Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ich selbst habe auf Anregung meines Lehrers Herrn RabbinerDr.Cohn jenen Dichtungen meine Aufmerksamkeit zugewandt, aber ich habe mit Freude und Begeisterung an der Poesie gehangen, die wie ein Korb voll köstlicher Blumen und Blüten im reichsten Schmuck uns entgegenduftet, die von einer Tiefe der Empfindung zeugt, wie sie keine andere Litteratur aufzuweisen hat. Ich stehe nicht an zu behaupten, dass wir es hier mit dem Herrlichsten und Schönsten zu thun haben, was unsere Lyrik überhaupt besitzt. Nirgend ist der Glaube an die bestehende sittliche Weltordnung, der Gedanke an die ausgleichende Gerechtigkeit des Schöpfers, das Heil und die Kraft des lautern Sinnes gegenüber der Uebelthat mit grösserer Ueberzeugung. mit beredteren Tönen gepredigt worden, als in den Psalmen des Königs David, nirgend die wilde Leidenschaft und verzehrende Glut der Liebe, ihr poetischer Zauber und Allmacht ergreifender geschildert, als in dem hohen Lied Salomonis. Und mit welch’ rührenden Worten, welchem Gram und Leid singt Jeremia seine Klagen, tiefgebeugt und schmerzbewegt auf den Trümmern der heiligen Stadt. Die hebräische Sprache ist geradezu prädestiniert, eine poetische zu sein und genannt zu werden״ sie besitzt eine Fülle von Ausdrücken für denselben Begriff, sie ist kurz, prägnant und dabei so vielsagend, und' verfügt über einen Bilderreichtum wie keine andere. Dabei verzichtet diese Poesie ganz auf die äusseren Mittel, mit der die modernen Sprachen arbeiten. Stab- und Endreime sind ihr un-! bekannt, von einer Metrik kann man nicht gut sprechen, sie kennt nur den Parallelismus membrorum, jenen ryth־ mischen und inhaltlichen Gleichklang der Versglieder, bald dasselbe sagend, bald das Gegenteil hervorkehrend, der äusserlich durch seinen Rythmus eine herrliche Tonsprache erzeugt und inhaltlich eine reiche poetische Fülle erscheinen lässt. Darum hinweg mit jener beschämenden Unkenntnis, die eine klaffende Lücke in unserem Wissen bedeutet. Jene Poesien sollen in das Haus eines jeden Juden ihren Einzug halten, sie sollen gehegt und gepflegt werden und sie werden nicht nur einen Augenblick der Unterhaltung bilden, sondern fördernd und belehrend einwirken und uns manchen Fingerzeig geben, auch für das Heute. Namentlich aber muss die Schule eine Pflanzstätte bilden für die Verbreitung und Förderung der Kenntnis der biblischen Litteratur. Die reife Jugend in den Mädchenschulen und an den Gymnasien muss in die Lektüre jener Poesie eingeführt werden, sie muss auf ihre Schönheiten aufmerksam gemacht und ihr Liebe und Freude eingeflösst werden. Wie heut der Gymnasiast durch das Studium der alten Klassiker ein anschauliches Bild von antiker Kultur und ihren Einfluss auf die Schule erhalten soll, so sollte auch durch die Lektüre jener Dichtungen der poetische Geist unseres Volkes, seine herrliche Sprache, sein Reichtum an sittlicher Bildung uns vor Augen gebracht werden, und dies sei Gegenstand des Religionsunterrichtes. Neben dem Entwicklungs- und Bildungsgänge unseres Volkes, muss dann auf das Alte und Grundlegende zurückgegriffen werden und der Gedanke, dass unser Volk solch herrliche Werke hervorgebracht hat, darf nicht in den Hintergrund treten. Und ist nun auf der Schule eifi Fundament gegründet, ist Liebe und Neigung zu jener Poesie geweckt worden, dann wird auch der ins Leben tretende Jüngling jene Einflüsse bethätigen. Vereine, Gesellschaften und Verbindüngen werden es sich zur Aufgabe machen, diese Lektüre zu fördern, sie werden durch Vorträge und andere bildende Thätigkeiten das Verständnis erhöhen und werden dann zu der Ueberzeugung kommen, dass die Kenntnis dieser Dichtungen notwendig, dass es Pflicht eines jeden Juden ist, das dichterische Empfinden unserer Vorfahren zu gemessen, ihre herrliche Sprache kennen zu lernen, in die sie einst ihre Gedanken gekleidet haben. Joseph Wachsner, stud. jur. Infolge plötzlich eingetretener Störung im Betrieb musste das ״Famüienblatt“ zuraekgestellt werden. Oer heutigen Nummer liegt Ne. 2 der Zeitschrift ״Heisstrocken-Luft“ hei, auf die mir hiermit verweisen.