinde, gab einen geschichtlichen Ueberblick über die Entwicklung desselben, über die Frequenz der einzelnen Religions-Schulen innerhalb der Gemeinde, wonach noch ca. 1900 Kinder ohne religiösen Unterricht seien, betonte besonders die Notwendigkeit des Hebräischen als Unterrichtsgegenstand und den Nutzen des obligatorischen Religionsunterrichtes und erörterte kurz die Fragen: Wo, von wem und wie soll unterrichtet werden. In der sich ‘hieran anschliessenden Diskussion wird von Herrn Is. Sachs der Versuch gemacht, die Teilnahme der kleinen Kinder am christlichen Religionsunterricht als Notbehelf und im Interesse der Schulordnung zu entschuldigen, was bei der Mehrzahl starke Entriistung und Zurückweisung erfährt. Herr Klausner betonte, die Verdienste des .Centralvereins um die Einführung des obligaterischen Religionsunterrichts und bemängelt die statistischen Angaben des Referenten, insbesondere die Zahl der des Religionsunterrichtes entbehrenden Kinder, als viel zu niedrig angegeben. Herr Lehrer Levy nimmt die Verdienste um den Relig.-Unterricht für den D. J. G.- Bund in Anspruch und wendet sich gegen die Einführung des obligatorlschen Unterrichts, der leicht die religiöse ITeberzeugnng jedes Einzelnen verletzen könne. Herr Dr. Holz spricht seine Befriedigung über den glänzenden Verlauf der Versammlung sowie über die Wirksamkeit des Centralvereins überhaupt aus und stellt auch für die Reformgemeinde eine grössere Berücksichtigung des Hebräischen im Unterricht in Aussicht. Die noch folgenden Redner betonen besonders die Notwendigkeit des Hebräischen, nicht blos als Vorbereitung für die Beteiligung am Gottesdienst, sondern auch zum Verständnis der wichtigen Lehr- und Glaubenssätze des Judentuins. Überraschend war die Mitteilung, die vom Vorstandstische aus gemacht wurde, wonach die Herren Rabbiner zu Inspektoren des Religionsunterrichts ernannt sind; nach einer anderen Version soll Herrn Dr. Stier allein die Inspektion der von der Gemeinde subventionierten Heligionsschulen übertragen sein. Dem Ein wände des Hern Jakob Weinberg, unsere Kinder seien zu sehr überbürdet, weshalb ihnen wohl volle Schulfreiheit am Sonntag und Mittwoch und Sonnabend nachmittag zu gönnen sei, trat Herr Klausner mit der Bemerkung entgegen, dass die früheren Generationen mindestens ebenso sehr in Anspruch genommen waren wie unsere Kinder: nur müsse man gleich unseren Vorfahren Opferfreudigkeit zeigen: denn ״Jude sein“ heisst ״Opfer bringen können.“ Herr Worms weist noch auf die in der vorigen Versammlung gegen ihn erhobeue Verdächtigung als Verleumdung zurück, wogegen Herr Dr. Beermann sich zu rechtfertigen sucht. Schluss der Versammlung gegen 12 Uhr. Es gingen ferner ein für den 68jährigen Talmudisten': von Herrn Landsgerichtsrat Dr. Markus Mk. 4,-—, Ungenannt Mk. 1,—, A. S. 01 Mk. 3,—, Frau F. Aschner, Halleschestr. 22 Mk. B.—, Herr W. Lindenstädt. Landsbergerstr. 48 Mk. 5,—,Herrn M. Wittkowski, Schönhauser- Allee 18-1 Mk. 3.—, N. 14. Mk. 2—, M. M. Mk. 5—, Herr Golm, Hornstr. Mk. 4,—, Frau Eva Engel Mk. 1. -. Im Ganzen Mk 30.— Allen gütigen Gebern herzlichen Dank im Namen des Bittstellers. Weitere müde Gaben übermittelt gern Die Expedition.