Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1897)
- Date
- 1897-05-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berljncr Vereinzele jZenfraf־©n}arL . für die jüdischer! Vereine Berlins. Erscheint jeden Freitag. WM" Bezugspreis Kk. 0,76 vierteljährlich, für aufwärts 1,00 Bk. 'W Insertionspreis für die viergespaltane p«titxeile 90 Pt«. Redaktion, Expedition u. Annonoen-Annahme: Berlin HO., Eüsabethstr. 50 a. MM" Fernsprecher Amt 7, No. 4662. "WM .K- ' .,,;fiiiteiiiu J ו\;י־ Nummer 21. Berlin, den 21. Mal 1897 »1. Jahrgang. Die Verbilligung des Koscherfleisches. Von feinem unserer Leser erhalten wir folgende Zu- Schrift, die wir hier im Wortlaut wiedergeben: Sehr geehrter Herr Redakteur! Von den Pressorganen, welche speziell jüdischen Interessen dienen und eben so sachlich und unparteilich als warm und rückhaltslos für dieselben eintreten, ist der ״Berliner Vereinsbotea wegen des grossen Leserkreises, dessen er sich zu erfreuen hat, ganz besonders geeignet, in seinen Spalten einen Gegenstand zu besprechen, dessen grosse Bedeutung und immense Wichtigkeit für jedes jüdische Haus gewiss niemand unterschätzt. Es handelt sich um Beseitigung eines in seinen Folgen längst fühlbaren üebelstandes, um die Verbilligung des Koscherfleisches. Ueberzeugt, dass ich nach dieser Richtung hin der Dolmetsch von wohlberechtigten Meinungen und Wünschen bin, die ich in Privatzirkeln und in öffentlichen Diskussionen vielfach habe erörtern hören, und in der Erwägung, dass auch Sie, Herr Redakteur, diese Ueberzeugung mit mir teilen, bitte ich Sie um Aufnahme folgender Zeilen, Die bedenklichen, oft sehr erheblichen Preisdifferenzen des Koscherfleisches in den Geschäften unter Rabbinatsaufsicht und solchen ohne diese Kontrole, auf deren Firmenschildern aber das ominöse כשר allen denjenigen verlockend entgegen winkt, denen es keine grosse Ueberwindüng kostet, sich von dem allzustrengen Speiserituell zum Vorteil ihres Geldbeutels zu emanizipieren, stehen durchaus nicht im Verhältnis zu der belanglosen Steuer, welche die Gemeinde für die Beaufsichtigung erhebt. Wohl aber sind die hohen Fleischpreise nicht selten die Veranlassung, dass Haushaltungen, welche wirtschaftlich rechnen müssen, gleichwohl aber dieses grössten Ernährungsfaktors nicht entbehren mögen, zuletzt wenn — auch oft schweren Herzens — sich entschliessen, die Koscherfleischhandlungen, deren Wert in Bezug auf כשלת nur durch die bekannten drei Buchstaben am Schild repräsentiert wird, aufzusuchen und dort ihren Bedarf an Fleisch zu decken. Die Thatsache, dass die Fleischpreise nicht selten um den hohen Betrag von 25—30 Pfennigen pro Pfund gegen den üblichen Marktreis differieren, ist eine Erscheinung, die an sich und auch mit Rüchsicht auf diejenigen jüdischen Familien, zu deren religiösen Ueberzeugung auch ein streng koscherer Haushalt gehört, welchen zu erhalten, ihr innigster. Wunsch ist, es der Gemeindeverwaltung zur dringensten Pflicht macht, Reformen zur Beseitigung von Missständen eintreten zu lassen, welche die Ernährung der minder wohlhabenden jüdischen Familien unserer Gemeinde mit koscherem Haushalt so sehr beeinträchtigen und erschweren. Den Hebel der Reformen hier einzusetzen, ist die vornehmste Aufgabe aller derjenigen, die auf diesem Gebiete das entscheidenste Wort zu sprechen haben, und wenn sie sich dieser Aufgabe mit dem Ernst, dem Eifer und der Energie unterziehen, welche die Wichtigkeit dieses Gegenstandes erfordert, so werden sie nicht nur das Verdienst haben, einen langjährigen, die allgemeine Ernährung schwer schädigenden Uebelstand beseitigt und einen Missbrauch, der mit dem Worte כשר vielfach getrieben wird, ein für alle Mal abgeschafft zu haben, sondern auch jene Familien zu grossem Danke sich verpflichten, denen es um einen koscheren Haushalt noch heiliger Ernst ist, nicht minder aber auch den Dank derjenigen, die in dieser Beziehung weniger Skrupel haben, sich aber gleichwohl freuen würden, eine Schranke fallen zu sehen, die denn doch bisweilen als leichter Alp das Gewissen drückt. Nichtig und hinfällig ist es, wenn die Herren ״Koscherfleischhändler unter Aufsicht“ anführen, dass die erhöhten Fleischpreise durch das Schächtgeld, das sie zahlen müssen und durch die Kosten der Aufsicht und der sogenannten Entaderung bedingt seien; denn einmal erhalten sie vom Grosshändler das Schächtgeld zurückerstattet, und dann sind die Kosten für Transport und den Ausschnitt der nicht erlaubten Teile so minimal, dass sie die erheblichen Preisunterschiede zu rechtfertigen nicht im Stande sind. Das sind Zustände, denen entgegenzutreten eine dringende Notwendigkeit ist, und eine Remedur auf diesem Gebiete in dem in diesen Zeilen vertretenen Sinne ist möglieh, wie uns ein Vorgang lehrt, der nach dieser Richtung hin genau die Wege weist. Ein hiesiger Grossschlächter Namens E. hatte sich mit seinen jüd. Abnehmern, kleine Detailgeschäfte, Überwerfen. Zwei Jahre fast dauerte dieser Zustand gegenseitiger Abneigung. Die Mitglieder derKoscherfleischcommission der jüd. Gemeinde, welche seit Jahren bemüht ist, Wandel zu schaffen, fanden einen Ausweg in der freien leistungsfähigen und Würdigen Ooncurrenz der Firma des E, wobei dieser erklärte, dass es ihm wohl möglich sei, das Fleisch zu erheblich billigeren Preisen als die andern unter Rabbinatsaufsicht stehenden Fleischhändlungen abzugeben. Kaum aber hatten die interessierten Koscherfleischhändler von dieser Thatsache Wind bekommen, als sie schnell herbeieilten, mit E. Frieden schlossen und ihn bewogen, sein Gesuch, unter Rabbinats-Controls gestellt zu werden, das er bereits eingereicht hatte, wieder