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Berliner Vereinsbote · 1897-07-09 · Heft 28 (9.7.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 28 (9.7.1897)
Date
1897-07-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Fleischhändler eingewandt, man könne nicht billiger verkaufen, weil einmal nur beste Qualitäten geliefert würden und dann, weil die durch die Aufsicht der Gemeinde erwachsenden höheren Geschäftsunkosten durch entsprechend höhere Verkaufspreise wieder eingebracht werden müssten. Was!zunächst den letzteren Punkt anbetrifft, so hat vor nicht allzu langer Zeit in der Sitzung der Repräsentanten- Versammlung Herr Alexander Breslauer, doch gewiss ein Mann, der von der Sache etwas versteht, mit seinem ganzen fachmännischen Wissen auseinandergesetzt, dass die genannten Kosten auf den Umfang des Geschäftsumsatzes verteilt, etwa auf 1/2 bis 1 Pfennig pro Pfund sich beliefen. Wohlgemerkt, das ist die Rechnung eines Sachverständigen, und ich glaube, daran ist nicht zu rühren, und der oben erwähnte erste Ein wand der Schlächter gegen die Verbilligung des Koscherfleisches wäre wohl als hinfällig erwiesen. Die Behauptung von dem Ring der Koscherfleischhändler mag ja, wenn man den Ansdruck allzu wörtlich nimmt, eine Legende sein, de facto ist ein solcher vorhanden, auch ohne dass bestimmte bindende Abmachungen vorliegen. Denn ein solcher ״Ring“ bildet sich naturgemäss ganz von selbst in diesem Falle, wo aus religiösen Gründen eine Reihe von Leuten ihren Fleischbedarf aus einigen ganz bestimmten Quellen decken müssen, bzw. wo die Verkäufer meinen, diese Leute müssen zu ihnen kommen. Was nun die angeblich gute bzw. beste Qualität des Fleisches anbelangt, so habe ich ans den Darlegungen des Herrn H. R. den Eindruck gewonnen, als habe er als Massstab für seine Behauptungen sein eigenes Geschäft zu Grunde gelegt, das allerdings einer sehr noblen Kundschaft, bei der der Preis Nebensache ist, sich zur erfreuen scheint. Wenn es sich bei dem kaufenden Publikum im allgemeinen nur um solche glücklichen :Menschen und solche prima Qualitäten handelte, würde wahrlich kein Grund vorhanden sein, sich aufzuregen. Aber jeder, der die Verhältnisse auch nur einigermassen kennt, wird mir zugestehen müssen, dass der allergrösste Teil des Publikums, das hier in Frage kommt, nicht gerade im Thiergartenviertel wohnt und bestes gemästetes Ochsenfleisch nur in den allerseltensten Fällen auf den Tisch zu bringen in der Lage ist. Für diese dem Mittelstände und den unteren Schichten der Bevölkerung Angehörigen sind die Preise, welche sie für Koscherfleisch zu bezahlen gezwungen sind, geradezu eine Kalamität, und es dürfte denselben sehr gelegen kommen, wenn das Anerbieten der Firma E. eine feste Gestalt gewinnen würde. Selbstverständlich müsste durch eine strenge und scharfe Beaufsichtigung seitens der Gemeindeorgane die denkbar grösste Garantie geschaffen werde, dass die Bezeichnung ״unter Aufsicht der Gemeinde“ kein leeres Wort bleibt. Wenn das der Fall ist, — und die Firma E. verkauft thatsächlich zu erheblich billigeren Preisen, — so müssen und werden die Anderen nachfolgen; thun sie das nicht, so wird das kaufende Publikum einfach über sie zur Tagesordnung übergehen. Das ist nun einmal das Wesen und die Wohlthat aller und jeder Konkurrenz, dass nur sie allein die Preise regelt. Das wird und muss eintreten, das sehen auch die Kollegen des Herrn H. R. ein und fürchten es, denn sonst würden sie schwerlich mit dem Anerbieten, das Herr H. R. erwähnt, an die Firma E. herangetreten sein. Was für persönliche bzw. geschäftliche Gründe Herrn E. zu seiner Offerte veranlasst haben, kann dem Käufer gleichgiltig sein; das ist ja selbstverständlich, dass es nicht um der schönen Augen der Juden oder Jüdinnen willen geschehen ist, sondern ganz einfach wegen der Aussicht auf ein gutes Geschäft. Bis jetzt konnten die Kollegen des Herrn H. R. mit gutem Grund den bekannten Coupletvers singen: ״Sehen Sie, das ist ein Geschäft, Das bringt noch was ein, Aber jeder kann es nicht, Es muss verstanden sein.“ Mögen die Herren. also Einkehr halten und dafür sorgen, dass nicht die Firma E. ihnen in Zukunft dies hübsche Verslein vorsingt, während sie selber in der Rolle des betrübten Lohgerbers mit dem Dichter eingen müssen: ״Ach, Ihr Brüder, es gab schönere Zeiten Als die heutiger), das ist nicht zu streiten.“ Thun sie das nicht, so haben sie sich selber die Zuchtrute auf den Nacken gebunden, und die ״wilden“ Koscherfleischhändler werden auch in Zukunft weiter florieren; können sie dann doch mit Recht von sich sagen: .,Seht, wir Wilden sind doch'.bessre Menschen.“ Und ״besser“ heisst in diesem Falle ״billiger“. Dem Urteil des Herrn H. R. über diese grade in Berlin so üppig gedeihende Sorte von Kosoherfleischhändlem stimme ich vollkommen zu, wenngleich ich nicht unterlassen will, noch einmal zu betonen, dass an diesem Uebel zum guten Teil die ״zahmen“ Herren Koscherfleischhändler selber schuld sind. Ob das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in diesem Falle eine Handhabe bietet, diese Geschäfte, an denen in den meisten Fällen nichts weiter koscher ist, als die Aufschrift, beim Wickel zu kriegen, insbesondere ob die Gemeindeverwaltung dazu die Berechtigung besitzt, kann ich nicht entscheiden, da ich nicht Jurist bin. Zu wünsehen ist es auf alle Fälle, vielleicht bietet gerade diese Anregung Gelegenheit, diese Frage des Weiteren sachgemäss zu prüfen. Es wäre jedoch den Herren, welche demselben Bereiche angehören, wie Herr H. R., anzuraten, einmal selber den Versuch zu machen, und einen Präcedenzfall auf diese Weise zu schaffen. Gelegenheit dazu haben sie hier in Hülle und Fülle, und mag die Ent- Scheidung dann ausfallen wie sie will, schon um des Prinzips willen, sollte diese Angelegenheit einmal angeschnitten werden. Zum Schlüsse möchte ich noch einmal denen, die es angeht, zurafen: ״Descite moniti“, lernt Euch in die Zeit schicken, denn Ihr seid gewarnt.“ Hochachtungsvoll B. 8. Aus der Gemeinde. Vor einiger Zeit ist einem grossen Teile unserer Gemeindemitglieder ein Schreiben in Form einer Umfrage zugegangen, deren Wortlaut wir nachstehend wiedergeben, ohne jedoch schon jetzt hierzu Stellung zu nehmen. Von dem Resultat dieser Umfrage ist bis jetzt noch nichts hekannt. Wir hoffen, unsern werten Lesern in Bälde einige Antworten mitteilen zu können, was gewiss von allgemeinem Interesse sein dürfte. Sollte aus der Mitte unserer Leser auch hierüber ein ״Meinungsaustausch“ gewünscht werden, so werden wir einem solchen gern Raum in unserm Blatte gewähren. ״An unsere Glaubensgenossen! Die Unterzeichneten wenden sich an ihre hiesigen Glaubensgenossen mit der Bitte, durch die Beantwortung der umstehenden Fragen zur Klarstellung einer für das Judentum wichtigen Angelegenheit beitragen zu helfen. Wir brauchen kaum darauf hinzuweisen, dass die religiösen Zustände und Verhältnisse, die innerhalb unserer Gemeinde herrschen, jeden wahren Freund des Judentums mit Besorgnis für die Zukunft erfüllen müssen. Es sind nicht leere Klagen, die wir hier verbringen, wir weisen auf Thatsachen hin, die nicht bestritten werden können. In allen Kreisen nimmt die Gleichgiltigkeit überhand, die Gotteshäuser werden zumeist nur an den drei hohen Festtagen besucht: der Sabbat wird nicht mehr geheiligt, weder im Hause-noch durch Teilnahme am Gottesdienst. Das sind Zustände, die wir aufs tiefste beklagen, denn wir sind überzeugt, dass viele Hunderte, ja Tausende unserer Glaubensgenossen das Bedürfnis empfinden, dem Gottesdienste beizuwohnen, und ihre Kinder in die Syna-

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