Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Infolge des Festes ist im Erscheinen dieser Nummer eine kleine Verspätung eingetreten, die unsere werten Leser gütigst flntschuldigenwollen. Zum Versöhnungstage. Der heiligste Tag des Jahres erscheint wiederum in Israels Mitte; Reue und Busse, Einkehr und Umkehr, Schuld und Verzeihung bilden seine Signatur. Und wohl haben wir alle Veranlassung, an diesem Tage schmerzdurchbebt an unsere Brust zu schlagen, wenn unsere Lippen das Sündenbekenntnis aussprechen. Die Sünden wider die allgemeinen menschlichen Verpflichtungen, in besonders hohem Grade jedoch die Sünden, deren wir uns in unserer Eigenschaft als Juden gegen das Judentum und die jüdische Gesamtheit schuldig gemacht haben, sie sollten an diesem Tage mit ganz besonderer Schwere auf unserer Seele lasten. Der Hohepriester im alten Israel, wenn er in weissen, leuchtenden Gewändern in das Heiligtum seine Schritte lenkte, um für das schuldbeladene Volk die göttliche Vorzeihung herbeizuführen, er vollzog die Sühne in dreifacher Gestalt, für sich selbst, für sein Haus und für die ganze Gemeinde Israels. In der heutigen Zeit, wo Tempel, Opferdienst und Hoherpriester längst zu den Erinnerungen der Vergangenheit entschwunden sind, ersetzt nach dem Worte des Talmuds das jüdische Haus, die jüdische Familie jene Institutionen. Und grade das jüdische Haus, die jüdische Familie, die Sünden wider diese wiegen besonders schwer in der heutigen Zeit des Materialismus, der Glaubensarmut und der Lockerung von Zucht und Sitte. Wie aber soll das jüdische Haus, das jüdische Familienleben bestehen und erhalten werden, wenn nicht schon in das zarte Hindesherz die Keime des Guten hineingelegt werden! Wie muss es uns mit Scham und Entrüstung erfüllen, das bis auf den heutigen Tag so viele jüdische Eltern ihre heiligsten Elternpflichten ohne Gewissensbisse verletzen, indem sie ihre Kinder dem Religionsunterricht entziehen! Welches Gefühl muss in unserem Herzen die Thatsache erregen, dass von anderer Stelle mit den Mitteln des Gesetzes und des staatlichen Zwanges jene Kreise erst auf die schmähliche Vernachlässigung ihrer Pflichten hingewiesen werden müssen; Pflichten, die von jedem Juden von Rechtswegen als einfache selbstverständliche Ehrenpflicht angesehen werden sollten! Möchte der Jom Kippur jenen Männern und Frauen, falls sie überhaupt wenigstens an diesem Tage ins Gotteshaus kommen, mit Donnerstimme ins Gewissen reden! Und wie viele Juden giebt es, die dies nur dem Namen nach sind, die sich förmlich schämen, Juden zu heissen, die mit ängstlicher Geflissenheit alles von sich und ihrer Familie fernhalten, was nur an Juden und Judentum erinnert, die um des geringsten Vorteils willen die Religion der Väter, um deretwillen ungezählte Tausende Märtyrer in den Tod gingen, von sich werfen. Grade in der Jetztzeit, wo alle Stürme und Wogen wider uns entfesselt sind, gilt es in Treue, Liebe und Einigkeit zusammenzustehen, Einer für Alle, und Alle für Einen! Nicht ein Einziger kann entbehrt werden, und ist es nicht das Gefühl des gemeinsamen religiösen Glaubens, das uns mit einander verbindet, so sollte• doch das gemeinsame Ehrgefühl, die gleiche Not und Gefahr stark genug sich erweisen, um ganz Israel wie mit eisernen Reifen und Klammern zusammen zu halten. Wohl reichen die Kräfte des Einzelnen nicht immer aus, um das zu erreichen, was das Ziel seines Strebens bildet. Aber was einer nicht vermag, das vermögen mehrere und sind es viele, so kann möglicherweise alles erreicht werden. Unser jüdisches Vereinsleben hat in den letzten Jahren ohne Zweifel einen mächtigen Aufschwung genommen und dankbare Anerkennung erworben bei allen denjenigen, denen Israels heiligste Güter nicht gleichgiltig sind. Aber so viele stehen noch abseits, so viele können es nicht über sich gewinnen, dem Judentum, das sie geboren und erzogen, auch dadurch den Zoll der Dankbarkeit zu erbringen, dass sie durch Unterstützung jüdischer Vereinsbestrebungen, echtes jüdisches Leben und echte jüdische Sitte fördern und kräftigen. Schrecklicher Gedanke, mit■ lauter Juden an einem Tische sitzen zu müssen, viel lieber giebt man sein Geld für allerhand Sanges-, Turn- und Vergnügungsvereine aus, die ja den Juden allerdings nicht gern in ihrer Mitte sehen, aber doch wenigstens sein Geld nicht verachten. Das stolze, selbstbewusste Wort des Propheten Jona, ״ein Hebräer bin ich, und den Gott im Himmel fürchte ich, der Meer und Festland geschaffen“, dieses Wort muss wieder feste Wurzel fassen unter Israels Bekennern, muss Motto und Devise werden für alle, die sich benennen mit dem Namen Israels. Nicht weil wir zu sehr Juden sind, sondern weil wir zu wenig Juden sind, verfolgt uns der Hass und das Vorurteil einer ganzen Welt. Wären wir alle Juden in dem Sinne, wie es das Judentum von uns fordert, dann würde die Morgenröte einer besseren Zeit bald hereinbrechen und Israels Heilung schnell gelingen. Die Gemeinde-Verwaltung. (Schluss.) Waisen-Kommission. Bamberger, L. M. Vors. Behrens, Bernhard. Blumenthal, J. Dr. Geh.S.-R. Herzfeld, Louis. Jutrosinki, Moritz. Waisenhausdirektor. D1\ Oppenheim, Louis. Russ, A. Sachs, Louis, Eduard. Fernbach, Martin. Kuratorium des Reichenheim’ sehen Gemeindewaisenhauses. Bamberger, Louis, M. Vors. Boas. Julius. Dr. Geh. S.-R. Lewin, Louis, Dr. Professor. Meyer, Ernst. Mosse, Rudolf. Rosenheim, Julius. Simon, James. Vorstand des Hospitals. Fuchs,Eugen. Dr.jur. Rechtsanwalt. Vorsitzender. Aaron, Louis. Heilmann, Moritz. Heilmann, Albert. Schwess, Emil. Manheimer, Gustav. Manheimer, Moritz. Mosse, Rudolf. Sachs, Louis. Wiesenthal, Dr. San.-Rat. Kuratorium des Erziehungshauses in Pankow. Vorstandskommissar: Bamberger, Louis M. Breslauer, Bernhard, Rechtsanwalt. Vorsitzender. Mecklenburg, Ludwig. Mosse, Emil. Makower, Felix. Rechtsanw. Eisner, Heinrich. Fürsorge-Kommission. Lilienthal, L. Rechtsanwalt. Vorsitzender. Alterthum, Max. Caspary, Eugen. Cohn, Julius. Fraenkel, Joseph. Fraenkel, M. Grabower, Heinrich. Dr. Lachmann, Georg. Levy, A. Lewin, Wollt. Mechelsohn, B. Mosse, Rudolf. Philippsohn, J. Plotke, Emil. Sachs,. Gustav. Schaefer, M. Dr. Oberlehrer. Schlesinger, Willv. Weile, S. Centralstelle für die W ohlthätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde, Simon, Martin, Vors. Grünwald, Julius. Sachs, Gustav. Sachs, Siegfried. Aus der Gemeinde. Am 25. ds. wurde die erste Sitzung der Repräsentanten nach den Ferien abgehalten. Die Einladung zu der am 3. October stattfindenden Einweihungsfeier des Auerbach’-