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Berliner Vereinsbote · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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role ist Offenheit und Wahrheit, unser Ziel Selbstkritik und Selbstzucht. Es war ein schwerer Fehler, dass dieses Sy«tem nicht schon längst angewendet wurde. Noch ist es nicht zu spät. Möge dieser Aufsatz dazu beitragen, auch nach dieser Richtung hin der Stimme der Vernunft wieder mehr Geltung zu verschaffen. Es ist besonders die jüdische Jugend der Grossstadt, der wir unsere Betrachtung gewidmet haben. Und da sind os wiederum zwei Kategorien, die ins Auge zu fassen sind, die kaufmännische Jugend und die akademischen Kreise, Die in der Landwirtschaft, im Handwerk und Gewerbe Besehäftigten sind vorläufig noch nicht umfassend genug um richtig charakterisiert werden zu können. Das in unsere Jugend vielfach schon in ihrer Kindheit der Keim zur späteren Entartung gelegt wird, braucht wohl kaum besonders betont zu werden. Man braucht noch nicht auf dem Standpunkt zu stehen, in der religiösen Unterweisung ein Allheil־ und Präventivmittel für alle Zeiten gegen die verderblichen Einflüsse von Zeit und Umgebung zu erblicken, um zu behaupten, dass die Vernachlässigung des Religions- Unterrichts eine unverzeihliche Sünde ist, die leider von jüdischen Eltern so oft begangen wird, und die in späteren Tagen so oft schwer und bitter sich rächt. Was hier tagtäglich an Schuld und Frevel begangen wird, ist oft auch von uns mit Nachdruck hervorgehoben worden. Alles muss von unseren Kindern erlernt werden, der Religionsunterricht muss als Aschenbrödel trauernd zur Seite stehen. Und die Folgen? Der materialistische, religions- und sittenfeindliche Zug der modernen Zeit, es ist auch an Juda’s Nachkommen nicht spur- und einflusslos vorübergegangen, er heischt seine Opfer alle Tage, er hat über unsere Jugend ein vollgerütteltes Mass von Lastern und Sünden ausgeschüttet. Wenn heute der Antisemitismus mit Vorwürfen und Anklagen gegen uns zu Felde zieht, wenn die wahnwitzigsten Beschuldigungen heut Boden finden, wenn selbst dort, wo der nackte, blanke, unverhüllte Judenhass noch keine Stätte gefunden, so doch kühles Zurückziehen nnd unfreundliehe Abschliessung mehr und mehr zur Regel wird, so liegt ein guter Teil der Schuld an unserer Jugend, deren gesamtes Auftreten und Benehmen dem gesamten Judentum zur Last gelegt wird. Mit dieser unserer Ansicht stehen wir durchaus nicht allein; gar oft hört man von Juden namentlich der älteren Generationen über unseren Nachwuchs eifern in Worten und Wendungen, die an Schärfe und Bitterkeit kaum denen der Antisemiten nachstehen. | [Es liegt uns durchaus fern, in der jetzigen Zeit verlangen zu wollen, unser modernes Geschlecht solle in allen Stücken so leben, wie unsere Väter gelebt haben. Die gute alte Zeit, die für unsere Vorfahren auch nicht in jeder Beziehung eine solche war, liegt hinter uns, eine andere Zeit verlangt andere Menschen und stellt andere Ansprüche. Aber was sie an guten Seiten in sich hatte, das sollte man auch in der jetzigen Zeit nicht gering schätzen. Unsere Ahnen waren gewiss keine Engel, sondern Menschen mit menschlichen Fehlem und Schwächen. Aber in vielen Punkten kann man sie getrost unserer Zeit als Spiegel Vorhalten. Waren sie auch nicht das, was man heutzutage gebildet nennt, die wahre Herzens- und Gemütsbildung fehlte ihnen nicht. In Zucht und Sitte aufgewachsen, waren sie streng gegen sich und andere, an einfache Lebensbedürfnisse gewöhnt, fühlten sie kein Gelüst nach Schwelgerei und Schlemmerei, hielten sie das Ihrige zu Rate, ihr Gebahren und Auftreten war ein bescheidenes nnd doch Achtung Gebietendes, dafür sorgte schon die Scheu, ihrer Umgebung Stoff zum Judenhass zu verschaffen. Das alles kann man getrost noch heute unserem Geschlecht als Muster und Beispiel vor die Augen führen. ״Freue dich, Jüngling deiner Jugend, und sei frohen Herzens in den Tagen deiner Jugendzeit, und wandle auf den Wegen deines Herzens, und nach dem Anschauen deiner Augen, aber wisse, dass ob allem diesen Gott dich führen wird ins Gerieht.“ Kein Verständiger wird die Zumutung stellen, dass unsere Jugend von dem Treiben und den Freuden dieser Welt sich gänzlich zurückziehe. Aber niemals soll die Freude, soll der Genuss am Dasein Selbstzweck sein, immer soll sich der Mensch dessen bewusst bleiben, dass seine Bestimmung eine höhere und edlere ist. Unsere jüngere Generation macht uns wenig Freude, sich selbst wenig Ehre. Sie ist zu tief verstrickt in den Sünden und Begierden unserer Zeit. Man wird wahrschein־ lieh einwenden, das sei ein allgemeiner Zug unserer Zeit, der nicht allein aut die Juden sich erstreckt. Das ist eine Wahrheit, aber keine Entschuldigung. Mögen Andere an ihre Kreise die bessernde Hand anlegen, wir halten uns au das, was uns am nächsten liegt. Der Nichtjude mag sich noch so oft und noch so schwer gegen Religion, Sitte und Gesetz vergehen, die Sühne trifft nur ihn allein, niemand wird das Ganze für seine Verfehlung verantwortlich machen, jeder Verstoss aber, der von Juden begangen wird, er wird eingetragen in das Schuldenconto des gesamten Judentums. Man braucht nur auf die Strasse zu gehen oder ein öffentliches Lokal zu betreten, und man kann Studien machen, freilich ohne dabei besonders Befriedigung zu finden. Man nehme ein beliebiges antisemitisches Blatt zur Hand. Man braucht nicht alles zu glauben, was darin steht, aber eine ständige Rubrik der Anklagen und Vorwürfe bildet das oft auffallende, prononcierte und herausfordernde Benehmen dieses oder jenes Juden, gewöhnlich der jüngeren Generation angehörig. Der Jude hat dafür den Ausdruck ״Chuzpe“, und mit Recht erregt das Benehmen unserer jüngeren Juden oft Anstoss. Diese Wahrnehmung macht man überall auf der Strasse, im Restaurant, im Theater. Dieses selbstgefällige Wesen, dieses arrogante Auftreten, dieses Begaffen und Kritisieren seiner Umgebuug, diese laute und ungenierte Manier zu sprechen, es sind freilich nur Aeusserlichkeiten, aber sie wollen viel besagen in unserer dem Judentum so feindlich gesinnten Zeit, und sie bieten vielen Anlass zu einseitigen und gehässigen Angriffen. Wahrhaft widrig aber ist das Gebahren derjenigen Laffen, die mit schamloser Zudringlicheit anständige Mädchen verfolgen. Die Galle steigt einem ins Blut, wenn man alle Augenblick in antisemitischen Zeitungen höhnend die Notiz verzeichnet findet, wie dieser oder jener Jude bei einer solchen Gelegenheit die verdiente Züchtigung erfahren. Es wird dem Juden nachgesagt, dass er bildungsbeflissen sei. Das ist im allgemeinen richtig, leider trifft es aber nicht immer zu. Von unserer Jugend, die wir zu einem Teil soeben gekennzeichnet haben, sicherlich nicht. Jene Kreise haben allerdings mehr gelernt als ihre Väter, wenn auch mancher von ihnen, der seine Zunge sehr flott zu gebrauchen weiss, vielleicht nur bis zur Quarta gekommen ist. Aber vielfach ist alles nur falscher Schein und äusserer Firniss, von wahrer Geistes- und Herzensbildung, von einem wahren Bestreben sich zu vervollkommenen, keine Spur. Der äussere Mensch schneidig, adrett, pikfein, im Kopfe aber nichts als Naseweisheit, Dünkel und Arroganz. Kein Bestreben seine Kenntnisse zu erweitern, das doch namentlich einem Kaufmann sehr wohl ansteht und höchst notwendig ist, wohl aber Sucht zu glänzen und zu prahlen, viel Gerede und nichts dahinter. Wirkliche Bildung ist nicht vorhanden, nur Scheinbildung und Flittertand, am Tage der Ladentisch und das Comptoir, am Abend die Kneipe, der Bummel, Tingeltangel und sonstige Genüsse. Unsere Väter wussten mit ihrem Vermögen zu haushalten, ohne darum zu darben und zu knausern, Unsere Jugend hat das verlernt, sie hat sich an extravagante Bedürfnisse gewöhnt und lebt nur für den heutigen Tag, ohne an die Zukunft zu denken. Kneipe und Skat sind an der Tagesordnung, und die holde Weiblichkeit. Ein Verhältnis gehört heute zum bon ton, so gut wie die flachen Schuhe aus Naturleder und der schneidig gezogene Scheitel. Wie viel Unglück und Verzweiflung diese Sucht sich möglieh frühzeitig an ein Weibsbild zu hängen, schon im Gefolge gehabt hat, ist gar nicht auszudenken. Wie mancher junge Mann hat sich dadurch schon zu Untreue und Unterschleifen verlocken lassen und sich und andere in Ruin und

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