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Berliner Vereinsbote · 1897-11-19 · Heft 47 (19.11.1897) · page 3

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 47 (19.11.1897)
Date
1897-11-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Berliner Yereinsbote. (^enRal-Drgaii für die jüdischen Vereine Berlins. Erscheint: Jeden Freitag. Bezugspreis: Für Berlin vierteljährlich Mk 0.75, für auswärts Mk. 1,00. Nummer 47. Mit der IBeilage ״Israelit. Familienblatt.“ Redaction Expedition und Annoncen-Annahme: Berlin NO., Elisabethstrasse 59 a. LM- Fer11>j11vch-Anschh1ss Amt VII. Xo. 40ü-‘. Berlin, den 19. November 1897 Postzeitungg-üste 1012. Insertionspreis: Die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Bei Wiederholung Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. III. Jahrgang. Arbeit — nicht Almosen. Aus einem Vortrag, gehalten im ..Ontralverei״ deutscher Staatsbürget־ jüd. Glaubens‘‘ von Herrn Eugen Posensiiel. Vorsitzender des ..Verein für Arbeitsnachweis“ begründet von <len ,.Heriiner-Bnai- Die grossen Veränderungen der Erwerbsverhält nisse. wie sie gegenwärtig für den wirtschaftlich Schwachen ihren Verlauf nehmen, üben ganz besonders anf die grosse Menge unserer erwerbstätigen Glaubensgenossen einen unheilvollen Einfluss aus. Die grossen Bazare und die im grossen Style b4 ׳!!ebenen Versandgeschäfte erschweren dem Kleinhändler immor mehr die Conc-urrenzfähigkeit. Die kleinen Städte entvölkern sich zumal von Juden, denn die Ernährung wird dort gerade für diese immer mehr eingeschränkt■; geschieht doch der Einkauf der meisten Bedürfnisse fast aller Orten in den von überall schnell zu erreichenden Centren: der Hausierhandel lohnt nicht mehr, und der Antisemitismus wirkt an kleinen Orten geschäftlich zweifellos, zumal der Judo vorn eh in lieh dem Handelsstande angehört, gegen den sieh ja überhaupt vielfache Anfeindungen richten. Es soll der Vermittler zwischen .Produzent, und Consiiment verschwinden. Es werden Verkaufs- Und Einkaufsgenossenschaften aller Orten begründet. Auch durch das siegreiche Eindringen des weiblichen Geschlechtes in alle Geschäftsthatigkeiten ist ein Ueberfluss an Arbeitskräften entstanden, was sieh besonders hier in Berlin fühlbar macht, denn mehrere tausende unserer Glaubensgenossen, die arbeitsfähig und arbeitslustig, sind existenzlos. weil sie keine Thätigkeiten für ihre Fähigkeiten erlangen können. Hierzu kommt noch das Vorurteil gegen Juden, welches nicht nur bei Andersgläubigen herrscht. , Daher erscheint von allen philantropisehon Bestrebungen diejenige, welche Mittel und Wege sucht, unfreiwillig feiernde Glaubensgenossen in Stellungen zu bringen, wo sie ihr Brot für sich und ihre Familie verdienen können, als eine hervorragend bemerkenswerte. Seit einigen Jahren ist man nun praktisch ans Werk gegangen und unter der Aegide der städtischen Behörden und mit Beihilfe städtischer Mittel hat man in einer grösseren Aazahl deutscher Städte Arbeitsnachweise eingerichtet, und diese an verschiedenen Orten bestehenden Arbeitsnachweise haben sich zu einem Centralverbande vereinigt. Aber diese Einrichtungen kommen unsern Glaubensgenossen fast gar nicht zu statten. Xach eingezogenen Erkundig mgen sind unter den 17 000 Untergebrachten noch nicht 50 Juden enthalten. Dies ist aber allzu natürlich, denn erstens giebt es nicht allzu Viel jüdische Handwerksgehilfen und dann sind jüdische Arbeiter nur unterzubringen, wenn man erstens j anf ihre Eigenart Rücksicht nimmt, und wenn man Protecj tion ansübt: denn ein grosses Vorurteil herrscht selbst in ’vielen jüdischen Kreisen und sind die Ursachen zum Teil nicht ungerechtfertigt. Wofür aber keine Xaehweise vor- | handen sind, die gerade unsere Glaubensgenossen am meisten benötigen, das ist für Stellungen im Handel und Gewerbe. Die Aufgaben, weiche ein Stellungsnachweis sich zu stellen hat, um für unsere Glaubensgenossen erfolgreich zu wirken, sind viel umfassendere, und in dieser Erkenntnis begründeten die Mitglieder der ״Berliner Bnai Briss Logen•־ vor zwei Jahren einen Humanitätsverein zu diesem Zwecke, welcher sein Büre au in Berlin, Klosterstrasse 44 hat, und höchst segensreich wirkt. Schon im ersten Jahre unseres Bestehens gelang es uns folgende Personen unterzubringeii. Es sind von uns im Jahre 1890 mit Arbeit versorgt worden: 218־ gewölmliche Arbeiter. 72 Hausdiener, 3 Kutscher. 17 Briefträger, 4 Weinküfer, 1 Krankenwärter, 1 Inspektor, 54 Handwerksgehülfen. 20 Handwerkslehrlinge, 1 Rogistrator, 1 Büreauvorsteher, 40 Schreiber, 42 Buchhalter, 1יי Commis, 4 Expedienten, 14 Stadtreisende. 6 Kaufmannslehrlinge, 0 Schneiderinnen, 4 Zuschneiderinnen. .41 Buchhalterinnen, 2 Cassiererinmm, 47 Verkäuferinnen. 13 Lehrmnmsels, zusammen 001. Davon sind 190 männliche verheiratete. 370 unverheiratete. 2 weiblich verheiratete. 91 unverheiratete, zusammen 001. Die grosse Zahl von 21 <8 untergebrachten gewöhnlichen Arbeitern ist auffallend. Der grösste Teil dieser Leute hatte einst bessere Tage gesellen. Einer davon x. B. war Bankdirektor in Wien, ein anderer Fabrikant, dann viele Hausierer, die sieb nicht mehr ernähren können, Handwerksgesellen mit div. Gebrechen, die sie nnbefähigt machen, weiter ihrem erlernten Gewerbe nachzugehen u. s. w., und da sie in anderen Stellen niohl unterzubnngen waren, so nahmen sie Stellungen selbst gewöhnlichster Art au. Eine Anzahl war körperlich nicht stark genug und mussten bald jiusspaunen. Die meisten aber thaten und thuen mit Aufopferung ihrer ganzen Kraft ihre Schuldigkeit zur Zufrieden heit der Arbeitgeber. Die Beschäftigungen, die wir ihnen zugewiesen, waren als Bauarbeiter. Fensterputzer. Kellerarbeiter. Felleklopfer, Fellträger. Matzesroller, Kellner und Speiseausträger in der Volksernährung der Berliner Gewerbeausstellung, Marktheller etc. etc. Von den bei der Privatpost Uutergebrachten war z. B. ein ehemaliger grösserer Fabrikant für wollene Fantasie-Artikel, der 1% Jahr mit seltener Pflichttreue trotz seiner 64 Jahre die Briefkasten geleert uud zuerst 60 Mark und dann 75 Mark pro Monat verdiente. Der in der Palästina-Gesellschaft untergebrachte Weinkiifer z. B. war früher SehlKchtergeselle. der zu diesem

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