Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3019627-3019628-3019662--699-3020173
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Oberhemden Reparatur Werkstatt! aiu Schonhaoserstr. 40 Halspriesen 20, Paar Handpriesen 25, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg. Neu&nfertig. z. billigst. Preisen. Abholung frei. derung, die er für das Judentum hegt, in diesem Gemälde in grossartiger Weise zum Ausdruck zu bringen. Die Yersinnlichung der einzelnen Charaktereigenschaften des Judentums, die Massigkeit mit den Vorzügen des Familienlebens, die Wohlthätigkeit und die Vaterlandsliebe hat Prof. Navarra durch harmonisch an einander gereihte Figuren mit Meisterhand durchgefuhrt. Um die Arbeit und die Zähigkeit scharen sich der Handel, die Industrie, die schönen Künste und die Wissenschaften. Allen voran schreitet die Tochter Israels, ausgerüstet mit den Vorzügen des Herzens und des Geistes, die sie aus dem Glauben geschöpft, ihrem ersehnten Ziele, nämlich dem Frieden und dem Fortschritt, der Wahrheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit entgegen. Das ganze Gemälde zeigt das grosse Können des Meisters, seine Gewandtheit in der Pinselführung und seine Begeisterung fiir das Judentum.“ — Der Eintritt zur Ausstellung und zur Besichtigung des Gemäldes ist vollkommen frei. Berlin. Herr Generalconsul Franz Philippson in Brüssel hat der ״Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums“ eine Spende im Betrage von 15000 Mark zur Begründung eines Pensionsfonds für die Dozenten der Anstalt überwiesen, und zwar in Erinnerung an den Mitbegründer der Hochschule, seinen unvergesslichen Vater Dr. Philippson. Mit aufrichtiger Genugthuung constatieren wir diese Mitteilung. Einmal um der Sache selbst willen, weil die Begründung eines Pensionsfonds für die Lehranstalt ein mehr als dringendes Bedürnis ist, sodann aber hauptsächlich um des guten Beispiels willen, Md weil wir die feste Zuversicht hegen, dass dieses Beispiel aneiferud auf unsere Grossen und Reichen wirken und der Lehranstalt die Teilnahme weiter Kreise zuwenden wird, deren sie bedarf, und die sie wahrlieh in hohem Grade verdient. Zu lange schon ist die Wissenschaft des Judentums seitens unserer Reichen ״ungeschätzt und ungeehrt“ geblieben; es ist hohe Zeit, dass man sich ihrer und ihrer Pfleger annehme. Denn die Folgen jener Vernachlässigung oder Missachtung haben sich in der traurigen Periode des Antisemitismus nur zu deutlieh gezeigt. Heute gilt, wie vor 50 Jahren, das Wort von Leopold Zunz: ״Die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben kann nur aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judentums hervorgehen.“ Mögen alle diejenigen, die in der Lage sind, diese Gleichstellung mit ihren Mitteln zu fördern, dies Wort des Altmeisters im Gedächtnis behalten. Koblenz. (Auszeichnung) Der Rabbiner unsrer Gemeinde, Herr Dr. Singer, hat vom Landeshauptmann namens des Provinzialverbandes der Rheinprovinz zu der am 31. d. M. stattfindenden Feier der Vollendung des Provinzialdenk־ mals für weiland Kaiser Wilhelm I. ein Einladung erhalten. Die Feier findet in Gegenwart unsres Kaiserpaares statt. Memel. Einen Aufruf zu Gunsten der aus Memel ausgewiesenen ausländischen Juden veröffentlichen die jüdisehen Blätter. Bis jetzt sind 24 Familien mit 112 Köpfen betroffen worden; alle Bemühungen bei den Provinzial- und Staatsbehörden, die Zurücknahme der Massregel zu erwirken, blieben erfolglos. Die jüdische Gemeinde in Memel, die znm grossen Teile aus nichtnaturalisierten Juden besteht, ist durch die Ausweisungen der letzten Jahre von 1300 auf 700 Seelen zurückgegangen. Memel. (Spende.) Die Baronin von Hirsch in Paris hat zum Fonds des hiesigen israelitischen Krankenhauses 40 000 Mark gespendet. Die Dame setzt die philanthropische Thätigkeit ihres verstorbenen Gatten fort und hat bereits einer sehr grossen Anzahl derartiger und ähnlicher Anstalten bedeutende Unterstützungen gewährt. In der russischen Stadt Metisslaw im Gouvernement Mohilew hat eine Feuersbrunst gegen 200 Häuser, eine Synagoge und sechs jüdische Gebetsschulen eingeäschert. — Der antisemitische Skandalprocess ist nach fünftägiger Dauer mit der Freisprechung der Angeklagten Schönerer» Wolf und Arnosche beendet worden. Der Kläger Vergani wurde in die Kosten verurteilt. lieber die Bedeutung dieses Urteils wird aus Wien folgendes geschrieben: ״Mit ihrem Wahrspruch haben die Volksrichter entschieden, dass der Wahrheitsbeweis von den Angeklagten für die von ihnen gegen den Kläger öffentlich erhobenen ehrenrührigen Beschuldigungen erbracht Worden seien. Dieses Ergebnis war aber schon im Laufe der Gerichtsverhandlung ziemlich allgemein vorausgesehen worden. Der Prozess brachte einige nicht uninteressante Zwischenfälle» die aber weit zurücktraten vor den verblüffenden Bildern, die er von der Wirtschaft in gewissen Gemeindevertretungen in Oesterreich entrollte. In der Jetztzeit und in der Nähe von Wien hätte man derlei für unmöglich halten mögen. Es wurde in diesem Prozesse sehr viel schmutzige Wäsche gewaschen, und man hat eine drastische Schilderung von den persönlichen Kämpfen im antisemitischen Lager. Nach der Verkündigung des Urteils erschollen im Zuhörerraum des Gesehworenensaales so stürmische Sympathiekundgebungen für die Freigesprochenen, dass der Präsident den Saal räumen liess. Vor dem Gerichtsgebäude waren Hunderte von Menschen angesammelt, von denen viele den Freigesprochenen das Geleit bis zu ihren Wohnungen gaben. Von den ursprünglichen Angeklagten wurden zwei, Tiro und Ohme, gleich im Anfang ausgeschieden und vor das Gericht in Krems verwiesen.“ Herr Vergani, der moralisch Verurteilte in diesem Prozesse, gehört bekanntlich zu der antisemitischen Gruppe der chrislich-Sozialen. — Eine Zeitungsnotiz wusste letzthin zu melden, dass kürzlich bei Ausgrabungen in Bosnien eine jüd. Chronik in Knittelversen gefunden worden sei, welche unter den Auspizien des österreich-ungarischen Reichsfinanzministers von Källay bearbeitet und dem neu zu gründenden Museum für jüdische Altertümer in Wien einverleibt werden solle. Die Notiz enthält, wie wir dem letzten wieder sehr reichhaltigen Heft der ״Zeitschrift für Bücherfreunde“ entnehmen, mehrfache Unrichtigkeiten. Das Manuskript, welches offenbar gemeint ist, eine sogenannte Haggadah, d. h. ein jüd. Lektionar mit Gesängen und Gebeten für das Passahfest, wurde nicht bei Ausgrabungen gefunden, sondern von dem bosnisch-herzegowinischen Landesmuseum in Serajewo von einer daselbst ansässigen alten spaniolischen Familie im Jahre 1894 erworben. Der Wert der Handschrift besteht in erster Linie in ihrem sehr reichen bildlichen Schmuck, welcher zusammengehalten mit dem hohen Alter des Manuskriptes (XIII. Jahrhundert) — illustrierte hebräische Codices aus dem Mittelalter gehören bekanntlich zu den grössten Seltenheiten — Veranlassung war, dass dem Manuskripte von fachmännischer Seite besondere Beachtung geschenkt und auf die Initative des Reichsfinanzministers von Källay von dem Custos im kunsthistorischen Hofmuseum in Wien Dr. Julius von Schlosser und dem Universitätsprofessor Dr. Dav. Heinr. Müller die vollständige Publikation der Handschrift in Angriff genommen wurde. Bemerkt sei schon jetzt, dass der in Rede stehende Codex keine Knittelverse enthält, und hier jedenfalls eine Verwechslung mit einer ähnlichen Handschrift des Germanischen Museums, die ebenso wie noch einige andere Manuskripte zur Vergleichung herangezogen wurde, vorliegt. Eine in den Codex ^erfindliche handschriftliche Notiz erweist als Heimatsland Spanien, wo ein jüdischer Miniaturist wohl gegen Ende des 13. Jahrhunderts an dem Kunstwerk gearbeitet hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.