Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch einmal ״Unsere Jugend“. Der in unserer Zeitung unter obiger Bezeichnung veroffen tlichte Artikel hat uns eine Anzahl von Zuschriften aus dem Leserkreise gebracht, die im grossen und ganzen im zustimmenden Sinne sich äusserten und dem von uns gezeichneten Bilde noch manchen prägnanten Zug hinzufügten. Wenn wir uns damals auf die männliche Jugend nur beschränken zu müssen glaubten und die holde Weiblichkeit einstweilen aus dem Spiele Hessen, so geschah das nicht etwa deshalb, weil wir hier nichts zu rügen und nichts zu tadeln hätten. Im Gegenteil! Und die nachfolgenden Ausführungen mögen dafür den Beweis erbringen. Nur werden wir in diesem Falle nicht allein dev weiblichen Jugend den Spiegel Vorhalten können, sondern dürfen auch das jüdische Weib, die jüdische Mutter nicht völlig ausser Betracht lassen. Wie so oft, gerade bei uns Juden, muss auch hier eine ziemlich scharfe Grenzlinie gezogen werden zwischen den sogenannten höheren Kreisen und dem Mittelstand und den unteren Schichten der Bevölkerung. Die Wahrnehmung tritt auch hier zu Tage, der Mittelstand und die unteren Schichten halten sich besser und gesünder, sind dem Judentum treuer ergeben als die Höherstehenden und Gebildeten. Wenn nach der jüngsten Berufsstatistik 6298 Jüdinnen als im häuslichen Dienst und im Haushalt der Herrschaft lebend angeführt werden, 191 im Krankendienst thätig sind, 682 Lohnarbeit wechselnder Art verrichten, 1442 unter der Rubrik ״Beherbergung und Erquickung11 als Bedienungspersonal angegeben sind, 9016 allein im Waren- und Produktenhandel als Bedienstete ihren Unterhalt erwerben, so sind diese Zahlen im hohen Grade lehrreich. Denn aus ihnen geht hervor, namentlich wenn man die ebenfalls nicht geringen Ziffern der männlichen Erwerbskreise in abhängiger Stellung hinzunimmt, dass das antisemitische Gerede von dem Reichtum der Juden, von ihrem Drange, nur Unternehmer sein zu wollen, von ihrer Abneigung gegen dienende Stellung und körperliche Arbeit eine lächerliche Fabel ist. Mit unwiderleglicher Beweiskraft lehrt jene Statistik, dass auch unter den Juden der allgemeine Druck, unter dem unsere Erwerbsverhältnisse stehen, sich fühlbar macht, dass auch die weibliche Jugend zum Verdienst mit herangezogen wird, dass die Aussicht, in der Ehe Versorgung zu finden, für jene Kreise von Tag zu Tag sich mindert. Für uns Juden ist es erfreulich zu sehen, wie gerade unter der weiblichen Jugend immer mehr der Zug sich bemerkbar macht, anstatt seine Jugend im Nichsthun und Warten auf einen gefälligen Ehemann zu vertrödeln, lieber sich auf dis eigenen Füsse zu stellen und sein Brot durch rechtschaffene Arbeit sich zu verdienen. Rühmlich wollen wir hervorheben, dass gar viele von den jüdischen Verkäuferinnen, Buchhalterinnen, Schneiderinnen, Putzmacherinnen durch ihrer Hände Erwerb nicht allein sich selber redlich durchs Leben helfen, sondern oft auch noch ihre jüngeren Geschwister unterstützen und ihren alten bedürftigen Eltern die letzten Lebensjahre erleichtern. Ehre und Anerkennung allen denen, die in solcher Weise das Gebot des Judentums erfüllen und das Judentum zu Ehren bringen! Gefahren giebts freilich auch hier, namentlich in sittlicher Beziehung. In einer manchmal recht laxen und frivolen Umgebung müssen sich namentlich unsere jüdischen jungen Mädchen hüten, dass das Gift der Unmoral nicht ihre weibliche Tugend beflecke. Man hüte sich vor den sogenannten ״Verhältnissen“. Eine Heirat kommt dabei fast nie zu Stande, wohl aber gar oft — etwas ganz anderes. Die jüdische Religion wird mit Recht eine Religion des Lebens genannt, schon aus dem Grunde, weil sie an ihre Bekenner nicht ausschliesslich in wenigen Stunden herantritt, sondern weil sie thatsächlich das ganze Leben umspannt. Und gerade der jüdischen Frau ist im Judentum ein weiter Wirkungskreis beschieden. Die jüdische Frau, obwohl ihre Arbeit im Dienste der Religion nicht so deutlich an den Tag tritt, wie die des Mannes, sie ist doch eine der bedeutendsten und wichtigsten Träger nnseres Glaubens. Ihre Thätigkeit ist im Hause und in der Familie. Der Mann ist durch seinen Beruf nur zu oft genötigt, ausser dem Hause zu weilen. Die Frau aber, die im Hause schaltet und waltet, sie ist eine Priesterin des häuslichen Altars, eine Wächterin altjüdischer Frömmigkeit und Sittlichkeit, eine Erzieherin ihrer Kinder in dem Geist und nach dem Gebote, wie unsere heilige Lehre es vorschreibt. Der Schreiber dieser Zeilen kann nicht ohne Rührung an die Zeiten seiner Jugend zurückdenken, als seine alte Grossmutter dem vierjährigen Knaben die ersten hebräischen Gebetslaute vorsprach, die Segenssprüche nach dem Aufstehen, vor dem Händewaschen und über die Zizis ihn lehrte. Unsere Väter fragten bei ihren Lebensgefährtinnen wenig nach Bildung, sie verlangten nur Frauen, die neben tiefem Verständnis für eine gediegene jüdische Küche auch gute jüdische Herzen besassen und ihre jüdischen Tugenden durch Lehre und Beispiel auf ihre Nachkommen übertrugen. Heutzutage ist das leider vielfach anders geworden, und wie wir bereits erwähnten, sind es auch hier wieder die Gebildeten und Besitzenden, die vielfach kein gutes Beispiel geben. Namentlich in religiöser Beziehung liegt hier vieles gar sehr im argen. Dass unsere Knaben vielfacli gar keinen oder nur einen höchst ungenügenden Religionsunterricht erhalten, weil die Eltern ehr- und pflichtvergessen sind, ist ja leider nur zu sehr traurige Thatsache. Bei unsern Mädchen steht es eigentlich noch schlimmer. Freilich lernen sie genug: Sprachen, Tanzen, Malen, Musizieren und dergleichen schöne Dinge mehr. Der Unterricht in der Religion beschränkt sich oft auf eine öde formale Einpaukerei von allerhand schön klingenden ״Glaubenssätzen“, die einige Monate fortgesetzt wird, bis die sogenannte ״Einsegnung“ dem Religionsunterricht sein Ziel setzt. Damit ist denn in der Regel die Sache fürs ganze Leben endgiltig abgethan. Kein Wunder, dass aus den Mädchen, denen die jüdische Religion in ihrer unvergleichlichen Herrlichkeit so äusserst spärlich zugemessen Wurde, keine Frauen werden, Wie sie für die Ehe, für Haus und Kindererziehung nötig sind, sondern hübsch ausstaffierte Modepuppen, ohne Herzens- und Gemütsbildung, die klug und äusserlick gebildet, sich zu benehmen wissen, mit ihrem verwöhnten Geschmack und ausserordentlich gesteigerten Lebensansprüchen für den künftigen Mann aber keine Stütze, sondern eine Plage sind. Dass die armen Kinder, die das Unglück haben, solche Mütter zu besitzen, in dem Geiste heranwachsen, wie wir ihn oben geschildert, ist ja selbstverständlich. Man hört heute oft genug jüdische junge Männer darüber Klage führen, dass die jüdischen Töchter solche Ansprüche erheben, dass der Mann gut thut, lieber auf alles Eheglück zu verzichten oder — sich eine nichtjüdische Frau zu nehmen. Nicht mit Unrecht wird dem jüdischen weiblichen Geschlechte Putzsucht zum Vorwurf gemacht. Es ist das ein leidiges Ueberbleibsel aus den Zeiten des alten Ghettos. Gerade in der jetzigen Zeit, wo Neid und Begehrlichkeit alle Handlungen des Juden mit gehässigen Blicken verfolgen, sollten wir alles vermeiden, was durch Putzsucht und Prunkliebe unserer nichtjüdischen Umgebung unangenehm in die Augen fallen könnte. Ein Bekannter machte uns gegenüber die scherzhafte Bemerkung, es wäre gut, namentlich während der beiden Tage Rausch haschonoh alle jüdischen Damen zu internieren, damit sie nicht ihre seidenen Kleider und goldenen Uhren im Thiergarten spazieren führten und dadurch Rischus machten. Auch die Sucht, um jeden Preis ein grosses Haus zu machen und um jeden Preis in feine, nichtjüdische Kreise zu kommen, ist leider gerade unter den reichen jüdischen Frauen keine seltene Erscheinung. Nicht dass wir anempfehlen wollten, jeden Verkehr mit nichtjüdischen Kreisen zu vermeiden: Es fällt uns bei dieser Gelegenheit eine Anekdote ein. Zwei Juden, die sich lange nicht gesehen hatten, trafen sich einst auf der Reise. Gefragt, wie es ihm ginge, antwortete der Eine. ״Nun, ich hab’ mich taufen lassen.“ Auf die erstaunte Frage des Andern nach dem