Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1897)
- Date
- 1897-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Besonders begabte Zöglinge können eine höhere wissenschaftliche oder künstlerische Ausbildung erhalten. Die Mädchen widmen sich, nachdem sie das Waisenhaus verlassen haben, meist häuslichen Diensten; andere werden Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen oder Kinderpflegerinnen, Buchhalterinnen oder Verkäuferinnen. Die Zöglinge verlassen die Anstalt mit dem 15. oder 16. Jahre, bleiben aber mit ihrer Erziehungsstätte in enger Verbindung und beziehen, wenigstens sofern sie ein Handwerk ergreifen, während ihrer Lehrzeit eine Unterstützung aus den Privatmitteln des Waisenhauses. Durch desondere Fonds, die allmählieh durch Stiftungen einzelner Wohlthäter begründet worden, ist die Anstalt auch sonst in derLage, die früheren Zöglinge in ihrem Fortkommen zu unterstützen. Die Verwaltung des Waisenhauses wird von einem aus sieben Mitgliedem bestehenden Kuratorium geführt, dem eine Anzahl von Ehrendamen beigeordnet ist und in dem ein Vorstandsmitglied der jüdischen G-emeinde den Vorsitz hat. Die Ehrendamen des Waisenhauses sind; Frau merzienrätin Julie Gerson, Moritz und Sara Reichenheim. Mathilde Berend. Frau Kom- Frau Anna Meyer - Gerson, Frau Anna Ginsberg, Frau Hedwig Lachmann, Frau Emil Messe, Frau Margarethe Rosenheim, Frau Kommerzienrat Louise Speyer, Frau Stadtrat Mathilde Wolff. Das Kuratorium bilden folgende Mitglieder: Herr Louis M. Bamberger als Vorsitzender, Herr Rudolf Messe als stellvertretender Vorsitzender, Herr Geh. Sanitätsrat Dr. Julius Boas als Protokollführer, Herr Ernst Meyer als Kontroleur der Kasse und Verwalter der Sparkasse. Herr Julius Rosenheim als Verwalter des Nebenfonds, Herr James Simon als Stellvertreter des Kassenkontroleurs, Herr Professor Dr. Louis Lewiu. Die specielle Leitung der Anstalt in allen Zweigen ist Sache des Directors. In den erziehlichen Aufgaben wurde der Direktor anfangs von einem Erzieher und einer Erzieherin unterstützt. Seitdem die Zahl der Zöglinge auf durehschnittlieh 75 (gewöhnlich 45 Knaben und 30 Mädchen) erhöht wurde, ist neben der Erzieherin eine Handarbeitslehrerin und für die Knabenabteilung ein zweiter Erzieher angestellt. Mehr als 200 männliche und weibliche Zöglinge haben bisher die Wohlthaten dieser Anstalt genossen und sind nach beendeter Erziehung und Lehrzeit in die Lage gesetzt, sich selbständig zu ernähren. Die meisten von ihnen sind Handwerker geworden, einige haben den kaufmännischen Beruf ergriffen, andere studiert. Viele der ehemaligen Zogiingp haben es bereits zu einer geachteten Stellung und Direktor Dr. Jutrosinski. einigem Wohlstände gebracht. Von den 83 weiblichen Zöglingen, welche bisher von dem Waisenhause entlassen worden sind, sind 20 verheiratet, die übrigen sind zum grössten Teile Buchhalterinnen und Verkäuferinnen, einige Lehrerinnen. Um die Wirksamkeit und Verdienste des Dr. Jutrosinski um diese Anstalt voll ZU Würdigen, muss man bedenken, welche Schwierigkeiten bei der neu zu schaffenden Organisafcion zu überwinden waren. Und es bedurfte neben Umsicht und sicherem Takt vor allem hingehender Liebe und Freudigkeit, von der der Direktor bis auf den heutigen Tag beseelt ist. Der grosse Aufschwung, den die Anstalt genommen, und der sie als eine Zierde der Gemeinde, ja Berlins ersehe!- neu lässt, ist anerkanntermassen der verdienstvollen Thätigkeit des Herrn Dr. Jutrosinski zu danken, der die Anstalt zu einem grossen Familienhause gestaltet, dessen Glieder wie die Kinder einer Familie einander lieben und die innigsten Beziehungen zu dem Familienoberhaupt, dem Direktor unterhalten. Seit dem Tode der Frau Dr. Jutrosinski liegt die Leitung der wirtschaftlichen Obliegenheiten in den hewährten Händen einer Verwandten des Herrn Direktors, Fräulein Hamburger. Von der Anhänglichkeit der entlassenen Zöglinge an die Anstalt, in der sie ihre Erziehung und erste Ausbildung erhalten haben, zeugt wohl am besten der Umstand, dass sie, auch wenn sie älter geworden sind, noch sehr häufig das Waisenhaus besuchen, um dem Direktor ihre Hoffnungen und Sorgen, ihre Erfolge und Leiden vorzutragen. Hat doch Herr Dr. Jutrosinski stets ein offenes Ohr für seine ehemaligen Zöglinge, denen er zusammen mit seiner leider allzu früh verstorbenen Gattin, einer von allen verehrten und geschätzten Frau, von Anfang an seine Kräfte und sein Wissen gewidmet hat. Es möge hier erwähnt werden, wie dem Stifter des Waisenhauses, Herrn Moritz Reichenheim, die Persönlichkeit des Herrn Dr. Jutrosinski bekannt wurde. Es geschah dies aus Anlass einer Debatte im preussischen Abgeordnetenhause in den sechsziger Jahreu, in welcher der Minister von Bethmann- Hollweg wegen der N ichtbestätigung des damaligen Gymnasiallehrers Dr. Jutrosinski in Posen heftig angegriffen wurde, und an der auch der Abgeordnete Leonor Reichenheim, ein Bruder des Stifters sich beteiligt hatte. So möge denn diese Anstalt ferner blühen und gedeihen als ein Denkmal echten jüdischen Wohlthätigkeitssinnes! Möge es ihr auch vergönnt sein, sich der umsichtigen und liebevollen Leitung ihres Direktors Dr. Jutrosinski noch lange zu erfreuen! Der bereits im Jahre 1890 gegründete Humanitäts- Verein ״Linath hazßdek“, welcher seit dieser Zeit innerhalb der ihm gesteckten Grenzen bisher schon vielen von Segen sein konnte, indem er den Mitgliedern für den geringen Beitrag von 1 Mark monatlich in Erkrankungsfällen freien Arzt und Arzenei auch für ihre Familienmitglieder gewährt, ausserdem in Sterbefällen durch materielle Unterstützung die Hinterbliebenen unterstützt und ihnen den nach den Satzungen unserer Religion vorgeschriebenen Trost bietet, veranstaltet zum Zweck der Stärkung seines Reservefonds, wie zur Begründung einer Witwenkasse am Donnerstag, den 20. d. M. ein im grossen Stile angelegtes Sommerfest im Etablissement der Brauerei Friedrichshain. Das Fest- Comite, dem sich zu diesem Zweck viele klangvolle Namen zur Verfügung stellten, hat soeben einen warmen Aufruf an die Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde erlassen, indem sie, im Interesse der guten Sache um zahlreichen Besuch dieses Sommerfestes bittet, welches gegen das