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Berliner Vereinsbote · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · page 6

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Umschau. Berlin. Den Handelsrichtern bei dem hiesigen Landgericht 1, Kommerzienrat Kopetzky und Kaufmann Simon Lippmann, ist anlässlich des erfolgten Ausscheidens aus ihrem bereits seit dem Jahre 1879 bekleideten Amte der Rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden. Berlin. Auf dem Friedhof zu Weissensee ist am 5. ds. Max Horwitz, Redakteur der ״National-Zeitung“, zur letzten Ruhe bestattet worden. Zur letzten Ruhe — das Wort will für einen Journalisten schwer passen, dem im Leben so wenig Ruhe gegönnt ist, und nun gar für eine so echte Journalisten-Natur wie Max Horwitz! Was irgend die Zeitung in Aufruhr bringt, das rüttelt auch den Journalisten wach; 0b heute eine politische Umwälzung, morgen ein künstlerisches Ereignis, ein andermal eine soziale Erscheinung die Gemüther erregt, die Emotionen aller Gesellschaftsklassen empfindet der Zeitungsmann als die seinen, und darin war Max Horwitz das Urbild des gewissenhaften Journalisten. Als wahrhaft genialer Organisator der Bericht- Erstattung grossen Stils hat er sich bei allen bedeutsamen Erscheinungen des Berliner Lebens seit zwanzig Jahren bewährt und sehr bemerklich, sehr verdient gemacht. Durch eine lange Zeit kam seine seltene journalistische Findigkeit, seine hohe publicistische Intelligenz und Arbeitskraft der Tagespresse zu Gute. Auf dem letzten Gange begleiteten ihn denn auch sehr viele seiner Berufsgenossen. Der ״Verein Berliner Presse“ liess durch eine Deputation einen Kranz niederlegen, neben dem Kranz, den ihm der ״Berl. Borsen-Courier“ ״in treuem Gedenken“ gewidmet hat, sahen wir die Blumen- und Lorbeerspenden mehrerer Vereine, die des Heimgegangenen dankbar gedachten. Durch zwei Mitglieder liess der Verein Berliner Journalisten einen reichen und prächtigen Kranz auf den Sarg legen, der allmählich ganz unter einem Palmen- und Blumenberge versank. In der Trauerversammlung bemerkten wir u. A. den Justizrat Horwitz, den Geh. Commerzienrat L. M. Goldberger, der im Ausstellungsjahr an dem Heimgegangenen einen so tüchtigen und verlässlichen Arbeitsgenossen besass, den Comraerzienrat Jacob und zahlreiche Vertreter unseres öffentlichen Lebens. Die prächtigen Kränze, die Chefredakteur Köbner und Redakteur Vogler namens des Verlags und der Redaktion der ״Nationalzeitung“ überbrachten, waren über die beiden Kandelaber vor dem Rednerpult gehängt. Nachdem Chorgesang die Feier würdig eingeleitet, hielt Rabbiner Dr. Maybaum die Trauerrede, in der er die Persönlichkeit und das Leben des Heimgegangenen der Trauergemeinde vor die Seele zu führen bestrebt war. Gesang schloss die Feier und unter dem strahlenden Glanze der Herbstsonne wurde nun der Sarg zur Gruft getragen. Berlin. Der gefeierte Physiologe Prof. Hermann Munk ist zum ordentlichen Honorar-Professor an der hiesigen Universität ernannt worden, eine Auszeichnung, welche nur sehr selten verliehen wird und wohl mit den Vorgängen bei der Wahl des Nachfolgers Du Bois-Reymond’s zusammenhängt. Berlin. Die ״Parole“ deutsche Kriegerzeitung schreibt in ihrer Nummer 38 vom 17. September 1897, unter ״Kleine Episoden“ ״aus den Befreiungskriegen“: In den mörderisehen Gefechten bei Gross - Görseben am 2. Mai 1813 war auch das preussische Gardejägerbataillon engagiert und verlor viele Leute. Unter den ersten, welche als verwundet vom Detachement zurückkamen, befand sich auch der freiwillige Jäger Hilsbach, ein Israelit. Er hatte in der Hitze des Gefechts zwei Schuss in den Arm erhalten, hatte jedoch nach Empfang des ersten Schusses das Gefecht noch nicht verlassen wollen und ging erst dann zurück, als er durch den zweiten Schuss völlig kampfunfähig wurde. Beim Soutien angekommen, äusserten viele seiner Kameraden ihr Bedauern über die Verwundung. Der Brave jedoch entgegnete lachenden Mundes: ״Brüder, es schmerzt nicht, denn dort (nach dem Gefecht zeigend), geht’s gut und unser Sieg wird mich schon heilen.“ Es war dieser Hilsbach der erste freiwillige Jäger des Gardejägerbataillons, welchem das von Sr. Majestät Friedrich Wilhelm III. für das Detachement verliehene eiserne Kreuz einstimmig von seinen Kameraden zuerkannt wurde. Berlin. Das Ausfallen der Stadtverordnetensitzung in Berlin in voriger Woche wird in antisemitischen Blättern zum Anlass von Angriffen auf den Stadtverordneten vorsteher Dr. Langerhans gemacht. Die ,,Post“ und die Staatsb. Ztg.“ behaupten, dass die Stadtverordneten-Ver. Sammlung des jüdischen Versöhnnngsfestes wegen ausfalle. Dr. Langerhans soll angeblich dies als Grund einem Berichterstatter gegenüber angegeben haben. Daran werden allerlei hetzerische Bemerkungen geknüpft. Die ״Staatsb. Ztg.“ bezeichnet es als eine Schmach für die Bürgerschaft der deutschen Reichshauptstadt, dass sie durch ihre Vertreter gezwungen wird, gewissermassen an der Judenfeier teilzunehmen. — Ein Blick auf den Kalender zeigt, mit welcher Leichtfertigkeit diese Hetzereien in die Welt gesetzt werden. Am Donnerstag war kein jüdischer Feiertag. Der Grun.d des Ausfalls der Versammlung ist einfach Mangel an Mai gistratsvorlagen. Es liegen allerdings verschiedene sozialdemokratische Antrag^ vor; es wurde aber bereits in der letzten Stadtverordnetensitzung beschlossen, die Beratung derselben erst nach 14 Tagen vorzunehmen. Berlin. Der neueste in diesen Tagen erschienene Bericht der ״Alliance Israelite Universelle“, welcher deren Thätigkeit im Jahre 1896 umfasst, enthält reiches Material zur Beurteilung der Lage der Juden in Russland, der Türkei, Marokko und Persien. Sehr ungünstig lautet namentlich der Bericht über Russland. Es heisst darin, dass die Lage der Juden keine Veränderung erfahren hat und ״so geblieben ist, wie seit sechzehn Jahren, schrecklich, elend und beklagenswert,“ Als die Hauptursache dieser traurigen Erscheinung wird das Zusammenwohnen der Juden in einzelnen Provinzen, worin noch immer keine milderen Massregeln seitens der russischen Regierung getroffen werden, sowie der Umstand bezeichnet, dass den Juden der Aufenthalt in den Dörfern und der Ankauf von ländlichem Grund und Boden untersagt ist. Die Zahl der obdachlosen Juden hat in Russland im vergangenen Jahre wieder zugenommen. So müssen in Wilna 2000 Familien durch öffentliche Wohlthätigkeit ernährt werden, in Bredytschew sind 10 000 jüdische Familien arbeitslos. Aus Rumänien liegen hauptsächlich Berichte über Willkürakte gegen die jüdischen Bewohner auf dem Gebiete der Schulen vor. Die Wirren in Kleinasien und in der Türkei sind auch auf die Verhältnisse der dortigen Juden nicht ohne Einfluss geblieben; doch hat gerade hier die Allianz helfend eingewirkt. Sehr günstig lauten die Berichte über die Thätigkeit, welche die Allianz auf dem Gebiete der Schulen und des Lehrlingswesens im Orient entfaltet, was auch aus einer von ihr aufgestellten Statistik hervorgeht. Die Ausgaben der Allianz Israelite Universelle beliefen sich im Jahre 1896 auf 802 043 Francs, ihr Vermögen beträgt 719,444 Francs und die Reserve 302 494 Francs.“ — Von einer Liebesgeschichte eines Vorbeters erzählt die ״Berl. Volks-Ztg.u: Bei dem vor zwei Jahren aus Anlass der jüdischen Feiertage in einem hiesigen Versammlungssaale im Westen veranstalteten Festgottesdienste hatte ein junger, russischer Student, der die Hochschule in Charlottenburg besuchte, das Amt eines Vorbeters übernommen. Der junge Mann, ein gewisser 8., erregte durch sein klangvolles Organ allgemeines Aufsehen unter den Teilnehmern des Gottesdienstes. Besondere Aufmerksamkeit wendete dem sangeskundigen Studenten eine reiche Bankierswitwe zu. Sie erkundigte sich nach den Lebensverhältnissen des improvisierten Vorbeters und liess ihn, nachdem ein Gesangsprofessor das Talent des jungen Russen bestätigt hatte, auf ihre Kosten zum Opernsänger ausbildem 8. machte gute Fortschritte und mochte sich schon im Geiste als Helden tenor einer erstklassigen Opern bühne sehen, als er plötzlich erkrankte und infolge seines Leidens die Stimme verlor. Sein Künstlertraum hatte damit

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