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Berliner Vereinsbote · 1897-01-15 · Heft 3 (15.1.1897) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 3 (15.1.1897)
Date
1897-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ungestüm wurde die Thür geöffnet, und herein stürzte Graf Roderich, während Rosa von dem Stuhle aufsprang, auf welchem sie die letzten Stunden immer mit ihren Gedanken allein verbracht hatte. Der "Wüstling glaubte wohl, dass das junge Mädchen durch die lange Einsamkeit mürbe geworden; er ging eilends wie mit ausgebreiteten Armen auf Rosa los, indem er ihr zurief: „Endlich bin ich so glücklich, Dich, teures Mädchen, unter meinem Dache willkommen heissen zu können und meiner Liebe einen Ausdruck zu geben . . .u „Weg von mir,“ unterbrach ihn heftig Rosa. „Wie wagen Sie es, mir unter die Augen zu treten! Was soll diese Schandthat gegen Gottes und der Menschen Gesetz bedeuten, dass Sie wie ein gemeiner Räuber mich aus meinem Hause hierher schleppen Hessen?“ „Nichts für ungut, liebes Mädchen. Du selbst trägst die Schuld. Warum hast Du in mir diese Leidenschaft erweckt, die ich nicht mehr zu beherrschen vermag, und mich dennoch immer schnöde abgewiesen? Jetzt sind wir am Ziele, Du kannst mir nicht mehr ausweichen, und wirst die Verbindung mit mir willig eingehen. Vor der Welt bist Du nun doch kompromittiert und des Soldaten Daniel’s Frau kannst Du nicht mehr werden . . .“ „Da haben Sie dennoch ganz falsch gerechnet. Die Welt weiss, dass Sie mit frevelhafter Gewalt mich hierher gebracht, und ein jüdischer Bräutigam hat Vertrauen und Zuversicht auf die Treue seiner Verlobten genug, um zu wissen, dass alle Räuber der Welt sie zum Bösen nicht verleiten können!“ „Nein, Rosa,“ rief der Graf unwillig aus, da er einsah, dass seine Angriffsweise gänzlich verfehlt sei, „zum Disputieren bin ich nicht hergekommen. Ich Hebe Dich, und will, dass Du mich wieder liebst!“ Mit diesen Worten ging er um den Tisch, und woUte das Mädchen umarmen. Sie aber schob mit ungeahnter Kraft den grossen Lehnstuhl zwischen sich und ihren Verfolger und rief ihm heftig zu: „Wohlan, so wissen Sie, dass ich Heber sterben will, als Ihre Kreatur werden. Noch einen Schritt näher, und ich stürze mich in die Tiefe!“ Und bei diesen Worten war sie zum Fenster geeilt, hatte dieses aufgerissen und sich auf die Brüstung geschwungen. So stand sie da, mit einem Arm hielt sie das Fensterkreuz umschlungen, während ihr einer Fuss schon draussen schwebte, wo, wenn sie das Kreuz losliess, sie auf das Pflaster des tiefgelegenen Hofes stürzen musste. Der Graf erbleichte: er erkannte, dass in dem Mädchen der furchtbarste Ernst wohnte; er stand wie angefesselt da, und sie rief ihm zu: „Nun, wagen Sie es, fügen Sie zum Raube noch den Mord, aber bedenken Sie, dass der Tag der Rechenschaft anbrechen wird!“ Roderich erwiderte kein Wort, er wandte sich und verliess das Zimmer; Rosa stieg wieder herab und warf sich erschöpft in den Lehnstuhl. Ihr Herz schlug gewaltig; sie faltete die Hände wie zum heissesten Gebete, bald auch rollten Thränen über die blassen Wangen hinab. „Gott, mein Gott,“ lispelte sie, „Du hast mich, nicht verlassen, Du giebst dem Ohnmächtigen Kraft, dem Widersacher zu widerstehen!“ . . . Der Graf war hinunter gestiegen zu der alten Schloss-

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