Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1897)
- Date
- 1897-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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hatten sich am Sonntag mittag zahlreich die Freunde des im vorigen Jahre verstorbenen ersten Rabbiners der hiesigen Synagogengemeinde, Dr. Isaak Bamberger, an dem Grabe auf dem jüdischen Friedhofe versammelt. Die Festfeier wurde eingeleitet durch einen Gesangsvortrag des Sy nagogen-Sängerchors, dem eine kurze Ansprache des Ober- Vorstehers der Gemeinde, Herrn Professor Dr. Samuel folgte, in welcher dieser darauf hinwies, dass Liebe und Verehrung für den hochverdienten Mann und Geistlichen die Veranlassung gaben, am Grabe des Verblichenen ein sichtbares Denkmal zu setzen. In längerer Rede entwickelte sodann der Nachfolger des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. Vogelstein, ein übersichtliches Bild des Wirkens des Entschlafenen, dessen Walten man mit den wenigen Worten bezeichnen könnte: er hat seine irdische Laufbahn in Gottesfurcht und Nächstenliebe begonnen und vollendet. An diese Rede schloss sich ein liturgischer Sologesang des Herrn Kantor Birnbaum, worauf ein nochmaliger Chorgesang die Festfeier beendete. Das Denkmal ist eine rotbraun polierte, hohe Granittafel, die aus der Werkstatt des Herrn Hofsteinmetz־ meisters Pelz hervorging. In goldenen Buchstaben trägt sie in deutscher und hebräischer Sprache die Inschrift: Ihrem hochverehrten Rabbiner, Dr. Isaak Bamberger, geb. den 5. November 1834, gest. den 26. Oktober 1896, in Dank־ barkeit die 8ynagogen - Gemeinde Königsberg. Hiob 4, 3: Liehe, Du hast viele zurechtgewiesen, und schlaffe Hände hast Du gekräftigt. Gumbinnen. Der Beamte Nadel von der jüdischen Gemeinde, welcher mit einem Fräulein Wallerstein Besuch vom Bahnhofe abholto, wurde durch einen führerlosen Ein- Spanner überfahren. Nadel wurde getötet, seine Begleiterin verletzt. — Im österreichischen Parlament wird es von Tag zu Tag gemütlicher. Kürzlich erst eine Dauersitzung mit Skandal, Anremplungen, Beschimpfungen und einer 12stündigen Rede des Abgeordneten Lecher. Im deutsch - österreichischen Reichsratsidiom nennt man einen solchen Zustand ״Obstruktionspolitik.“ Dass bei solcher Gelegenheit in ganz hervorragendem Maasse die Antisemiten mit der Stärke ihrer Lungen und der Kraft ihrer Fäuste brillieren, ist für jeden, der diese Herrschaften kennt, weiter nicht verwunderlich. Heiter wird die Sache erst, wenn die Judenfeinde verschiedener Kouleur, auf der einen Seite die Deutsch-Nationalen mit ihrem Schönerer, auf der anderen die Christlich-Sozialen mit ihrem Lueger, sich gegenseitig Grobheiten sagen. Das war vor einigen Tagen wieder einmal der Fall, und man muss neidlos anerkennen, dass im Punkte der Anzüglichkeiten und Schimpfworte der Wiener Dialekt allen anderen um mindestens ein Dutzend Pferdelängen voraus ist. Die Lausbuben, Gallotten, Schwindler, Bagaschi und ähnliche Liebenswürdigkeiten schwirrten nur so hin und her. Etwas ähnliches kann man höchstens in Berlin beobachten, wenn Müllkutscher das Zanken kriegen. Eine Kleinigkeit fehlte nur noch, und die Pultdeckel und Tintenfässer hätten das Werk gekrönt. — Unserer Meinung nach haben hinsichtlich ihrer gegenseitigen Charakterisierung die Herren wie immer die Wahrheit gesagt. Heinrich Heine ist zwar, um auch unsererseits einmal ein Wort aus dem Sprachschatz der Antisemiten anzuwenden, ein Saujude, aber Recht hat er doch, wenn er in Bezug auf gewisse Herrschaften sagt: Selten habt Ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich Euch. Nur wenn wir im Kot uns fanden, Dann verstanden wir uns gleich. — Die Gesellschaft für Sammlung und Conservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien versendet soeben ihren ersten Jahresbericht für die Jahre 1895 und 1896. Die Leitung der Gesellschaft, welche sich am 2. Februar 1895 konstituierte, hat ein Curatorium inne, an dessen Spitze k. k. Baurat Wilhelm Stiassny als Präsident, Hofschauspieler Adolph R. v. Sonnenthal und Professor Dr. Adam Politzer als Vizepräsidenten stehen. Gegenwärtig zählt die Gesellschaft 9 stiftende und 84 ordentliche Mitglieder. Es ist bereits eine Anzahl von künstlerisch wertvollen und historisch denkwürdigen Gegenständen gesammelt worden; ein Verzeichnis derselben ist dem vorliegenden Buche beigegeben. Dem Berichte sind zwei Wissenschaftliehe Beiträge und zwar: ״Ueber eine Simeon-Münzeu von Abraham Epstein und ״Zur Geschichte der Kunst in den Synagogen“ von Prof. Dr. David Kaufmann beigegeben. Otmütz. An dem hiesigen israelitischen Tempel wurde nachts ein Bubenstück verübt. Es war plötzlich eine weit hörbare Detonation erfolgt, und man fand vor dem Tempeleingange ein Metallrohr, das vermutlich mit Metallstücken und Pulver geladen war. Ein Metallstück steckte noch im Tempelthor. Der Schaden ist unbedeutend. Petersburg. Die Zulassung der Juden zu einem grossen Teile der Lehranstalten Russlands war bisher insofern nur eine beschränkte, als die Zahl der neuaufzunehmenden jüdischen Schüler, Zöglinge oder Studierende dieser Anstalten ein gewisses Prozent der Gesamtzahl nicht überschreiten durfte. Es scheint, dass mit dieser Beschränkung allmählieh, in Konsequenz der milderen Praxis, die neuerdings in konfessionellen und religiösen Angelegenheiten Platz gegriffen hat, gebrochen werden soll. Das Ministerium des Innern hat damit insofern den Anfang gemacht, als für die ihm unterstehenden zahnärztlichen, Feldscher- und andere ähnliche Spezialschulen diese Prozentnorm der jüdischen Schüler jetzt aufgehoben worden ist und ebenso für die Lehrlinge der Apotheken. — Ferner beabsichtigt die Regierung, denjenigen jüdischen Kommissionären, die als Vertreter anerkannt solider ausländischer Firmen nach Russland kommen wollen, um den Export des Hopfens und einiger anderer Produkte der russischen Landwirtschaft zu vermittteln, die Grenze des Reiches za öffnen. — In der vergangenen Woche trat in Paris der Verwaltun gerat der ״Jewish Colonisation Assotiation“ zusammen, um über einige Fragen von allgemeinerem Interesse Be- Schluss zu fassen: Es handelte sich dabei — abgesehen von der Unterstützung einiger Colonieen in Palästina und Nordamerika — um die Errichtung einer Ackerbauschule in Galizien und die ״rumänische Schulfrage.“ In Rumänien sind nämlich seit einiger Zeit die Juden ungewöhnlichen Bedrückungen auf dem Gebiete der Schulen ausgesetzt, so dass gegenwärtig etwa 30 000 Kinder jüdischen Glaubens vom Schulbesuch ausgeschlossen sind. Der Verwaltungsrat beschloss, alles aufzubieten, um diesen Bedrückungen ein Ende zu machen, ferner die Errichtung einer Ackerbausehple in Galizien zu fördern und endlich in Verfolg einer ihr zur Begutachtung überwiesenen, an die Königin Victoria von England von einer Anzahl palästinischer Juden gerichteten Petition um Ueberlassung der Insel Cypern zu Colonisationszwecken, die Verhältnisse auf dieser Insel durch einige Abgesandte nach der in Frage kommenden Richtung hin studieren zu lassen. Chicago. Der bekannte Philanthrop Abraham Slimmer hat dem hiesigen jüdischen Weisenhause abermals ein Geschenk von 100000 Mark vermacht unter der Bedingung, dass von anderer Seite die gleiche Summe zu einer entsprechenden Vergrösserung der Anstalt zur Verfügung gestellt würde. Den eifrigen Bemühungen des Vorstandes ist es auch bald gelungen, diesen Betrag aufzubringen, und nach dem neuen Erweiterungsbau wird das Waisenhaus in der Lage sein, allen Anforderungen zu genügen. Briefkasten. M. C. Der von Ihnen beanstandete Ausdruck ist von uns, wi» Sie übrigens auch ausdrücklich in Ihrem Schreiben bemerken, durchaus nicht in irgend welcher verletzenden Absicht gewählt worden. Selbstverständlich werden wir in Zukunft Ihren Wünschen entsprechend nicht mehr von Mädchen, sondern von jungen Damen sprechen. Unserer Erfahrung nach ist es den Damen übrigens im allgemeinen gar nicht unangenehm, wenn man sie noch für Mädchen hält.