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Berliner Vereinsbote · 1897-12-03 · Heft 49 (3.12.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 49 (3.12.1897)
Date
1897-12-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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OberhemdenReparaturWerkstatt »>40 ״ Halspriesen 20, Paar Handpriesen 25, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Ptg. Neuanfertig. z. billig-st Preisen. Abholung frei Bedürftigen nicht zu sprechen. Der Kreis derjenigen, welche jedoch auch für den Juden und gerade für den Juden mit ihrer Mildthätigkeit nicht zurückhaltend sich zeigen, ist keineswegs ein kleiner und eng begrenzter. Grade bei unseren Grossen und Reichen besteht vielfach der letzte und einzige Ueberrest alles Jüdischen, den sie sich erhalten haben darin, mit vollen Händen und weitem HerzenWohlthaten zu erweisen. Und auch der Kreis derjenigen, deren Namen man als Geber und Spender immer nnd immer wieder liest und hört, ist immer noch ein stattlicher und imposanter, der sich in Ehren sehen und bewundern lassen darf. Es ist aber ein Unrecht und giebt zu ganz schiefen und verkehrten Anschauungen Anlass, wenn man als Maassstab der Beurteilung von Juden au sgeiibter Wohlthätigkeit einzig jenen Personenkreis herausgreift. Die unendliche Fülle von Gebelust und Wohlthätigkeitssinn, die unter bescheidener, anonymer Chiffre sich verbirgt, die im Stillen und Geheimen sich bethätigt und in geradezu unglaublich hohem Grade von dem Mittelstände und selbst in sehr bescheidenen, fast ärmlichen Verhältnissen lebenden Glaubensgenossen ausgeht, darf auf keinen Fall dabei gänzlich ausser Berücksichtigung gelassen oder auch nur unterschätzt werden. Und was von Gemeindewegen, von den unzähligen Vereinen geschieht, ist das etwa ein Pappenstiel, über den man sich mit höhnischem Achselzucken hinweg setzen darf? Und ist man etwa in jüdischen Kreisen so kleinlich denkend, bei der Ausübung der Wohlthätigkeit nur den ״deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ zu bedenken? Ohne Uebertreibung kann die Thatsaehe konstatiert werden, dass in der Berliner jüdischen Gemeinde mindestens zwei Dritteile des gesamten Armenetats für ausländische Juden, fast ausschliesslich Russen und Oesterreicher, seine Ver- Wendung findet. Alljährlich werden die deutschen Juden von Tausenden ihrer Glaubensgenossen aus den östlichen Ländern um Gaben angesprochen, ein Beweis dafür, dass dieselben hinsichtlich der Mildthätigkeit der deutschen Juden denn doch noch anderer Meinung sind als jene in der zionistischen Versammlung ausgesprochene Behauptung. Und alle diese lieben Glaubensgenossen kommen bei diesem Geschäft auf ihre Rechnung, noch keiner von ihnen ist unter deutschen Juden verhungert. Während wir diesen Aufsatz niederschreiben, kamen in kurzen Zwischenräumen von allen Seiten Gaben für einen in Böhmen wohnenden armen Juden, der in seiner Bedrängnis durch einen Aufruf in unserer Zeitung vertrauensvoll, und wie man sieht, nicht mit unbegründetem Vertrauen an den Wohlthätigkeitsin« der deutschen Juden appelliert. Damit wollen wir für heute unsere Auslassungen beenden. In einem späteren Artikel werden wir Gelegenheit nehmen, die in der heutigen Zeit ausgeübte jüdische Wohlthätigkeit nach anderen Richtungen hin zu beleuchten. Aus der Gemeinde. Die Sitzung der Repräsentanten-Versammlung am 27. November brachte als wichtigsten Gegenstand der Verhandlungen eine Diskussion über die Frage der Rabbinerwahl. Vorher gingen noch einige Punkte von minderer Bedeutung. Die Versammlung erteilte ihre Genehmigung zum Verkauf einer Grundstücksparzelle ans der Felix Blumenthalschen Nachlassmasse zum Preise von 37 600 Mark. Das revidierte Statut des Waisenhauses in Pankow (ehemaliges Erziehung»- haus) wurde mit geringfügigen Aenderungen angenommen. Bedenken wurden aus der Mitte der Versammlung erhoben gegen die Bestimmung, wonach auch die bereits dem schulpflichtigen Alter entwachsenen und in der Lehre befindliehen Knaben noch bis zum 18. Lebensjahre in der Anstalt verbleiben sollen. Begründet wurden diese Einwendungen mit der Befürchtung, dass auf diese Weise durch die älteren Zöglinge schlechte Einflüsse, die sie von draussen aufgenominen, auf die Kinder ausgeübt werden könnten. Ein. diesbezüglicher Antrag fand jedoch keine Mehrheit und wurde die Fassung der Kommission aufrecht erhalten. Ein weiterer Punkt, wo Widerspruch sich geltend machte, war eine Bestimmung, wonach bei Anstellung eines Dirigenten der Anstalt darauf Rücksicht zu nehmen sei, dass der Betreffende einen rituellen Haushalt führe. Ein Antrag Baginsky will dies als Bedingung der Anstellung ausgesprochen wissen, wird jedoch bei der Abstimmung abgelehnt. Auch in diesem Falle verbleibt es bei der von der Kommission festgesetzten Formulierung. Die Kenntnisnahme und Besprechung der Berichte der Dirigenten der Religionsschulen über Einrichtung, Lehrplan und Erteilung des Religions- Unterrichts wurde von der Tagesordnung abgesetzt. In die Kommission zur Vorbereitung der Angelegenheit des Religionsunterrichts wurden die Herren Prof. Baginskv und Dr. Weigert noch hineingewählt. Zur Frage der Rabbinerwähl berichtet die seit 1y2 Jahren mit dieser Angelegenheit betraute Kommission durch ihren Referenten, Herrn Geheimrat Blumenthal: Der Synagogenvorstand hat einen Antrag gestellt, dahingehend, eine gemischte Deputation zu ernennen mit der Aufgabe, zwei Rabbiner bezw. Prediger zur Wahl vorzuschlagen und ferner der Frage einer Neuregelung der Thätigkeit der Rabbiner und Kantoren näherzutreten. Die Kommission empfahl die Ablehnung dieses Antrages in allen seinen Teilen, da einmal die bereits eingesetzte Kommission ihre Aufgabe noch nicht gelöst habe und demzufolge noch ZU Recht bestehe, ferner man sich mit der Wahl noch eines Rabbiners nicht befassen könne, indem eine diesbezügliche Vorlage an die Vesammlung noch nicht erfolgt sei, und endlich, weil auf diese Weise die Arbeit der Kommission, der es schon schwer genug würde, den einen konservativen Rabbiner ausfindig zu machen, noch mehr erschwert würde. Im Namen des Vorstands ersuchte Justizrat Meyer die Versammlung dringend, dem Anträge des Vorstandes zuzustimmen. Es solle durch die gemachten Vorschläge durchaus nicht die Anstellung des konservativen Rabbiners illusorisch gemacht werden, nur bedürfe man auf alle Fälle schon im Herbst kommenden Jahres eines Predigers für die alsdann fertig gestellte Svnagoge in der Lützowstrasse. Falls die Versammlung auf diese Wünsche nicht eingehe, würde der Vorstand sich genötigt sehen, selbständig vorzugehen und seinerseits die Stelle zur Bewerbung auszuschreiben. Letztere Bemerkung bezeichnet© Herr Gejieimrat Blumenthal als eine Drohung mit dem Staatsstreich, er sowohl wie die Herren Leonhard Sachs, Oppenheim u. A. sprachen gegen den Antrag des Vorstandes, nicht weil man im Prinzip gegen die Anstellung eines Rabbiners sei ausser demjenigen, den man noch suche, sondern weil man erst jene seit 1 Jahren schwebende Angelegenheit erledigen müsse. Die Versammlung einigte sich schliesslich dahin, die bereits bestehende Kommission, deren Mandat sie als durchaus noch nicht erloschen betrachtete, mit der vom Vorstande gestellten oben erwähnten Aufgabe zu betrauen. Die übrigen Gegenstände wurden sodann auf eine spätere Sitzung verschoben. Das Cirkular betreffend Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes hat, wie jetzt bekannt wird, an 5000 Zuschriften im bejahenden Sinne erhalten, während etwa 1200 sich dagegen aussprachen. Bei ca. 18000 steuerpflichtigen Gemeindemitgliedern will das schliesslich noch nicht viel besagen, da schwerlich anzunehmen ist. dass diejenigen, welche überhaupt keine Antwort gegeben hatten, damit ihre Uebereinstimmung mit der verlangten Institution bekunden wollen. Die Petition wird nunmehr an den Gemeinde-Vorstand abgesandt werden: ob sie den gewünschten Erfolg haben wird, dürfte mehr als fraglich erscheinen.

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