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Berliner Vereinsbote · 1897-01-22 · Heft 4 (22.1.1897) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Da er nun auch bei der Gefangenen auf unerschütterlichen Mut gestossen und nicht recht absah, wie er zu seinem Ziele kommen könne, so kostete es ihm kein langes Bedenken; nach einer Viertelstunde schon begab er sich zum Obristlieutenant, erklärte ihm mit dürren Worten, dass er seinem Verlangen Folge leisten wolle, indem er auf das Ehrenwort des Officiers rechne, dass alle Weiterungen für ihn unterblieben, und stellte ihm sogar seinen Wagen zu Gebote, um das Mädchen aus dem alten Schlosse abzuholen. Der Obristlieutenant nickte nur mit dem Kopfe und fügte hinzu: ״Trotz dem Drange der Geschäfte will ich dennoch das Mädchen selbst abholen, damit ihr nicht in irgend einer Weise wieder eine Schlinge gelegt werde. Stellen Sie mir aber auch einen Ihrer Diener, der den Daniel hierher berufe, damit er mich zu seiner Braut begleite.“ So geschah es; Daniel erschien durch den Diener des Grafen selbst berufen, an dem Orte, von welchem ihm sein Jugendgespiele mit der Drohung, ihn auszupeitschen, verwiesen hätte. Er bestieg mit dem Obristlieutenant die gräfliche Karosse, um zu Rosa zu eilen. Daniel, an der Seite seines Beschützers, wurde während der Fahrt bald schweigsam. So sehr ihn der Bericht über die Verhandlungen mit dem Grafen und deren schnellen glücklichen Musgang, welchen er freilich nur der Energie des Obristlieutenants und seinen geschickten Massregeln verdankte, aufgeregt und mit Freude erfüllt hatte, so drangen doch bald schwere Bangnisse in sein Herz ein: wie wirst du das geliebte Mädchen finden? was wird sie erfahren und gelitten haben? wie weit werden es die List und die Gewalttätigkeiten des Grafen über sie vermocht haben? so sehr er auch sich den Mut und die Kraft Rosa's in die Erinnerung rief, so oft er auch daran dachte, dass nach Gottes gnädiger Fügung die Prüfungszeit doch nur eine kurze gewesen — so schnitt es ihm doch immer wieder wie Messerstiche ins Herz, wenn er die wehrlose Jungfrau in der Gewalt des rohen Bösewichts, im verfallenen Schlosse, fern von. aller menschlichen Hilfe dachte. Sein Begleiter schien ihn zu verstehen, und ehrte sein Stillschweigen. Der Weg führte durch dichte Föhren wälder; man nahte sich den ersten Höhenzügen des Gebirges, als man, um den Hügel wendend, in ein romantisches Thal einbog, in dessen Hintergrund das schön gelegene Schloss, ein weitläufiges, aber zum grossen Teile zur Ruine gewordenes Gebäude, das von allen Seiten mit den Spuren ehemaliger Befestigungswerke umgeben war, erblickt wurde. Höher schlug dem jungen Manne das Herz, ein kalter Schweisa trat ihm auf die bleiche Stirn, seine Hände zitterten fast, Der Wagen hielt vor dem Portale. Der Obristlieutenant rief seinen Schützling die Worte zu: ״Seien Sie ruhig, es wird schon Alles gut sein!u und sie sprangen aus der Kutsche. (Schluss folgt:)

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