Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1897)
- Date
- 1897-07-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Oberhemden Reparatur-Werkstatt, Alte scMmtr. 40 Halspriesen 20, Paar Handpriesen 25, Leinen-Einsatz m. Einsetzen 50 Pfg• IfenAnfertig. z. billigrat. Preisen. Abholung־ frei. Paris. Das Comite de Bienfaisance israelite veröffeptlicht seinen Jahresbericht, der eine ganz bedeutende Leistung dieses Institutes aufweist. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf nicht weniger als 469 854,85 Francs, mehr als 375 000 Mark, welche in dreierlei Weise verausgabt wurden. Erstens erhielten ca. 600 Arme regelmässige monatliche Unterstützung, zweitens ca. 1200 Personen wurden durch grössere einmalige Stipendien unterstützt, endlich in ca. 20 000 Fällen kleinere Beträge aus der Hand verabfolgt. Ausserdem wurden 49 470 Anweisungen auf Brot, 13 957 auf Fleisch, endlich 52134 auf Kolonialwaren verteilt, wozu im Winter noch 3500 Anweisungen auf Heizmaterial kommen. 2797 Personen erhielten Mietsunterstützung, 2072 Familien nebst 424 Einzelpersonen bekamen zu Pessach Mazzos. Kleidungsstücke wurden an 225 Personen verteilt, Medicamente an 2511. Mit besonderer Sorgfalt nimmt das Comite sieh der armen Kinder an, von denen in directer Pflege 80 Waisen und 457 andere Kinder stehen. Die Suppenküche verteilte 525 000 Portionen. Auch Arbeits- Vermittelung wird neuerdings eingerichtet und 588 Personen auf ihren Wunsch in ihre Heimat zurückgeschickt. Die Einnahmen überstiegen um 768,11 Francs die Ausgaben. Ein ungeheures Werk liegt dem Comite ob, aber es herrscht nur eine Stimme über die ausserordentlichen Leistungen desselben. Böcherschau. ״Kultur und Humanität*‘. Unter diesem Titel ist eine Schrift von Dr. Mehemed Effendi in der St&hel’schen Buchhandlung in Würzburg erschienen. Das Werk handelt von der ״Judenfrage“ und dem Antisemitismus nur gelegentlich — etwa an sechs Stellen, — enthält aber darüber mehr Treffendes als manches dickbändige Werk. — Ob der Yerfasser Türke ist, wissen wir nicht, er betrachtet jedenfalls die Dinge vom türkischen Standpunkt. Als solcher ist er zwischen Christen und Juden der unbeteiligte Dritte. Der Verfasser geht davon aus, dass die Humanität durchaus nicht so natürlich sei, wie man in der Presse lese. Die europäische Humanität bestehe thatsächlich auch nur auf dem Papier und sei einfach nicht vorhanden, wo starke Gegensätze, wie die der Rasse und Religion in Frage kämen. Als Beispiel führt Verfasser (S. 54—55) den Judenhass an und fährt dann fort: ״Es wird namentlich von jüd. Seite behauptet, diese Bewegung stehe im Widerspruch mit der Kultur und dem Geiste des 19. Jahrhunderts. Welch leuchtendes Beispiel echter Freiheit, hochgesinnter Duldsamkeit biete dagegen beispielsweise das grossherzige, hochkultivierte Nordamerika! Ich bin der gegenteiligen Ansicht. Die Judenhetzen, selbst in ihrer allerschlimmsten Form, passen ganz vortrefflich zu den Greueln der Europäer in Afrika, ZU den scheusslichen Massacres der Russen und Bulgaren gegen die Türken in den Jahren 1877/78 und zu vielen Atrocitäten christlicher und nichtchristlicher Völker. Nur die ganz unbegründete Einbildung, dass die europäischen Völker eine andere Natur (die der Humanität, Sanftmut, Milde, Liebe, Gerechtigkeit u. s. w.) besitzen als die übrige Menschheit, vermag den Judenhass als eine Ausnahme von der Regel, als einen gewissermassen unerklärlichen Rückfall in die Barbarei oder dergleichen hinzustellen. Und nun vollends ״das von echtem Geiste wahrer Duldsamkeit und Gerechtigkeit erfüllte Amerika! Wissen die Juden nicht, welche Greuel die Amerikaner, mögen sie auch die Juden im allgemeinen als Gleichberechtigte anerkennen, gegen die Indianer. Neger, Chinesen, verübten und noch verüben?“ In diesen Gedanken liegt viel Richtiges. Es ist nicht wahr, dass nur die Juden überall gehasst werden — der Religions- und Rassenhass ist vielmehr fast überall zu finden. Es geht der Verfasser etwas weit, wenn er aus dieser Anschauung heraus den Juden rät, ״von der Voraussetzung auszugehen, dass ihnen die christliche Bevölkerung nach Naturgesetzen von Anfang an bis zu einem gewissen Grade feindlich oder doch wenigstens unfreundlich gegenüberstehen muss. — Mit Anerkennung, Dankbarkeit, ja sogar Bewunderung werden sie dann der Thatsache sich bewusst werden, der sie andernfalls wegen ihrer vermeintlichen Selbstverständlichkeit gar keine Beachtung schenken. Wie viel hochherzige Gerechtigkeit, ja sogar wie viel Liebe wird uns von christlicher Seite in zahllosen Fällen entgegengebracht!“ Selbst für diese Auffassung lässt sich manches anführen. Sie ist sehr geeignet, bei den Juden dem bitteren Gefühl erlittenen Unrechts entgegenzuwirken, bei den Christen dem Gefühl der Selbstgefälligkeit, welches in hervorragendem Masse eine Triebfeder der Verfolgung ist und gewesen ist. — Von einzelnen Betrachtungen zur Judenfrage haben wir noch die folgenden als bedeutsam vermerkt: Nicht; ״die Person X, die zufällig Armenier ist, worauf es aber nicht ankommt, hat sich etwas zu Schulden kommen lassen, sondern der Jude, Armenier, Neger X, und wenn es mehrere sind, so wird daraus nur allzuleicht ein ״die Juden“, ״die Armenier“, ״die Neger“, so dass die Namen und Personen ganz in den Hintergrund treten.“ (S. 105.) ״In Deutschland, wo die übergrosse Sucht nach Gold eine schlechte Eigenschaft ist, bildet der erhöhte Erwerbssinn der Juden eine der markantesten Untugenden dieser Religionsgesellschaft.“ ״In Nordamerika dagegen, wo es zu den heiligsten Pflichten eines tugendhaften Staatsbürgers gehört, möglichst viel Geld zusammenzuscharren, entbehren die Neger dieser Tugend. Freilich kann dieselbe auch übertrieben oder falsch ausgeübt werden. Daher sind die Chinesen, welche allzu eifrig und zwar durch unermüdliche, billige Arbeit Geld zu erwerben suchen, teilweise kraft dieser Eigenschaff minderwertig und schlechter als die meisten Arnerikaner. Mit anderen Worten: Wer und was gut und schlecht ist, ist zum grossen Teil eine Machtfrage.“ (S. 110.) Leider eine sehr treffende Bemerkung! Bekannter ist, was Verfasser über das Vorwalten bestimmter Berufe bei bedrückten Völkern anführt: nachdem er diese Berufe (in welchen sich im Orient namentlich die Armenier auszeichnen) angegeben und bemerkt hat, dass auch ein Teil der in türkischer Sprache geschriebenen Zeitungen sich in armenischen Händen befindet, zieht er das Facit: ״In Konstantinopel und in Kairo sind diese Erwerbszweige zum unverhältnismässig grossen Teil in den Händen der Volks- und Religionsgenossen, welche die Schule der Unterdrückung durchgemacht haben“. — Ein bisher fast noch gar nicht berührtes Gebiet betritt der Verfasser, indem er die verschiedenen Schichtungen innerhalb der jüd. Bevölkerung hervorhebt: ״Die reichen gebildeten Juden, die naturgemäss einen grösseren Teil der Juden bilden als etwa die Reichen unter der übrigen Bevölkerung, gehören als Reiche und Gebildete den herrsehenden, als Juden den bedrückten Bevölkerungsschichten an, ein Verhältnis, das unzählige Complikationen in sich birgt, die einem sozialen Schriftsteller reichlich Stoff bieten können. Die Antisemiten benutzen dieses Verhältnis in geschickter Weise, indem sie sagen: die Juden beherrschen uns.“ (S. 141.) Es ist sehr richtig vom Verfasser, auf diesen Klassenunterschied hingewiesen zu haben. Er hat Z. B. dahin geführt, dass die jüd. Mitglieder des Polenklubs und manche jüdische Mitglieder der deutsch-liberalen Partei in Oesterreich den Interessen ihrer sozial gleich geschiehteten Parteigenossen die ihrer Glaubensgenossen opfern, und bilden deshalb einen der bedeutsamsten Punkte in den jetzigen Formen der Judenfrage. Man wird nach den mitgeteilten Proben zugeben, dass der Verfasser ein selbständiger Denker ist und wird sich seiner Ausführungen deshalb auch da freuen, wo man im Einzelnen nicht mit ihm übereinstimmt.