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Berliner Vereinsbote · 1897-06-04 · Heft 23 (4.6.1897) · page 1

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 23 (4.6.1897)
Date
1897-06-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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¥erein$b61e Bcrljner Postzeitungsliste 1012. für die jüdischen Vereine Berlins. Erscheint jeden Freitag. Bezugspreis Mk. 0,75 vierteljährlich, für auswärts 1,00 : Insertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Redaktion, Expedition n. Annonoen-Annahme: Berlin BO, Elisabethstr. 59 a. MM" Fernsprecher Amt 7, No. 4662. *^6 Nummer 23. Berlin, den 4. Juni 1897 Jahrgang. Unsere Frauen. E i n e Scbowuaus-Betrachtung, Von Dr. Groldschmidt. ״So sollst du sprechen zum Hause Jakobs“ — erscholl die Stimme vom Sinai herab an Moses, den Gottesmann, als das erste und bedeutsamste Glied in der Kette gött- Hoher Offenbarung, die 10״ Gebote“, geistiges Besitztum Israels und der Menschheit werden sollten. ״Zum Hause Jakobs“ — erklären unsere Alten — ״das sind die Frauen.“ Der Sinai ist die Höhe der göttlichen Offenbarung, und überall und immer, wo Göttliches offenbart wird, ist gleichsam eine Sinai-Höhe; alle Stätten, wo das Judentum seine Lehren offenbart und verkündet, sie sind heilige Sinai- Spitzen. ״Alles, was in irgend einer Zukunft die Propheten prophezeien, alles haben sie vom Sinai empfangen“ — meint R. Jizchak. Ist das überraschend? Nein! Wie überall, wo der Mensch Gott anbetet, ein Gotteshaus ist, so ist überall, wo das Wort Gottes verkündet, wo Göttliches geoffenbart wird, ein Sinai. Solche Sinai-Höhen sind unsere Kanzeln, unsere Lehrhäuser und Schulen, ja solche Sinai- Höhen sind, ihrer Bestimmung nach, die Schauplätze unseres Familienlebens: das Haus Jakob's. Ja, gerade und vorzugsweise das Haus ist eine solche Sinai-Höhe, von welcher aus jede folgende Offenbarung des Göttlichen erst ihren Ausgangspunkt nimmt und ermöglicht wird. Ist die Mit- Wirkung des Hauses höchst wünschenswert, so kann der Religionsunterricht der Schule der Grundlegung durch das Haus gar nicht entbehren. Dass das Judentum eine Religion des Hauses ist, das erhebt es um so viel mehr in den geläuterten Anschauungen unserer Zeit, als die Bedeutung des Hauses und der Familie für die Menschen im Laufe der Jahrhunderte immer mehr und immer höher anerkannt wurde. Das Judentum spricht zum Hause Jakobs: zu Gatte und Gattin, zu Vater und Mutter, zu Sohn und Tochter, zu Brüdern und Schwestern; das Judentum spricht zu ihnen, nicht als der Besucher der Tempel, sondern als Glieder einer Familie, eines Hauses, und am letzten Ende, was will das Judentum? Alle Söhne Israels und durch ihr Beispiel und ihre Vermittelung alle Menschen, sollen sich betrachten als Mitglieder Eines Hauses, als Anhänger Einer Familie, als Söhne Eines Vaters! Das ist der wesentlichste Inhalt des Judentums, dessen Verwirklichung das letzte und höchste Ziel der göttlichen Offenbarung ist: Gott ist unser Vater: wir seine Kinder; alle Menschen sind Brüder — und sollen sich wie Brüder zu einander verhalten. Die Menschheit soll eine einzige grosse Familie bilden. O Ihr Weisen unserer grossen Vergangenheit, wie tief, wie wahr habt Ihr diesen Geist des Judentums erfasst und beleuchtet mit dem Zusatze: ״Das Haus Jakobs — das sind die Frauen!“ Wer ist die Seele des Familienlebens? Etwa der Mann, der im Kampfe mit den Verhältnissen auf dem Markte des Lebens wohl für den Unterhalt sorgt, aber ein Gast in seinem eignen Hause ist? Oder nicht vielmehr die Frau, die im Hause ihre Welt erkennt: welche im Hause für’s Haus thätig ist; die im Hause ihre edelsten Freuden findet und für andere die edelsten Freuden anpfianzt und hegt?“ Das Haus Jakobs, das sind die Frauen-‘ — es ist das schönste Erbe der israelitischen Frauen von unserer ersten Stamm-Mutter Sarah, in der Pflege des häuslichen Lebens ihren Beruf zu erblicken, und das Judentum, die Religion des Hauses, an wen könnte es sich in erster Reihe wenden, als an seine Frauen? — Wo die Religion bloss eine ״Religion des Tempels“ sein will; wo sie bloss ״Gläubige“ und für einige Stunden in der Woche ״Andächtige“ erziehen will; wo sie in dem blossen Glauben die Quelle der Erlösung erblickt, wo die Erlösung durch fremde Kraft bewirkt, und nicht in einer göttlichen Gestaltung des Lebens, sondern in einer Art Selbstaufopferung des Göttlichen, ein nie verstandenes und nie verständliches Mysterium, gefunden wird: was bedarf es da der Mithilfe der Frauen? Da ist die Arbeit der Religion in den Händen der Priester, und es ist die Schwäche der Frauen, die Leichtgläubigkeit, nicht ihre Kraft, die sie in den Augen der Priester hochstellt. Anders im Judentums: nicht die Schwäche der Frauen, sondern ihre Stärke, wird für die Religion in Anspruch genommen: ihre Kraft wird für die Grundlegung der göttlichen Offenbarung in Thätigkeit gesetzt. ״So sollst du sprechen zum Hause Jakob's" — die Söhne Israels sollen ein Haus, eine Familie werden: wie wäre das möglieh ohne die Mitwirkung der Frauen? Die religiösen Gefühle können einzig und allein durch den Einfluss edler Frauen als Gattin und Mutter gepflegt, ja erzeugt werden. Die Gattin, was ist ihr grösster Ehrgeiz, ihre grösste Wonne? Der Mond zu sein, der von dem Gatten einzig und allein sein Licht empfängt! Und nun gar die Mutter! Sonnen, Sterne, Perlen und Blumen des Weltalls möchte ihre Liebe auf eine Schnur ziehen, um ihr Kind zu schmücken; ihr Herz möchte sie öffnen, um es in die Fluten der Liebe einzutauchen. Wer könnte seinen Nebenmenschen als Bruder lieben, wenn er nicht unter dem Einflüsse mütter-

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