Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Die erste Sitzung der ]Repräsentanten nach den Ferien findet am 25. ds., abends 7 Uhr statt. Die Tagesordnung für diese Sitzung ist folgende:!.Geschäftliches, 2. Letztwillige Zuwendung des Herrn Julius Schiff an die Gemeinde, 3. Vorlage, betr. die Aenderung des Verfahrens bei Aufnähme und Veranschlagung von Reparaturen an den Gemeinde-Grundstücken, 4. Vorlagen, betr. die Bewilligung bezw. Nachbewilligung von Ausgaben, a) zur Anschaffung von Teppichläufern in der neuen Synagoge, b) zur Reparatur von Grabsteinen und Grabgittern, a) zu baulichen Ver- Änderungen im Hause Oranienburgerstr. 29. 5. Vorlage, betr. die Satzungen der Friedhofs-Kommission, 6. desgl., betr. Erhöhung des Jahresbeitrages an den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, 7. Abrechnung über die Kosten der inneren Einrichtung des Hospitals, 8. Vorlage, betr. Errichtung einer neuen Kassenbotenstelle, 9. desgl., betr. Bewilligung von Remunerationen für liturgische Funktionen, 10. Rechnungsabschlüsse von Spezialverwaltungen, 11. Vorläge, betr. Anstellung eines Liturgen für den Friedhof Weissensee, 12. Mitteilung des Vorstandes, betr. den diesjährigen Prozentsatz für die Erhebung der Gemeindesteuern, 13. Vorlage, betr. Verlängerung der Anstellung von Beamten. — Während bisher 11 % vom Einkommen als Gemeindesteuer erhoben wurden, soll fortan nur V20 □ erhoben werden. Umschau. Die ״Deutsche Wachtu in Dresden leistet sich einen Scherz, der ein beredtes Zeugnis für die Erfindungsgabe dieses illustren Blattes ist. Diese Leistung übertrifft alle bisherigen Reproduktionen lügenhafter Mitteilungen, in denen dieses Blatt mit seinen edlen Schwestern wetteifert. ..Der berühmte Vorkämpfer des reinen Judentums, Mache Sch muh aus Russisch-Galizien, that in überzeugender Rede auf dem Zionisten■ Kongress in Basel dar, dass die 1111■ bestechliche Ehrlichkeit eigentlich nur bei den Juden zu finden sei. Nachdem er unter dem mauschelnden Beifall der Glaubensgenossen die Tribüne verlassen, trat er za dem Präsidenten, um sich einen Hundertmbelsc.hein wechseln zu lassen, was dieser gegen eine massige Provision gern besorgte, dabei den Redner nochmals zu seinen so treffenden Ausführungen beglüekvrünsehend. Dieser verliess dann das Lokal. Zu spät bemerkte der edle Präsident, dass die Rubelnote leider gefälscht war, und es bedurfte dann seiner ganzen angeborenen Geschicklichkeit, dieselbe wieder an den Mann zu bringen und sogar noch einen kleinen Agio Rebbach zu erzielen. Ehrlichkeit, in der richtigen Weise ausgeübt, lohnt sich noch immer.“ Es kommt doch nichts über einen ,,guten Witz“. — Abschlägig beschieden hat das Justizministerium die Eingabe des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde um Aufhebung der Verfügung vom November v. J. betreffs Einschränkung der rituellen Verpflegung der jüdischen Strafgefangenen. Ein ähnliches Gesuch des deutschen Rabbiner-Verbandes ist bereits vordem abgewiesen und die Wiederherstellung des früheren Zustandes, der rituellen Verpflegung auf Staatskosten, entschieden abgelehnt worden. Desgleichen hat auch das Anerbieten der Jüdischen Gemernde in Berlin, die Insassen des Strafgefängnisses in Plötzensee an sämtlichen jüdischen Feiertagen auf Gemeindekosten mit rituell zubereiteten Speisen zu versehen, keine Annahme gefunden. Beide Körperschaften wollen sich mit diesem Bescheide nicht zufriedengeben, und werden gegen die Ablehnung ihres Ansuchens im Verwaltungswege Beschwerde erheben, indem sie gleichzeitig die Verfügung des Justizministers als ״Gewissenszwang“ zu bekämpfen und deren Rechtsgültigkeit anzufechten beabsichtigen. — Der Reichstagsabgeordnete Ahlwardt hat am 16. d. M. in Hannover einen Vortrag gehalten. Auf die Vorhaltung eines Sozialdemokraten, dass durch Ahlwardts Reise nach Amerika sein Wahlkreis um die Vertretung im Reichstage gekommen sei, verwahrte er sich, indem er nach dem Bericht des ״Hannov. Kuriers“ erklärte, ״seine Wähler hätten ihn nicht gewählt, um den Wahlkreis im Reichstage zu vertreten, sondern um der ganzen Welt Aufklärung über die schädliche Wirkung des Judentums zu bringen; die nächste Wahl werde zeigen, dass er fast einstimmig wiedergewählt werde. An 11 Stellen in der Bibel stehe, dass der Mann, der die Juden zurückbringen werde ins Land der Väter, aus Silo kommen werde, und da müsse er der Versammlung doch mitteilen, dass er in Silo geboren sei.“ In dem amtlichen Reichstags-Handbuch wird in den biographischen Notizen über Herrn Ahlwardt, die doch wohl von ihm selbst herrühren, als sein Geburtsort Brien bei Anklam angegeben. Auch weist das Ortslexikon des preussischen Staates ebensowenig einen Ort Silo auf, wie sich in der Bibel für den Ort Silo in Palästina die ihm oben zugeschriebene Bedeutung nachweisen lässt. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr. Paul Förster erklärt, dass er ״bis heut“ nicht vom germanischen Volksbunde angestellt sei. Hiernach hätte Herr V. Mosch, der seiner Mitteilung nach selbst von diesem Bunde angestellt ist, Falsches berichtet. Im TJebrigen ist Förster nicht abgeneigt, in die Dienste des Volksbundes zu treten und für ihm Vorträge zu halten. Dass die Vorträge und Reisen entlohnt werden, ist eine Forderung, deren Billigelt bisher niemand bestritten hat, meint Herr Förster, er will aber bei Leibe nicht als Geschäfts-Antisemit angesehen werden. Doch dies mag er mit seinen antisemitischen Freunden abmachen. — In Forst in der Lausitz hat Ahlwardt in voriger Woche eine Versammlung abgehalten, in der er mitteilte, dass er in Hagen als Gegenkandidat Eugen Richters aufgestellt werden wird. Ahlwardt scheint auf der Suche nach einem neuen Wahlkreis zu sein, denn in Friedeberg- Arnswalde hat er wohl schon gemerkt, dass ihm die Organisation der Bauernschaft durch den ..Nordost“ den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Flensburg. Welcher Wert dem uebertritt dev Juden zum Christentum beizulegen ist, dürfte auch aus folgendem hervorgehen: Ein in einem all der Küste Schleswig-Holsteins gelegenen Seebade wohnhafter wohlhabender Jude liess vor nicht langer Zeit seine Söhne, die demnächst aufs Gymnasium geschickt werden sollen, taufen und soll als Grund hierfür angegeben haben, sie würden sonst ihrer ״Confession (!) wegen geneckt“. Der Vater selbst ist Jude geblieben. In welcher Lebensstellung die Täuflinge einst das deutsche Vaterland beglücken werden, lässt sich noch nicht sagen; eine Aeusserung von deren Mutter, dass ״das Studium der Theologie heutzutage das beste Geschäft (!) sei, da Theologen gleich angestellt würden“, lässt fast darauf schliessen, dass die Getauften bestimmt sind, dermaleinst die Kanzel zu besteigen. Etwas neues wäre das nun freilich nicht, ob etwas erfreuliches wollen wir liier nicht erörtern. — Der frühere Antisemitenführer Konditor Laube in Kolzig, der, wie kürzlich berichtet wurde, seine Konditorei an einen jüdischen Kaufmann verkauft hat, scheint mit seinen antisemitischen Gesinnungsgenossen sehr trübe Erfahrungen gemacht zu haben. Er schreibt dem ״Grüneberger Wochenblatt“, er habe in letzter Zeit so trübe Erfahrungen gesammelt, dass er von seinem Antisemitismus bekehrt worden sei. Er werde den Grund seines Austritts aus der antisemitischen, hurrahschreienden Partei bei gelegener Zeit veröffentlichen; ihm ständen über diese schwarzweisse Partei Stösse von Akten zur Verfügung. — Die Burschenschaften und der Antisemitismus. Der alte Streit, welcher schon seit Jahresfrist innerhalb der deutschen Burschenschaften und insbesondere innerhalb der Burschenschaft Germania in Breslau über die Nichtaufnahme jüdischer Mitglieder geführt wird, ist nunmehr zu einem teilweisen Abschluss gekommen. Wie seinerzeit iu der ״Frankf. Ztg.“ mitgeteilt wurde, hat die genannte Burschenschaft und nach ihr verschiedene andere den Beschluss gefasst, in Zukunft keine Israeliten mehr als Mitglieder