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Berliner Vereinsbote · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · page 8

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Oberhemden Reparatur Werkstatt, Alte 40 Halspriesen 20, Paar Handpriesen SS, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg. Keuantertig. z. billigst■ Preisen. Abholung frei. dieser Gesellschaft nicht länger ertragen konnte. Bleiben fünf oder sechs Männer übrig. Wie lange werden diese noch zusammen sein? Da ist auf der einen Seite Herr Zimmermann .aus Dresden, der einstige glühende Portschrittsmann und Heine- Vergötteren Er scheint in Sachsen so ziemlich abgewirtschäftet zu haben: in hellen Haufen verlassen die Beamten. die im Bereiche der grün-weissen Grenzpfähle eine gute Witterung haben, das Lager des Antisemitismus. Herr Liebermann von Sonnenberg, der die antisemitische .,Partei*1 zu einem Fähnlein der (konservativen und Landbündler zu machen bestrebt war, dürfte bei den Agrariern Anschluss finden: und was dann im nächsten Reichstag von der ,.grossen“ antisemitischen Partei übrig ist, wird weniger wcltenstürzeml als komisch wirken. — Oie Antisemiten im Reichstage. Einen Beleg für den absoluten Mangel an Existenzfähigkeit als Partei haben die Antisemiten im Reichstag bei Gelegenheit dernamentlichen Abstimmungen in dieser Legislaturperiode erbracht. Nach der TJebersicht über die jüngst beendete Session, die sich bekanntlich über zwei Winter erstreckte, haben seit November 1895 bis incl. Juni 1897 im ganzen 45 namentliche Abstimmungen stattgefunden. Bei diesen 45 Auszählungen ergab sich, dass von den Id Antisemiten im Durchschnitt immer nur etwa die Hälfte (genau 8,4) anwesend waren, und zwar fehlten von der andern Hälfte die meisten ohne Entschuldigung. Zur höchsten Stufe in letzter Beziehung haben es die Herren Köhler und Böckel gebracht, erste rer war nur sechsmal zugegen, fehlte also 59 mal, darunter 35 mal ohne Entschuldigung. Dr. Böckel war neunmal zugegen, fehlte aber alle 3(» mal ohne Entschuldigung. Dann kommen erst Alilwardt, der 35, Hirschei, der 31 und Bindewald, der 28 mal fehlte, und zwar Alilwardt 31, Hirschei 23, Bindewald 25 mal ohne Entschuldigung. Die wenigen ״deutsch-soziale«} Reformer“ . die an den namentlichen Abstimmungen teilnahmen, sind aber keineswegs einig gewesen. Einmal, am 22. Juni 1893, wussten sie überhaupt nicht, was sie wollen sollten. Als an diesem Tage über den sozialdemokratischen Antrag abgestimmt wurde, wonach die Krankenversicherungspflicht durch einen Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuchs eingeführt werden sollte, fehlten 13 und die anwesenden drei enthielten sich der Abstimmung. Und fünfzehnmal stimmten diese ״Reformer“ lustig widereinander, als ob niemals einer der ihrigen in Volksversammlungen den Eindruck gemacht hatte, dass die Entschiedenheit, Reinheit und Einheit des Wollens, wie überhaupt die Erlösung aus allen Zweifeln und Schwankungen lediglich bei ihnen zu ־finden sei. Diese Einheit des Wollens sah in 15 von 45 Fällen folgender- Massen aus: Am 3. 3. 93 stimmen 2 für, 5 gegen die schärfere Polizeiaufsicht über Schauspielunternehmen, 9 fehlen; — am 10. 3. 93 stimmen einer für, 7 gegen Freigabe des Detailreisens in Wäsche u. s. w.. 8 fehlen; — am 24. 4. 93 stimmen 2 für, 3 gegen die Giltigkeit der Wahl des Abgeordneten Holz in Sch wetz, 11 fehlen; — am 5. 5. 93 stimmen 11 für, 1 gegen das Färbeverbot im Margarinegesetz, 4 fehlen: — am 3. 5. 93 stimmen 10 für, 2 gegen die Trennung der Margarineverkaufsräume, 4 fehlen; —- am 12. 5. 93 stimmen 4 für, 3 gegen die Doppel- Besteuerung der Melasse, 3 fehlen: — am 15. 5. 93 stimmen 3 für, 4 gegen die niedrigere Bemessung der Zuckerverbrauchsabgabe, 9 fehlen; — am 23. 3. 93 stimmt einer gegen die Ersatzpflicht für Hasenschaden, 2 enthalten sieh der Abstimmung, 13 fehlen; — am 24. 3. 93 stimmen 3 für, 2 gegen die fakultative Zivilehe, 11 fehlen; — am 30. 3. 93 stimmen 4 für, 1 gegen die Ersatzpflicht für Hasenschaden. 4 enthalten sich, 7 fehlen; am 1. 7. 93 stimmt einer für das bürgerliche Gesetzbuch. G enthalten sich, 9 fehlen; —^ am 20. 3. 97 stimmen 13 für, 2 gegen die Bewilligung des Panzerschiffes ״Ersatz König Wilhelm“, ebenso gegen die des Avisos ״Ersatz Hyäne“: — am 7. 5. 93 stimmen 9 für. 1 gegen die Trennung der Margarine- Verkaufsräume, 3 fehlen: — endlich am 24. 3. 97 stimmen 2 für. 11 gegen die Handwerksorganisation, 3 fehlen. Man wird finden, dass hier alles Mögliche in Frage stand, was im Lande in der antisemitischen Agitation behandelt wird, als könne es darüber nicht die mindeste Differenz unter ״deutsch-sozialen Reformen“ geben. Aber so wenig sie in wirtschaftlichen, insbesondere Mittelstandsfragen sich einigen konnten, so wenig vermochten sie gegenüber der wichtigste!} Frage unserer Rechtseinheit, ja, nicht einmal gegenüber der nationalen Aufgabe beim Streit um die Sohifföbtiuten eine einheitliche Stellung einzunehmen. Das nennt sich Sozial- und Wirtschaftsreformer, Mittel- Standspartei und Deutschpartei par excellence! Antisemit — eine Beleidigung? Eine interessante Frage wird in nächste!' Zeit das Lübecker Amtsgericht bcschattigen. Ein junger Mann wurde gelegentlich eines Wortwechsels von einem der Beteiligte}} ״Antisemit“ genannt; er fühlte sich durch dies Wort ״beleidigt“ und strengte die Beleigungsklage gegen seinen Gegner an. Der Termin ist bereits angesetzt worden. Der frühere antisemitische Reichstagsabgeordnete für Eschwege, Hans Leu ss , welcher gegenwärtig eine mehrjährige Zuchthausstrafe wegen Meineids in Celle abbüsst, hatte, wie uns berichtet wird, vor ungefähr ß Wochen ein Gnadengesuch an zuständiger Stelle eingereicht, welches von allen dabei in Frage kommenden Personen befürwortet wurde. Wie jetzt verlautet, soll dieses abschlägig beschieden sein, obgleich Leus« bestimmt, gehofft hatte, dass dem Gnadengesuche willfahrt werden würde. — Judenverfolgungen in Persien. Der persische Gesandte in London erhielt von seiner Regierung in Teheran die Mitteilung, dass auf die eindringlichen Vorstellungen Englands und Frankreichs hin der Schah jede weitere Verfolgung der Juden in strengster Form verboten habe. Der bezügliche Erlass ist an die Gouverneure gerichtet und bedroht jeden Beamten mit Amtsentsetzung, der die Jude}} zwingen würde, eine besondere Kleidung zu tragen, oder ihres Glaubens wegen eine höhere Steuer auf.erlegen würde. — Dieser Erlass des Schahs leidet jedoch an dem Fehler, dass er an die falsche Adresse gerichtet ist. Die betreffenden Ausnahmebestimmungen gegen die Juden waren von dem persischen Seheik ul Islam, dem Oberhaupt der persischen Mohamedaner erlassen worden, und ihre Hauptforderung ist die Zwangsbekehrung zum Islam. Die mohamedanisehe Geistlichkeit in Persien aber ist von den Gouverneuren gänzlich unabhängig, sodass der Schah wohl erst den judenfeindlichen Erlass des Oberpriesters in aller Form aut heben müsste, ehe an eine wirkliche Einstellung der Juden- Verfolgungen geglaubt werden kann. Ob aber bei der jetzigen Erregung, welche die gesamte mohamedanische Welt Asiens ergriffen hat, der Schah einen solche!} Schritt gegen das kirchliche Oberhaupt seines Landes wagen wird, erscheint mehr als zweifelhaft. Zur Beachtung! Die verehrlichen Vorstände unserer Vereine sowie alle diejenigen, die ein Interesse an der Vollständigkeit einer Geschichte der jüdischen Vereine Berlins Raben, werden hiermit dringend gebeten, die in unserem Blatte etwa noch nicht besprochenen Vereine ans bald gfl. namhaft machen, resp. die bekannten Angaben über die p. Vereine in mög liebster Ausführlichkeit zugeben lassen und dadurch zur Förderung dieses gewiss gemeinnützigen Unternehmens beitragen za wollen.

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