Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Oberhemden Reparatur-Werkstatt, Alte Schönhanserstr, 4 0 Halspriesen S0, Paar Handpriesen 25, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg־. tfeaanfertig. z. bUlig-st Preisen. Abholungfrei. — Ein Erfolg des Antisemitismus. Wie die ״Kat. L.u mitteilen, pflegen die Ankündigungen über Verpachtung von Gemeindegasthäusern in tschechischen Orten etc. bereits mit der Clause! zu erscheinen: ״Juden ausgeschlossen!“ Wien. In Klattau in Böhmen fanden wegen eines Lohnkonfliktes zwischen einem jüdischen Händler und seiner Dienstmagd antisemitische Ausschreitungen statt. Der Pöbel zertrümmerte die Fensterscheiben im Hause des Händlers und beschädigte durch Steinwürfe die Einrichtung. Die Gendarmerie musste einschreiten. Wien. In der heutigen Sitzung des Gemeinderates heantragte Vizebürgermeister Neumayer, eine Petition an den Reichsrat zu richten, betreffend die Ausschliessung jüdischer Beamter vom Justizdienste. Als hierauf grosser Lärm entstand, wurden zwei liberale Gemeinderäte auf zwei Sitzungen ausgeschlossen. Der Antrag wurde dem Stadtrate überwiesen. Italien. An den italienischen Hochschulen finden sich nicht weniger als 53 jüdische Professoren. Einer davon, namens Sadun, ist gegenwärtig Rektor der Universität Pisa. Paris. Innerhalb der jüdischen Kreise unserer Stadt wird stark ein Projektd iscutiert, das sich mit der Gründung eines jüdischen Lyceums (Gymnasiums) befasst. Die Befürworter dieses Projektes, und ihre Zahl ist sehr gross, begründen ihre Zustimmung erstens damit, dass in einer solchen Schule die jüdischen Kinder ohne Schwierigkeit den Sabbath halten können. Ausserdem fände der Antisemitismus ungleich weniger Nahrung, wenn die jüdischen Kinder nicht bereits auf der Schule den Neid der Christliehen Kinder erwecken würden. Auch die Gegner des Projektes müssen beide Momente zugeben und nehmen Auatoss ausschliesslich an den Kosten. — Antisemitische Kundgebung in Algier. Eine antisemitische Kundgebung auf dem Friedhofe von Mustapha versetzte neulich die Stadt Algier ill grosse Auflegung. Den Vorwand zu der Zusammenrottung auf dem Friedhofe bot die Feier des ersten Jahrestags des Todes eines Journalisten, jenes Fernand Gregoire, welcher beim Entweichen des Mörders des russischen Generals Seliverstow aus Paris eine Rolle gespielt hatte und dann nach Algier übergesiedelt wer, wo er sich an der antisemitischen Bewegung beteiligte und sogar Präsident der Eigne antijuife geworden war. Die Antisemiten heissen in Nordafrika nämlich antijuifs, Ja die Araber, die auch Semiten, aber grosse Judenfeinde sind, an der in Europa üblichen Bezeichnung Austoss nehmen könnten. Der Leiter der Kundgebung auf dom Friedhofe, Max Regis, Director des Blatts ״L’ Antijuif“, wurde scldiesslieh von der Gendarmerie festgenommon und nach dem nächsten Polizeiposten geführt, wohin etwa;400() Personen ihm, Polizisten und Gendarmen auszischend, das Geleite gaben. Es wurden dann noch Weitere 2b Verhaftungen vorgenommen, und schliesslich musste die Menge durch eine" Abi eihing afrikanischer Jäger anseiimndergetrieben werden, da die Polizei allein nicht im Stande war. die Ruhe wieder herzustellen. Vereinsschau. Dem Berichte des Vereins ״jüdischer Studierender“ entnehmen wir folgendes: Die ״Vereinigung jüdischer Studierender“ ist in diesem Semester wie in den vorhergehenden ihrem Programme, das jüdische Selbstbewusstsein zu fördern, trotz aller Angriffe, die besonders von jüdischer Seite ausgingen, unentwegt treu geblieben. Wir sind der Ueberzeugung, dass der Antisemitismus im eigenen Lager — die Scheu sich als Jude zu bekennen — eine viel grössere Gefahr für das Judentum in sich birgt, als der Antisemitismus. Wir halten es daher für unsere Pflicht, dem Indifferentismus gegenüber allen jüdischen Fragen, der sich in den letzten Jahrzehnten, zumal in den gebildeten jüdischen Kreisen, geltend macht, mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und unter der jüdischen Studentenschaft Liebe und Begeisterung für das Judentum zu erwecken, jüdisches Selbstbewusstsein zu pflegen. Dieses Ziel glauben wir am besten dadurch erreichen zu können, dass wir durch regelmässige Vorträge aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur unseren Mitgliedern die Kenntnis unserer rühm- und leidensreichen Vergangenheit übermitteln uud den Sinn für jüdisches Leben und jüdischen Geist wachzurufen suchen. Dadurch werden wir die Möglichkeit gewinnen, auch im späteren Leben wirksam für die Ehre und Erhaltung des Judentums eintreten zu können, wirksamer als mit dem Degen in der Durch offenes und ehrliches Eintreten für unser Judentum werden wir uns die Achtung der Nichtjuden — auch unserer Gegner — erringen. Dass unsere Ideen unter den jüdischen Studenten immer mehr Freunde gewinnen, beweist u. a. die erfreuliche Thatsache, dass wir auch in diesem Semester eine stattliche Anzahl von neuen Mitgliedern gewonnen haben. Das Semester wurde am 6. Mai durch einen von zahlreichen Gästen besuchten Antrittscommers eröffnet. Am 27. Mai beteiligte sich unser Verein officiell an der Feier des 25jäl1rigen Jubiläums der ״Lehranstalt für die Wissenschaft des ״Judentums.“ Sodann kam es uns darauf an, einen Einblick in das Weben und Sehnen der jüdischen Volksseele zu erschliessen, wie sie sich in den gewaltigen Mcssia0bewegung0n der neueren Zeit in so typischer Weise offenbart hat. So ein Stück Volkspychologie boten die Vorträge von Vbr. Hans Karfunkel über: ״Frank und die Frankisten“ und Vbr, Eugen Kaminsky über: ״Sabbathai Z’wi und seine Bevvegung“. An diese Vorträge schloss sich füglich und erfreulicherweise eine lebhafte und anregende Diskussion an. Am 4. Juli feierte die Vereinigung das 2. Stiftungsfest durch einen Ausflug nach Belitzhof, wo wir eine grosse Anzahl von akademischen und nicht akademischen Gästen begvüssen konnten. Die traurige Thatsache, auf welche die christlichen Gelehrten mit Recht himveisen, dass gerade den Juden die Kenntnis ihres ureigensten Werkes -- der Bibel — abgehe, bestimmte uns die Aufmc•!ksamkeit unserer Mitglieder auf diese ewige Schöpfung hinzuhaikeii. Diesen Zweck verfolgten die Vorträge der Vbr. Bn am: ״lieber die Geschichte■ der Bibelexegese bis ztun Abschluss des Talmuds“ und Vbr. Wolfsohn: ״lieber Humanität in der Bibel“. In das Gebiet jüdischer Martyrologie führte der Vortrag des Vbr. Albert Goldberg über den ,.Fcttmilch’scben Aufstand in Frankfurt, a. M.“, während Vbr. Aronstamm den ausschliesslich von Mitgliedern der Vereinigung dem deutschlesenden Publikum näh ergo führten russisch - jüdischen Lyriker Frug eine verständnisvolle Würdigung widmet(־, Mit bestem Dank im Namen der lmrtbodrängten Lehre,rfamilie empfingen wir ferner: Von Herrn S. Simon, Magdeburgerstr. 31, 3,— Mk., Frau Israel, Scliillingstr. 19, 2,— Mk., Sammlung der israel. Synagogengemeinde zu Helmstedt 10,30 Mk., N. N. Insterburg 0,50 Mk.. W. Koppe Linienstr. 1, — Mk., Grosmann 1,— im Ganzen 74,80 MdI Weitere milde Gaben erbittet und befördert die Expedition dieses Blattes. י