Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1897)
- Date
- 1897-03-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3019627-3019628-3019638--478-3019928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ייייי־־ Berliner Verein$b6fe *cf ^Zentraf-Örgür^ für die jüdischen Vereine ßerlins. Erscheint jeden Freitag. Bezugspreis Mk. 0,75 viertel^ährlioli, für auswärts 1,00 Mk. “BB Insertionspreis für die tfiergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Redaktion, Expedition und Annoncen-Annahme: Berlin BO., Kaiserstrasse 39/40. Postzeltungs-Liste 1012. [זןי״1״״ 1 "ייזוד™ iA'm Nummer 10. Berlin, den 5. März 1897 III. Jahrgang. Sociale Streiflichter. b) Was ist zu thunV (Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.) Die Produktion des Herrn von Plötz vor seinem Auditorium im Cirkus am Tage hat wenigstens derjenigen am Abend keinen Abbruch gethan, und der Vorzug der Menschen vor dem Vieh ist keiner, sagt Salomo im Buche der Prediger. Applaus und Händeklatschen wechselten hier wie dort mit anderen Beifallsbezeugungen ab, für ausserordentliche Leistungen der Menschen- und Pferdedressur, und wer mag sagen, ob die erstem in der Produktion ihrer speziellen Kraftleistungen, begünstigt von der Strömung der gegenwärtigen Zeit für den pekuniären Erfolg des Herrn Busch nicht eine grössere Attraktionskraft besässe als alle salto mortales der geübtesten Akrobaten und die besten Zugstücke der hohem Reitkunst. Fürwahr eine Perspektive, die von betreffenden Interessenten wert wäre, in Erwägung gezogen zu werden. Aber auch Freiherr v. Langen fehlte nicht auf dem Plane. Mit seinem Auftreten und den Ausführungen seiner Rede bereitete er seinen Freunden und Parteilern anfangs eine Ueberraschung, welche sie ihres paradoxen Gepräges wegen fast stutzig machte. Er sei kein Antisemit, weil er keinem solchen Vereine als Mitglied angehöre, aber jeder anständige Mensch müsse Antisemit sein, so meinte er und mit dieser possierliehen Doktrin von Anstand und Sitte zeichnete er seine Stellung innerhalb seiner Partei und empfahl sie zur Nachahmung, ohue freilich zu wissen, dass diese Auffassung socialer Politik seit alten Zeiten praktisch war und ist bei allen denen, die in dem Drange ihres antisemitischen Herzens aus Zweckmässigkeitsgründen sich eine Reserve auferlegen und sogar Entrüstung heucheln, wenn von den Ausschreitungen des antisemitischen Pöbels gelegentlich die Rede ist, im Verborgenen aber mit aller Kraft und mit allem Eifer, dessen ein antisemitisch Herz nur fähig ist, sich am Werke bethätigen und geschäftig dazu beitragen, diese Frage lebendig zu erhalten. Ihr Hunderttausende aber und Millionen, ihr Fürsten auf dem Throne und ihr Menschen alle, die ihr Euch bis jetzt noch nicht zu dem Freiherrlich Langen’schen Standpunkt socialer Ethik habt durchringen können, gehet hin, Bedauernswerte und lernet von diesem Arier Anstand, Bitte und Moral, werdet seinesgleichen, würdige Genossen eines Ahlwardt, Stöcker und aller derer, die ihrem Heeresbanne folgen. Noch ist Wmf bei dem über- /»wiegend grössten Teile unserer Mitbürger der Antisemitismus nicht der Gradmesser für Kultur und gute Sitte, noch bekehrt sich die Mehrzahl zu dem Verdikt jenes edlen Fürsten, der ihn als eine Schmach und Schande des Jahrhunderts öffentlich brandmarkte, und noch stehen Männer mit klangvollen Namen im Dienste der Humanität, für welche im Sinne jenes edlen Dulders zu wirken, sie ihre Kraft, ihren Einfluss, ihren Ruhm und ihre glänzende Lebens- Stellung einsetzen, unentwegt und unbekümmert um das Gekläff der beutelüsternen Meute, aber eben so wenig lässt es sich leider leugnen, dass der Antisemitismus, diese Pestbeule der Jahrhundertsneige, welche insceniert zu haben dem diplomatischen Genie Bismarcks Vorbehalten blieb, in progressiver Entwicklung sich ausbreitet uncl in immer weitere Kreise inficierend dringt, nicht nur nach unten hin, sondern auch in jene Schichten der höheren Gesellschaftskreise, die uns dies mit demonstrativer Deutlichkeit, ohne jede Scheu und ohne jeden Skrupel erblicken lassen. Das offenkundige Bestreben seitens der obersten Organe der Regierung, sich über die Heiligkeit der Verfassung hinweg durch Verfügungen und Erlasse die aus gewährleisteten Rechte illusorisch zu machen, zeigt diese Verwaltungspraxis in einer so unverblümten Animosität, dass wir bezüglich dessen, was noch im Schooss der Zeiten liegt, nicht länger mehr im Zweifel zu sein brauchen. Wir bedauern auf das Tiefste, durch solche Anomalien wider Willen auf einen Standpunkt uns hingedrängt zu sehen, der mit der Loyalität unseres innersten Empfindens in diametralem Widerspruche steht, aber klar die Wege zeigt, welche zu wandeln uns die Notwehr gebietet. Sie lässt uns, vor die Alternative gestellt, in kommenden Stichwahlen zwischen Conservativen and Socialdemokraten keinen Augenblick darüber im Zweifel, wohin wir den Schwerpunkt der Ent- Scheidung zu legen haben, sie zwingt uns für solche Fälle den Anschluss an jene Partei auf, deren Tendenzen wir bekämpfen, mit der uns aber das Schicksal gemeinsamer Verfolgung naturgemäss verbindet. Die Angriffe auf das Judentum als Race und religiöse Gemeinschaft seitens der vornehmen Gesellschaft des höheren Beamtentums sind unzweideutige Zugeständnisse der antisemitischen Hetze gegenüber und der fast fanatische Eifer, durch entsprechende Erlasse einstweilen noch im sogenannten Verwaltungswege uns zu politisch Enterbten zu machen, sollten uns endlich zu kräftiger Initiative der That aufrütteln und uns eindringlieh mahnen, mit allen erlaubten Mitteln anzukämpfen und mit der Kraft der Verzweiflung uns zur Wehr zu setzen. Wer Augen hat und sehen und Ohren hat und hören-kann, der wird die symptomatische Bedeutung der Erlasse und