Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1897)
- Date
- 1897-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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mit warmer, tief empfundener Teilnahme die Eindrücke mannigfaltigster Art in sich auf, die die wahrhaft herzerhebende Feier bot. Geschickte Hände hatten mit sinnigern Verständnis die Empore des Konzerthauses in einen Blumenhain verwandelt, und heller Lichterglanz erleuehtete den weiten Baum. Weithin erglänzten die goldenen Züge in der Standarte des Vereins mit ihren Symbolen: Magen David und zwei ineinander geschlungene Hände. Orgelklänge leiteten den Akt ein, die bewährte Kraft des Herrn Organisten Ludwig Fuchs brachte eine Fuge von Bach zum wohlgelungenen Vortrag. Sodann begrüsste der Vorsitzende. Herr Gustav Michaelis, die Erschienenen mit herzlichen Worten, indem er gleichzeitig einen anschaulichen Ueberblick gab über die Entwicklung und die Wirksamkeit des Vereins in den 25 Jahren seines Bestehens. Die mächtigen Klänge des Beethoven‘sehen ״Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre־‘, in künstlerischer Vollendung vorgetragen von dem verstärkten Chor des Gesangvereins ,,Harmonie”, unter der geschickten Leitung des Konzertäsngers Herrn Alexander Heinemann durchbrausten sodann den festlichen Raum. Den Glanzpunkt dieser überaus erhebenden Feierlichkeit bildete die Festrede des Herrn Rabbiners Dr. Blumenthal aus Ratibor, Ehrenmitglied des Vereins. Ein Meister der Rede verstand er es, auf die Herzen aller Anwesenden einen gewaltigen Eindruck zu machen, der in den leuchtenden Blicken und dem begeisterten Beifall sich kundgab. ׳Das rhetorische Meisterstück wird übrigens binnen kurzem im Druck erscheinen. '! Würdig schloss sieh der Ansprache ein Sologesang des Herrn Goldberg an, die Festosstimmung im reichen Maasse erhöhend. — Nur drei Mitbegründer des Vereins weilen heute noch unter den Lebenden, die Herren Simonetti, Cohn und Aronsolm. Ihnen wurden durch das Vorstandsmitglied Herrn Leonor Kroner Ehrendiplome überreicht, die ihnen für ihre Mitarbeit an der werkthätigen Menschenliebe des Vereins den Dank desselben votierten. In langer Reihenfolge betraten nunmehr die zahlreichen Vertreter befreundeter Vereinigungen das Podium, um zum Jubelfeste dem Verein Gewul Tauw im Namen und im Aufträge ihrer Vereine in beredten Worten die herzlichsten Segenswünsche zu übermitteln. Für die Stadtverordneten-Versammlung sprach Herr Stadtverordneter Ham in erst ein, für die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde Herr Leonhard Sachs, für die ״Montefiorc-Loge” Her!׳ Dr. Moses, für die .,Deutsche Reichs- und Leopold Zunz-Loge״ Herr J. Rasenberg. für die ״Mozart-Loge" Herr Vorwerk, für das Kuratorium dos Kindergartens und Kinderhorts Herr Hermann Abraham, für den ״Miete-Hilfsverein‘־ Herr Wed eil, eine prachtvolle aus blauer Seide gefertigte, mir reicher Stickerei verzierte Fahnenschärpo überreichte Herr A. Kuutz im Namen des Vereins ..Gemilus Chassodini.־־ einem goldenen Fahnennagel für den Verein .,Hunianitas“ Her! S. Kunz. Höchst geschmackvoll äusserte sich die Aufmerksamkeit, mit welcher Frau Dewitz im Aufträge des Frauenvereins ״Gewul Tauw‘1 ihre Gabe darbrachte. Es waren dies Abzeichen für die Mitglieder des Vorstandes, welche von zwei niedlichen, weiss gekleideten Mädchen. Charlotte Neumann und Rosa Riess. überreicht wurden. Es würde zu wmt führen, alle die Beweise liebevoller Aufmerksamkeiten hier aufzuzählen, erwähnen wollen wir nur. dass von allen Rednern mit besonderer Freude des Vorsitzenden des Vereins, Herrn Michaelis und seines thatkräftigen und erfolgreichen Wirkens mit innigem Dank und lauter Anerkennung gedacht wurde. Nach einem weiteren Zwischenspiel der Orgel, nahm der Schriftführer des Vereins, Herr Ludwig Ri.-ss, das Wort, um allen denjenigen noch einmal den Dank des Vereins auszusprechen, welche durch ihr Erscheinen dazu beigetragen, das Fest zu verschönern, zugleich mit dem innigsten Wunsche, dass noch viele Jahre nutz- und segenbringender Arbeit im Dienste der Menschenliebe dem Verein beschieden sein möge. ״Heilig ist der Herr“ sang dann der Chor in wohltönenden Akkorden, und damit war der erste Teil des Festes beendet. — In ebenso glänzender Weise verlief auch der Festabend im Saale der ״Gesellschaft der Freunde‘•', bestehend in Souper mit darauf folgendem Tanz. Eröffnet wurde die Feätfeier durch ein Festspie), darstellend Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Humanitäts- Vereins ״Gewul Tauw.“ Sowohl der Prolog, gesprochen von Fräulein Sophie Meyer, als auch die übrigen Leistungen der Darstellerinnen, Frl. Elise Michaelis, Frau Gertrud Grossmann. Frl. Margarethe Zernick, Frl. Erna Dewitz und Frl. Anna Berkitz ernteten reichen Beifall. Das Festmahl, zu welchem Herr Hotelier Richter die Speisen und Getränke geliefert hatte, wurde durch Ansprachen ernsten und heiteren Inhalts, sowie durch musikalische, gesangliehe und deklamatorische Vorträge gewürzt. Der Vorsitzende. Herr Michaelis, brachte den Kaisertoast aus, indsn die Anwesenden begeistert einstimmten. Die eigentliche Begrüssungsrede hielt Herr Köttner, eine sowohl inhaltlich wie in der Form vollendete oratorische Leistung. Herr Dr. Grünfeld jr. toastete auf den Vorstand, Herr Dr. Blumentlud-Ratibor brachte in geistreicher Weise ein Hoch auf das Michaelis’sche Ehepaar aus. Rührern! wirkten die herzlichen Worte der Frau Dewitz, welch.- als Zeichen ihres so oft bekundeten Interesses für den Verein die gefüllte Sparbüchse ihrer Kinder dem Vorsitzenden zur Ver- Wendung für Vereinszwecke übergab. In poetischer Form liess Herr S. Cohn die Damen hochleben. Die Reihe der Ansprachen beschlossen Herr Ludwig Riess und Dr. Moses. An Se. Majestät den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm ahgesandt. Eine wohlgelungene poetische Festgabe hatte j Frau Marianne Dewitz gewidmet. Wir können es uns 1 nicht versagen, auf die trefflichen Gesangsleistungen der! Frau Witte, 0,-s Herrn Alexander Heinemann, der erst vor | kurzem b.-j ׳•;nein Konzert in der Singakademie Triumphe | gefeiert hat. des Herrn Scinnasow vom Schillertheater und! des preisgekrönten Jodlers Herrn Sattler. -- Während | des Tanzes überraschte Herr Berkowitz, Besitzer des Cale, j Wilhelmshof (Kaiser Wilhelmstr. die Damen mit einer; allerliebsten Spende in Form von Knallbonbons mit scherz- ׳ haftein Inhalt. — Dass das Fest alle Teilnehmer befriej digte, und ihnen wohl nochlange in angenehmer Erin- ן nerung bleiben wird, ist. nicht zum mindesten das Verj dienst des Festkomitees und in erster Reihe wiederum \ ries Vorsitzenden desselben. Herrn J. Bloch. Der Human ii täts-Verein Gewul Tauw darf mit stolzer Genugtlmimg | auf diesen seinen Jubel- und Ehrentag zurückblicken. Möge i es ihm vergönnt sein, auch ferner seine segensreiche Wirk-! samkeit zu entfalten und sich der Sympathien Aller zu; erfreuen, die gleich ihm im Dienste edler Menschenliebe | ihre Kräfte bet hängen. i Die ,.Vereinigung Monbijou“ hielt am Id. «1. M. einen! Vortragsabend ab, der von Herren um! Damen zahlreich | besucht war. Leber das Thema ״Modernes Heidentum" | sprach Herr Generalsekretär!׳ Alphonse Lew. Unter der j Bezeichnung ..Modernes Heidentum“ beleuchtete der Vorj tragende gewisse Richtungen des modernen Antisemitismus, ' welche in ihrem blinden Hass gegen alles jüdische nicht I davor zurückschrecken, das beiden Religionen gleich heilige | alte Testament in den Staub zu ziehen. Redner wies ein- I gehend nach, dass dieser Kampf gleichzeitig auch gegen j die religiös!! Güte!־ des Christentums sich richte, da auch! die christliche Religion im letzten Grunde in den biblischen! Schriften des Judentums wurzle und daher von diesem uni möglich zu trennen sei. Aus diesen noch dazu mit nationalem | Chauvinismus und angeblich wissenschaftlichen Argumenten ן verquickten Wahnvorstellungen resultierte, wie der Redner an vielen Beispielen und Ci taten aus antisemitischen Autoreu klarlegte, eine Verächtlichmachung des Christentums sowohl wie übehaupt jeder positiven Religion und damit ein Abwencleu von den überall gütigen Grundregeln und Gesetzen der Moral, eine Zunahme des Indifferentismus in Glaubenssacheu, eine Zunahme der Irreligiosität. Der biblische Gottesbegriff, der von dieser Sorte von Antisenuten so überaus bitter bekämpft werde, sei ein wichtiges Bindeglied zwischen glaubenstreuen Juden und wahrhaft religiösen Christen, und wenn der Jude sich gegen die Verächter dieses Glaubens kehre, so bekämpfe er keinen