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Berliner Vereinsbote · 1897-02-12 · Heft 7 (12.2.1897) · page 5

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 7 (12.2.1897)
Date
1897-02-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Oft war ich demselben spät abends begegnet, wie er sein schweres Packet auf dem Rücken, unbekümmert der vielen Schimpfworte, die ihm folgten, seinem mühsamen Geschäfte des Hausierens nachging. Erstaunt, ihn heute schon so zeitig und so gut gekleidet seinem Heim zuschreiten zu sehen, folgte ich ihm und blickte durch das niedrige Fenster. Ich sah eine ärmliche, aber saubere Stube, zwei Lichte brannten auf dem scimeeweiss gedeckten Tisch und um denselben sassen eine alte und eine junge Frau, ein noch junger Mann und drei Kinder. Als der Alte die Stube betrat, hegriissten ihn jubelnd seine Kinder und Enkel und sieh, wie durch eine Zauberhand war aller Gram, alle Müdigieit aus seinem Antlitz gewichen, und glücklich lachend, hob er den jüngsten zu sich empor; dann legte er, wie segnend, seine Hände auf die Häupter seiner Lieben, setzte sich an den Tisch und begann aus einem Buche laut zu lesen. Nun wusste ich auch, warum der Alte so zeitig sein Heim aufgesucht hatte; heut war ja Sabbat. Es sprach ein so tiefer Friede, ein so inniges, trauliches Familienleben aus allem, was ich gesehen hatte, dass ich den armen Alten, seines Glaubens wegen so oft verhöhnten Hausierer beneidete. — Und weiter flog ich. In einer baufälligen Hütte, am Waldesrand, lag auf einem ärmlichen Lager eine alte Frau im Todeskampfe, vor ihr kniete ein junger Mann, weinend das Haupt in beide Hände vergrabend. Plötzlich machte das Weib eine Bewegung, noch einmal öffnete sie die Augen, ein letzter liebender Blick trifft den Sohn, ein seliges Lächeln umschwebt den Mund; sie sinkt zurück, sie hat ausgelitten, und bei diesem letzten seligen Lächeln, das ihn zu segnen scheint, huscht auch ein solches über die Züge des Sohnes“. Damit schloss die Seele ihre Erzählung. Tiebewegt hat ihr der liebe Gott zugehört, und mit einem Lächeln streckte er seine Hände Segen spendend über die grüne Erde. H. Fried.

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