Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Bösewicht hat mir ein Pulver eingehändigt, das ich in Dein Essen streuen sollte. Wahrscheinlich um unbezwingbaren Schlaf über Dich zu bringen. Er stand selbst dabei, wie ich es hineinmengte, obgleich ich ihm sagte, dass es ihm nichts helfen werde, da Du noch bis jetzt keinerlei Speisen angerührt hättest. Er hohnlächelte, indem er meinte: dann würdest Du nunmehr gerade vor Hunger davon essen. Sieh also nun zu, wie Du Dich wahrest.“ Damit verliess sie Rosa, da sie nicht länger verweilen durfte, um keinen Verdacht zu erregen. Rosa fasste ihren Entschluss. Noch stärker als die Nacht vorher verrammelte sie die Thüre, häufte, was sich irgend bewegen liess, vor derselben aufeinander, so dass es bei der geringsten Berührung ein grosses Gepolter geben musste; das Licht liess sie brennen, und dass sie kein Auge zuthun werde, dafür bürgte ihr die Angst ihres Herzens. Freilich sagte sie sich, dass es ihr unmöglich sein werde, diese Dinge lange Zeit durchzuführen — und eine unsägliche Verzagtheit wollte sich bei diesem Gedanken ihrer bemächtigen. Dann aber erhob sich in ihrer Seele wieder die Stimme der Zuversicht; denn dass auch ihre Freunde draussen nicht ganz stille bleiben würden, glaubte sie voraussetzen zu können, und das würde dann Gott gnädiglich zu ihrer Rettung fügen. Hätte sie freilich gewusst, dass ihr Daniel wieder der Heimat ganz nahe wäre, dann würde ihr Herz noch mutiger gehofft haben. Stunden der Bangigkeit schlichen abermals vorüber; aber Rosa war völlig gefasst, und nur dieser Mangel an aller Beschäftigung war für sie, das emsige, schaffende Mädchen, eine unendlich drückende Last. Um Mitternacht verriet das Knistern der durch die Länge der Zeit geworfeuen Dielen auf dem Corridore das leise Nahen eines schleichenden Schrittes, und eben so leise suchte eine Hand den Schlüssel umzudrehen. Rosa wusste, dass der Versucher abermals nahe. Sofort erhob sie ihre Stimme, um jenen zu bedeuten, dass sein schändliches Mittel nicht gelungen sei. ״Wer ist da? Wer will hier herein?“ rief sie. Der Graf sah sich verraten und öffnete die Thüre. Aber vor dem Bollwerke, das sich ihm hier entgegenstellte, und von dem die obersten Geräte schon begannen, sich zum Sturze hin und her zu neigen, so dass sie ihn selbst leicht treffen konnten, fuhr er erschrocken zurück. Rosa aber nahm das Licht vom Tische und trat heran. ״Herr Graf,“ hob sie an, ״werden Sie noch nicht müde, diese nutzlosen Versuche zu erneuern? Werden Sie denn gar nicht gewahr, welche unwürdige Rolle Sie spielen? Ist das ein Graf von Battersdorf, der ein armes, schuldloses Mädchen so verfolgt, nur um sie zu verderben? Gehen Sie, denn, so wahr ein Gott im Himmel lebt! legen Sie Hand an diese Möbel, die Ihnen den Weg verstellen, so zünde ich Ihnen Ihr Schloss über dem Kopfe an!“ Der Graf sah mit starren Blicken auf die hochaufgerichtete Mädchengestalt, und ihr flammendes Auge und ihre geröteten Züge sagten ihm, dass hier ein unerschütterlieber Entschluss gefasst sei. Er legte sich daher auf’s Bitten, er wandte alle möglichen Schmeicheleien und Versprechen an, um sie sich günstig zu stimmen. Aber alles vergebens; ihre Lippen kräuselten sich nur zum bittem Hohn, sie schüttelte den Kopf mit dem Ausdrucke der Verachtung und antwortete mit Geb erden des Unmutes. Da also auch dieses nichts fruchtete, begann er zu schimpfen und zu drohen, kündigte er ihr an, dass er sie durch Hunger und Einsamkeit schon dahin bringen wolle, dass sie flehend zu seinen Füssen fallen werde, und verliess zähneknirschend den Gang. Bald darauf hörte Rosa auch die Hufschläge eines Rosses, das durch die Nacht davon stürmte. Glücklicherweise hatte der Graf versäumt, die Thür wieder zu schliessen, und Rosa, nachdem sie das Gerümpel bei Seite geschafft, zog den Schlüssel heraus und verschloss die Thür von innen. Sie löschto das Licht und legte sich beruhigt und voll Dankes gegen Gott auf das Bett. Wir überlassen sie jetzt für den folgenden Tag ihrer Einsamkeit, die ihr jedoch durch die Gesellschaft der alten Frau, die immer zugethaner ward, gemildert wurde. — (Fortsetzung folgt.)