Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Agitations-Versammlung für den Westen Berlins! veranstaltete am Dienstag Abend in der Viktoria-Brauerei j der ״Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ An 1000 Personen batten diesem "Rufe Folge geleistet. Der Vorsitzende des Vereins. Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz, sprach über das Thema: ״Ehrenpflichten“. Als Ehrenpflicht der deutschen Juden bezeiehnete der Redner, gegenüber der antisemitischen Agitation die Verteidigung unserer bedrohten staatsbürgerlichen Rechte mit eigener Hand und eigener Kraft wahrzunehmen. In der ihm eigenen gediegenen und bei aller Ruhe geradezu hinreissenden Beredsatnkeit legte Herr Dr. Horwitz dar. in welcher Weise und mit welchen Mitteln der Central-Verein dieses Ziel bis auf den heutigen Tag verfolgt habe, und wie durch sein Wirken im Laufe der Zeit immer mehr und mehr unter den deutschen Juden das berechtigte Selbstbewusstsein erweckt, gehoben und gestärkt worden sei. An der Hand einer langen Reihe von Beispielen zeigte der Vortragende, wie namentlich auf dem Gebiete des Rechtsschutzes der Verein stets seiner Ehrenpflicht Genüge geleistet und in einer nicht zu unterschätzenden Anzahl von Fällen ganz bedeutende Erfolge erzielt habe. Mit kräftigen Worten brandmarkte Redner die feige Fahnenflucht derjenigen, die sich dem Angriffe dadurch zu entziehen suchten, dass sie in verblendeter Charakterlosigkeit sich und ihre Kinder durch die Taufe dem Judentum entziehen. Mit einem warmen Appell an das Ehrgefühl der Juden, einig und geschlossen zusammenzustehen im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind, schloss der Redner seinen mit grossem Beifall aufgenommenen Vortrag. Eine Diskussion fand nicht statt: über 100 neue Mitglieder, mit erheblichen Jahresbeiträgen sind dem Vereine an diesem Abend beigetreten. Die ״National-Jüdische Vereinigung“ hält am Mittwoch, den 24. November im grossen Saale des Hotels Imperial, Unter den Linden 44, einen Diskussionsabend ab über den Zionismus. Freunde wie Gegner desselben haben Zutritt, vollständig freie Aussprache ist gewährleistet. Von Seiten der Berliner Zionisten werden wir um Aufnahme nachfolgender Zeilen gebeten: Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Interesse der Wahrheit bitten wir ergebenst um Aufnahme der folgenden Richtigstellung. Am 10. d. M. sprach Dr. Vogelstein aus Stettin in einer Versammlung über das Thema: ״Gegen den Zionismus“. Wir legen Verwahrung dagegen ein, dass die von Herrn Dr. Vogelstein als Lehren und Programm des Zionismus vorgetragenen Theorien der Zionismus sein sollen. Unsere Partei hat ihr Programm auf dem Congress in Basel festgelegt und nur, was sich mit diesem deckt, .können wir als Zionismus anerkennen. Da am 10. d. M. eine Diskussion über den Zionismus trotz unserer wiederholten Bitte nicht gestattet wurde, sind wir za diesem Protest genötigt. Für die freundliehe Aufnahme im voraus dankend, zeichnen hochachtungsvoll im Aufträge der Berliner Zionisten R. Hartmann. F. Sachs. Umschau. — Die Wahl in der Westpriegnitz hat die schöne Seelengemeinschaft der Konservativen, Landbündler u«d Antisemiten vollständig ruiniert. Die Parteileitung der deutschsozialen Partei erlässt nachstehende geharnischte Erklärung: ״Wie schon in vielen anderen Wahlkreisen ist die Agitation der Deutsch-sozialen Reform-Partei auch in der Westpriegnitz von den Konservativen dadurch bekämpft worden, dass man die Gastwirte durch Drohungen veranlasst hat, uns ihre Säle zu verweigern, dass man uns Säle, die wir schon fest gemietet, abgetrieben, dass man unsere Vertrauensmänner und die Wähler eingeschüchtert hat und dergleichen mehr. Weiter ist unsere Agitation durch die Kreisorganisation des Bundes der Landwirte unterbunden worden: Man bezeiehnete den Konservativen, weil er angeblich einstimmig von den Vertrauensmännern des Bundes aufgestellt sein sollte, von vornherein als Bundeskandidaten, statt sich unserer Agitation gegenüber neutral zu verbalten und den Ausgang abanwarten. Die Bnndesleitung ist nicht gegen dieses Treiben eingeschritten, obgleich sie von unserer Seite angerufen worden ist. Das Ergebnis all dieser Treibereien ist natürlich eine lebhafte Verstimmung der antisemitischen Wähler im Kreise gegen die Konservativen und die Wahl des freisinnigen Kandidaten gewesen. Da zu befürchten ist, dass sich die Konservativen und auch andere Parteien bei den kommenden allgemeinen Reichstags wählen ähnlicher Missgriffe in der Bekämpfung der deutsch-sozialen Reform-Partei schuldig machen werden, so erklären wir, um dem nach Kräften vorzubeugen schon jetzt: Wir werden bei den Stichwahlen den Anhängern unserer Partei niemals empfehlen, für den Kandidaten einer Partei zu stimmen, die uns mit groben Gewaltmitteln, wie die oben geschilderten bekämpft hat. oder für einen Kandidaten, der dem unsrigen als Kandidat, des Bundes der Landwirte entgegengestellt worden ist. Von den Parteien verlangen wir sachlichen Kampf, vom Bunde der Landwirte unbedingte ehrliche Neutralität, wo sich mehrere Kandidaten gegenüberstehen, die in vollem Umfange für die Bundesforderungen einzutreten bereit sind. ׳ — Schadenfreude ist gewiss kein schönes Gefühl, aber dennoch kann man sich ihrer nicht ganz entschlageu, wenn man sieht, wie die konservative Partei von dem antisemitischen Wechselbalg, den sie lange Jahre hindurch gepäppelt und gehätschelt hat, behandelt wird. Wie sagt doch gleich. Shakespeare? ,,Grasmücke den Kuckuk mit Würmlein speist. Bis dieser der Alten den Kopf abreisst.“ - Ahlwardt hat sich in einer Versammlung in Hageil am 11. d. M. höchstselbst zum Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Hagen proklamiert. Der Wahlkreis Hagen, den zur Zeit Eugen Richter vertritt, wird wenig Lust haben, sieh durch Ahlwardts Wahl zu prostituieren״ Meinungsaustausch. In einem Artikel in der No. 45 Ihres geschätzten Blattes, welcher den Jugendgottesdienst an den hohen Festtages bespricht, wird mit Recht behauptet, dass diese Einrichtung wohl die bedeutendste ist. die unsere Gemeindebshörden getroffen haben. Ganz besonders wird in dem Artikel Herr William Wolff bezüglich des musikalischen Teiles hervorgehoben. Herr Wolff, heisst es in dem Artikel, hat die Agende bearbeitet. Ja, worin besteht denn diese Arbeit? Eigentlich doch nur darin, dass er bekannte Responsen und Gemeindelieder, deren Melodien allen Synagogenbesuchern gründlich bekannt, sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen sind, für die Agende zusammengestellt hat. Das ist eine Arbeit, die jeder, der einigermassen Notenkenntnisse hat, zu leisten vermag. Dagegen hätte ihm doch beispielsweise auffallen müssen, dass das ״M’lau Chol h00rez Kwodo4i in der Keduscha in 4/4 Takt geschrieben ist, während es, um auf den Rythmus nicht störend zu wirken, ebenso wie das vorhergehende .,Kodosch“ in;V4 Takt hätte fortgesetzt werden müssen. Dass dieser Irrtum Herrn Wolff nicht aufgefallen ist, spricht für eine sehr mechanische Behandlung der Sache. Allerdings hat Herr Wolff auch versucht, etwas Selbständiges zu leisten, indem er den Mittelsatz des ,,K» onu ammecho־‘ von Professor Sulzer, das speziell für Chor geschrieben ist, zu einem Solo umgewandelt hat. Würde das letztere dem Charakter der Piece entsprechen, dann würde mein langjähriger Lehrer und Leiter Herr Professor Sulzer, dessen musikalisches Feingefühl anerkannt ist. selbst es so komponiert haben. Im übrigen macht der ganze Artikel auf den Leser den Eindruck, als wenn er den Zweck hätte, weniger auf die Bedeutung des Jugendgottes־ dienstes hinzuweisen, als vielmehr die Leistung des Herrn Wolff hervorzuheben. Joseph Epstein.