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Berliner Vereinsbote · 1897-10-08 · Heft 41 (8.10.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Der ״Centralverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde“ hielt am 30. September im Englischen Garten eine ausserordentlich stark besuchte Versammlung ab, um gegen den geplanten Gottesdienst am Sonntag Stellung zu nehmen. Die Leitung der Versammlung lag in den Händen des Herrn Gustav Spiewkowski. Abweichend von der sonstigen Gepflogenheit, einen Referenten zu bestellen, wurde sofort in die Diskussion eingetreten. Eröffnet wurde dieselbe von Herrn Gustav Cohn, einem Anhänger des Sonntagsgottesdienstes. Derselbe begründete seinen Standpunkt mit der von ihm behaupteten Notwendigkeit für diejenigen, die bei den heutigen Verhältnissen am Sabbat das Gotteshaus nicht zu besuchen in der Lage seien, am Sonntag eine Andacht einzurichten. Redner verwahrte jedoch sich und seine Partei gegen die Annahme, dass man auf diese Weise dem Sabbat Abbruch thun wolle bezw. durch Einführung eines rein deutschen Gottesdienstes die hebräische Sprache verdrängen wolle. Namentlich für unsere Jugend sei dieser Gottesdienst bestimmt. Herr M. A. Klausner ergriff sodann las Wort, um unter scharfen persönlichen Angriffen auf den Urheber jener Idee, Herrn Gustav Lewinstein, für die ungeschmälerte Erhaltung des Sabbats und gegen die von anderer Seite angestrebte Neuerung sich zu wenden. Aus der Geschichte der Reformgemeinde, die mit derselben Begründung vor mehr als 50 Jahren an die Oeffentlichkeit trat, und den Gottesdienst am Sabbat bereits nach 2 Jahren schon abschaffte, während nur der Gottesdienst am Sonntag beibehalten wurde, suchte Herr Klausner den Nachweis zu erbringen, dass die jetzige Bewegung dieselben Ziele verfolge Und dieselben Konsequenzen nach sich ziehen würde. Der Sabbat sei und bleibe der biblische, gesetzlich gebotene Ruhetag, an ihm zu rütteln sei nichts anderes als ein Versuch, die Einheit des Judentums zu untergraben. Wolle man der Unwissenheit und dem Indifferentismus steuern, so dürfe man das nicht in der Weise thun, dass man grundlegende Principien des Judentums einfach über den Haufen stürze, sondern man möge mit Schule und Unterricht beginnen und dort den Anfangzu besserer Kenntnis des Judentums zu erlangen suchen. Die vorgeschlagene Idee sei ein schwerer Eingriff in das Wahre des Judentums, sei ganz im Geiste jener falschen Bestrebungen gehalten, die um jeden Preis auch in Prägen religiöser Natur die äussere Unterscheidung zwischen dem Judentum und anderen Confessionen aufheben wolle, den Unterschied zu beseitigen sich bestrebe zwischen denjenigen, die nicht mehr Jaden seien und denjenigen, die nicht Christen sein wollten. (Starker, anhaltender Beifall.) Herr Dr. Bernfeld betrachtet die beabsichtigte Sonntagsfeier als einen Versuch, das Judentum langsam in das andere Lager hinüberzuführen. Herr Conrad Schayer warnt gleichfalls in beweglichen Worten, an einer so alten und ehrwürdigen Institution wie der des Sabbats zu rütteln. Niemals durften Juden die Hand dazu bieten, diesen Grundpfeiler des Judentums umzustürzen. Durch Einführung solcher Neuerungen würde auch der Sabbat an Weihe und Heiligkeit verlieren, ohne dass die Neueinführung einen vollwertigen Ersatz dazu biete. Herr Caspar Hartmann sucht, vielfach von Lärm und Gelächter unterbrochen, den Sonntagsgottesdienst zu verteidigen. Mit ganz besonderer Schärfe trat Herr Prof. Lewiu auf. Man habe es hier mit Wünschen Einzelner zu thun, die nie und nimmer Gesetz für Alle im Judentum werden dürften. Keinen Schritt dürfe das offizielle Judentum thun, um solchen Bestrebungen entgegen zu kommen, niemals dürfe der Sabbat der Spielball der Willkür Einzelner werden. Hier liege wieder einmal ein Yorstoss jener Assimilationstheorie vor, die man wissenschaftlich mit dem Namen ה Mimikry“ bezeichne, ein Stück des Bestrebens, so viel wie möglich seiner Umgebung zu gleichen. Am steifen Nacken des Judentums werden jedoch solche Versuche zerschellen. (Langanhaltender Beifall.) Die weitere Discussion, die sich noch bis Mitternacht hinzog, förderte nichts Neues zu Tage. Mit allen gegen sieben Stimmen wurde schliesslieh eine Resolution angenommen, welche sich in entschiedener Weise gegen den Gottesdienst am Sonntag erklärte. Recht befremdlich erschien uns der Tön, der von einigen Rednern beliebt wurde, der aber weder der Würde der Versammlung entsprach, noch mit dem parlamentarischen Takt in Einklang zu bringen sein dürfte. Die Jüdische Lesehalle befindet sich seit 1. Oktober d. J. in der Oranienburgerstr. 28, Hof parterre rechts, ganz nahe der Synagoge. Zwei schöne Räume im rechten Seitenflügel, parterre gelegen, sind zur Lesehalle praktisch eingerichtet worden, dieselben sind hübsch ausgestattet und bieten einen comfortabeln und zweckentsprechenden Aufenthaltsort. Der Besuch der jüdischen Lesehalle, der bis jetat sehr rege gewesen ist und an manchen Tagen über 80 Personen betrug, wird sich in den neuen Räumen gewiss noch zahlreicher und lebhafter gestalten. 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Es wäre ein verdienstvolles Werk, wenn unsere Glaubensgenossen dazu beitragen wollten, die Berliner Jüdische Bibliothek weiter ausbauen zu helfen. Gar viele haben in ihren Bibliotheken Bücher, die auf jüdische Wissenschaft sich beziehen oder jüdische Belletristik repräsentieren, und sie brauchen und beachten sie nicht, während solche für die Jüdische Bibliothek von grossem Werte sein würden. An alle unsere Glaubensgenossen ergehet hierdurch die Bitte, derartige Bücher und Schriften der Jüdischen Lesehalle und Bibliothek zuwenden zu wollen. Die Abholung erfolgt kostenfrei auf eine bez. Anzeige an den Schatzmeiste!* der Jüdischen Lesehalle Herrn Benas Levy, Klopstockstrasse 35, und nimmt derselbe auch Meldungen zum Beitritt zur Jüdischen Lesehalle entgegen. Das Institut der Jüdischen Lesehalle verdient die allgemeinste und reichste Unterstützung, denn es dient der Bildung, der Belehrung und Aufklärung der erwachsenen jüdischen Jugend und hat somit eine hervorragende ethische und erziehliche Bedeutung. Umschau. Berlin. Sein 50jähriges Handwerksjubiläum feiert am nächsten Sonntag Herr Buchdruckereibesitzer Siegfried Scholem, Sebastianstr. 20. Am 3. October 1847 trat der Jubilar als Schriftsetzerlehrling in die bekannte Sittenfeldsche Buchdruckerei ein, wurde später selbstständiger Meister und erfreut sich jetzt infolge ebenso grosser Tüchtigkeit wie Gewissenhaftigkeit hohen Ansehens weit über die Kreise seiner Bemfsgenossen hinaus. Möge das diamantene Jubiläum den wackeren Nestor der schwarzen Kunst noch an dem nämlichen Platze finden. — Vor der Prüfungscommission des königlichen Luisen - Gymnasiums in Berlin haben drei Schülerinnen der Gymnasialkurse für Frauen, Frl. Valerie Abraham, Margarethe Breymann und Helene Schlesinger ihre Maturitätsprüfung bestanden. — Der hiesige Lehrer Soma Weiss in Erlau hat jüngst mit eigener Lebensgefahr zwei Menschen vom sicheren Tode gerettet. Der Juwelier Bela Tarbay, der des Schwimmens unkundig ist, wagte sich in'8 grosse Wasser der Schwimmschule.

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