Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1897)
- Date
- 1897-10-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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vernements Cherson und Jekaterinoslaw von dem enormen ärarischen Grundkomplexe Ländereien an Israeliten zu geringen Pachtzinsen vergeben werden, um dem Notstände, in dem sich die arme Bevölkerung jüdischer Kofession im Süden des Reiches befindet. Abhilfe zu verschaffen. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Argentinien Die ״Corr. Wilhelm״ erhält folgende Zuschrift: In einer Reihe in- und ausländischer Blätter begegnete man in den letzten Tagen der angeblich aus Russland stammenden Nachricht, dass die von dem verstorbenen Baron Moriz Hirsch ins Leben gerufene ״Jewi.sh Colonisation Association“, welche sich mit reichen Mitteln die Colonisation der aus Russland vertriebenen Juden in Argentinien zur Aufgabe gemacht hat, zu liquidieren gedenke, weil sich die Colonisationsbestrebimgen als ganz resultatlos herausgestellt hätten. Mit Beziehung auf diese Gerüchte erhalten wir aus Paris von bestinformierter Seite die Mitteilung, dass an allen diesen Meldungen kein wahres Wort ist. Ein Vertrauensmann der Colonisationsgesellschaft hat erst vor kurzem eine Inspektionsreise nach den neuen jüdischen Colonieen in Argentinien unternommen und nach seiner Rückkehr nach Europa einen Bericht an das Curatorium der Gesellschaft erstattet, dem zu entnehmen ist, dass die genannten Colonieen sich einer grossen Prosperität erfreuen. Wahreed im vorigen Jahre infolge der Heuschreckenplage der grösste Teil der Ernte in Argentinien der Vernichtung anheimfiel, sind heuer die Aussichten für die Ernte so glanzend, wie schon seit Jahren nicht. Speziell die jüdischen Colonisten, die in dem fernen Argentinien hauptsächlich Ackerbau treiben, haben auf mehr als 40 000 Hektaren Land herrliche Weizen- und Leinsaaten stehen und auf einem Areale von 10 000 Hektaren ist mit der Anpflanzung von Mais kürzlieh begonnen worden. Wenn es gelingt, die Ernte glücklich einzuheimsen, so dürfte für jede Familie bei den gegenwärtigen hohen Getreidc-preisen ein Erträgnis von 10- bis 12 000 Francs resultieren, resp. nach Abzug aller Kosten 5- 6000 Francs, eine Summe also, die ganz respektabel genannt werden darf. In allen Colonieen nehmen ausser dem Feldbaue auch die Baum- und Gemüsepflanzungen dank dem ergiebigen Boden und der rationellen Behandlung und Bearbeitung, die unter Leitung von tüchtigen Fachmännern besorgt wird, den besten Aufschwung. Ebenso ist die Anpflanzung von Kleefeldern bereits eine sehr ausgedehnte, so dass die Viehzucht dadurch eine sichere Basis gewinnt. Die argentinische Regierung kommt allen Be- Strebungen der Colonisationsgesellschaft mit der grössten Bereitwilligkeit entgegen und die Entwicklung der Colonieen lässt nach dem Berichte des erwähnten Vertrauensmannes das Allerbeste hoffen. Ein Gegenstück zu ״Ilse und Else“. Unter der Aufschrift ,,Ilse und Else“ ist der Wortlaut eines ergreifenden Absagebriefes mitgeteilt worden, den die Tochter eines höheren Beamten an eine jüdische Schulfreundin richtete. Unsere damalige Mitteilung begleiteten wir nur mit den Worten: ,.Es würde den Eindruck dieses rührenden Ergusses eines von dem antisemitischen Gifte noch nicht verdorbenen Kindesherzens nur beeinträchtigen, wollte man der Mitteilung irgend eine Aeusserung hinzufügen.“ Ein Gegenstück zu diesem Schreiben bildet der jetzt mehreren Zeitungen zur Veröffentlichung zugegangene Brief eines siebzehnjährigen Mädchens an ihre langjährige jüdische Schulfreundin, der folgenden Wortlaut hat: Berlin, 10. Herbstmond 1897. Liebe Hedwig! Herzlichen Dank für Deinen Glückwunsch zu meinem Geburtstag! Du fragst, ob ich unsere Freundschaff auflosen wolle; ja. ich will es. Es ist besser für uns beide. Wie du ja wohl gemerkt haben wirst, bin ich Antisemitin. Ich war es schon, ehe ich Dich kennen lernte, aber damals glaubte ich, die Religion sei das Trennende, und da ich niemals fromm gewesen bin, so war es mir ganz gleichgültig, welcher Du angehörtest, daher hinderte nichts unsere Freundschaft. Heute weiss ich, dass die Religion ganz Nebensache ist, die Nationalität ist das Trennende. Und wer nur eine Spur Patriotismus empfindet, der muss Antisemit sein. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Dich über meine Gesinnung aufzuklären, damit Du nicht sagen kannst, ich habe Dich getäuscht oder dir etwas vorgeheuchelt. Verzeih’ mir, wenn ich Dir mit meinem Geständnis wehe thun sollte, aber ich kann nicht anders ,,mehr als den Ruhm, aber weniger als die Ehre". (?) Ein Verkehr ist zwischen uns nicht mehr möglich, da ich Dich nicht verletzen will, was wohl kaum zu vermeiden wäre, weil ich auch nicht mehr die Rücksicht auf Dich nehmen kann, die ich bisher genommen habe. Betrachte unsere Freunschaft als eine Schulmädchenfreundscliaft, die aufhört, wenn man die Schule ver- Ich danke Dir für all’ Deine Liebe, die ich versucht, sie Dir, so gut ich es bei meinem Charakter konnte, zu vergelten. Da ich sie jetzt nicht mehr so erwidern könnte, wie sie es verdient, so kann ich sie auch nicht mehr annehmen. Du wirst mir wahrschein־ lieh den Vorwurf der Untreue machen, aber sei überzeugt, dass ich nie wieder in meinem Leben Freundsehaft schliesse. Du wirst meine Freundschaft leicht verschmerzen können, da Du ja schon mehrere Freundinnen gehabt hast und noch hast. Leb’ wohl und vergiss mich! K. F. Das ist der Erguss eines bereits von dem antisemitischen Gifte verdorbenen Herzens, eines Herzens, dem auch die Religion Nebensache ist. Die Freundschaft eines solchen Mädchens, das offen bekennt, dass es niemals fromm gewesen sei, das 80 wenig liebevoll gesinnt ist, dass es die Vergeltung von Liebe sich nur in beschränktem Masse zutraut (״so gut ich es bei meinem Charakter konnte“) wird die jüdische Empfängerin des Briefes gewiss leicht verschmerzen. Klarsehende christliche Eltern, welche den Inhalt dieses Schreibens eingehend geprüft haben, das vielleicht von einem ,,mehr als den Ruhm aber weniger als die Ehre" schätzenden Phrasenhelden diktiert ־ worden ist, dürften es kaum gern sehen, wenn ihre Töchter, an Hedwigs Stelle treten, sich mit der jugendlichen, religionslosen Rasse-Antisemitin befreunden würden. Aus ״Im deutschen Reich.“ Vermischtes. Die Aktiengesellschaft für Eisen-Emaille in Pilsen hat sich in ganz kurzer Zeit auf dem Gebiete für Kochgeschirre die Gunst des Berliner Publikums erworben und dies mit Recht, denn die Pilsener Geschirre sind am billigsten, weil diese 10 mal solange als Emaille halten. Man sieht Milchtöpfe,Jin denen ohne umzurühren keine Milch anbrennt, da jeder sonst sein Geld zurückerhält. Theekessel aus einem Stück gearbeitet, Bouillontöpfa. kein Einkochen nnd kräftig schmeckend. Schmortöpfe mit festem Deckel, die 2 Stunden ohne nachzusehen am Herde bleiben und das Fleisch ist nachher fix und Wer könnte die Vorzüge dieser Geschirre alle aufzählen. Es ist einer jeden Hausfrau zu empfehlen, die Geschirre an jedem Vormittag in Augenschein zu nehmen. Eine Niederlage befindet sich Molkenmarkt 1 bei Hermann Leitner. Für die hartbedrängte Lehrerfamilie gingen noch ein: von Herrn A. T. Mk. 3,—י N. Brock. Wallstr. 21/22 Mk. 3,—, 8. Markte- Avicz, Ritter.str. 23 Mk. 3.—, A. Frankel Mk. 3,—. Herzlichen Dank allen gütigen Gebern! Wir schüessen hiermit die Sammlung, die Mk. 104,85 ergeben hat, Avelche an den Bittsteller abgingen. Die Expedition. Kalendarium. Freitag, den 22. October, 26. Tisohri Sabbat-AnfangöUhr. Sonnabend, בראשית מ .27 ״ .22 ״ Nacht 5,33. . Neumondweihe.