Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3061 (7.9.1927)
- Date
- 1927-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3061 Me«, Mttwoch Wiener Morgerrzetturrg 7. September 1Ä27 Leite 3 Die MllerbuMlMng. Der Atigkeitsbericht. Genf, 6. September. Der Bericht, der alljährlich über die Tätigkeit des Völkerbnndrates nrü> des Generalsekretariates der Bökkerbundversammkiing erstattet wird, umfaßt diesmal Wer 140 Druckseiten und erstreckt sich auf alle Tätigkeiten des Völkerbundes. Er gibt eine vollkommen objektive Darstellmig Wer die Beschlüsse der Völkcrbnndbersammkung und ihre Ausführung. Der Nachtragsbericht erstreckt sich bis auf die neueste Zeit und erwähnt sogar schon die Pressekonferenz, die vorn 24. bis 29. August stattgsfunden biK Besonders ausführlich wird Wer die Weltwirtschaftskonfereirz berichtet und Wer die AbrüstungsbestrÄmngen. Mer auch dem M-mderiheiten schütz und der Btandatsfrage ist ein ausführliches Kapitel gewidmet. Der Bericht, der die ominöse Nummer 13 in der Dokumentensammlung trägt, wird als Grundlage für die GeneraLebatte dienen, die sich wahrscheinlich hauptsächlich mit der Abrüstungsfrage befassen wird. In diesem Punkt werden im Gegensatz zu der sonstigen Hebung wahrscheinlich auch die Natsmitglieder, vor allem auch die Delegierten der Großmächte zu Worte kommen, und es wird hier für schr möglich gehalten, daß sich daraus bereits ergeben werde, welche Bedeutung der achten Bülkervrmdverfammlimg znkommen dürste. Man nimmt an, daß sowohl Chamberlain, wie Briand, Strefemann und eine Reihe minderer Ratsmitglie^r dazu schr eingehend Stellung nehmen werden. Mensvorffs Niederlage. Ge nf, 6. September. Die peinliche Niederlage des früherer: österreichischen Botschafters Grafen M e n s - dorff bei der Wahl des Präsidenten der Völkevbundverstnnmlung hätte sich vermeiden lassen, wenn man aus den noch vor der Wahl allen Teilnehmern zugekommenen mündlichen Mitteilungen der massgebenden französisch«: Delegierten die Konsequenter: gezogen hätte. Die französische Delegation ließ nämlich ganz offensichtlich offiziös Werall die Mitteilung verbreiten, daß sie fürdieWahlMensdorfss nicht eintreten Lonne, da sie andere Verpflichtungen übernommen hccke. Der gewählte Präsident G u a n i hat zweifellos große Verdienste um den Völkerbund. Sein höchst taktvolles Eingreifen und sein Arbeitseifer haben ihm sehr viele Sympathie!: erworben. Jer 18. Nonistenkongreß. Neunte Sitzung ö. September abends. o. a., Basel, 6. September. (Telephonisch.) An das Referat Ussischkins schloß sich heute abends eine längere Diskussion Wer den Nationalsonds, ivelche zmn Teil eine Kulturdebatte war. Die orthodoxen Delegierter: aus Amerika stellten eine Reihe von Forderungen religiöser Natur, den«: die Linke entgegentrat. Sodann begann Hantke sein Referat Wer den Keren Hajessod. Lmnsjordanie« unabhängig. Bon England zugeftande». L o'nÄo n, 6. September. Die „TüneS" iMÄm amS Jerusalem, dass dort der Entwmf eines Vertrages zivifch«: Englaind und Tvansjoridaircken verösssentlicht wurde, durch dm: Trajnsjordalni'en vöblijge Unichvhä«gkg- Ljesst unter Enttr Abdullah und feinem Sohn, Enttr Tchlul, als Nachfolger, emgvräumt mid dip Beistielluug notivetüdiger technischer Bomdor zugesichvrt wird. Der Emir sagte zu, eine gjesletzgobende Bciessarmnlmra von fünfundzwanzig Mitgliedern, dip in drin Distrikt«: gewählt werden, einzuberufün. Aus bilde« Bor« fauttulmig soll sich der Emir ein Kabiu^tl vorn fünf Mini/stern er,:«:::«:. * Der nunmehr veröffentlichte Vertrag war schon vor längerer Zeit döm Emir aus London zugeschickt worden. Da über den Inhalt verschiedene Gerüchte zirkulierten, sanimelten sich die Schecks zu einer geschlossenen Opposition gegen den Emir. Es wurde ihm z u große Nachgiebigkeit gegen die Mandat s m a ch t vorgeworfen, und als er den widerborstigen Staatsrat entließ, brach die Empörung der Beduinen erst recht hervor. D a s E r d b e b e n, das in Amman so großen Schaden anrichtete, wirkte ein wenig besänftigend, und England entschloß sich, an dem Staatsvertrag einige Aenderungen vorzunehmen, die den Wünschen der Nationalisten entgegenkommen. So wurde aus dem Staatsrat eine gesetzgebende Körperschaft, was unter den gegebenen Verhältnissen ein sehr fragwürdiges Geschenk darstellt. Emir Abdullah ist der Sohn des auf Cypern internierten.Königs Hussein und der Bruder des Königs Faisal, »des Beherrschers von Hodschas. Re fasristische Srganisaiion. Rom, 6. September. Nach einer amtlichen Statistik zählt die sascistffche Organisation Wer eine Million Männer, 780.000 Frauen» 126.000 Jugendliche und 8964 Studenten. -f-r—--— Besprechungen zwischen Appoutzi und Litwinow. B u d a p e st, 6. September. Die Blätter verzeichnen als große Sensation eine Meldung der „Berliner Börsenzeitung", wonach in Karlsbad zwischen dem Grasen A p- Pony: und dem ruffischen VoMskommissär L i tw itto w eine Besprechung stattgefunden habe. Offiziös wird erklärt, daß es sich nur um eine private Aussprache handeln könne, doch hat die Regierung eine schriftliche Anfrage an den Grafen Appony: gerichtet. 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Bon den 64 Kommunisten, die Freitag nachts verhaftet wurden, mutzten 24 wieder entlasse n werden. Bezüglich der restlichen 30 wird morgen entschieden werden, ob sie nicht auch auf freien Fuß zu stellen seien. Die größte^Verlegenheit bereitet der Polizei der Arzt Dr. Kornis, , der Mann mit der grünen Brille. Daß er ein Reklamenarr ist, war gleich nach seiner Vevhaftung klar. Aber er scheint sehr hohe Protektion zu genießen, und man weiß nicht, wie man nach seinen wieder-, holten Geständnissen aus der Sache herauskommen kann. Für alle Fälle wurde Kornis heute Mittag zur Untersuchung in di>e Jvrenainstalt aus dem Enlgjelsf-eld gebracht. Dort war bereits ein Sachverständiger zur Stelle, der ihn als wahnsinnig erkannte und eine schwere Nervenkrankheit konstatierte. Eine Stunde später war Kornis bereits in der Z e l-le, und die Polizei ist ihn für einige Zeit los. Ein polnischer General wegen Bestechung verntteitt. Warschau, 6. September. Heute wurde «das "Urteil «gegen den polnischen Brigade-general Zymierski gefällt, der beschuldigt wurde, bei M ili t ä r l i e s e r u n g e u, die er zu verüben hatte, bestochen worden zu sein. Zymwerski wurde zu fünf Jahren schweren Kerkers und zur Ausstoßung aus der polnischen Armee verurteilt. Der Mlttan.gek'lag te, Oberstleutnant B u r g i e kl M o n e z Y n s I i, wurde freigesprochen. Eine Böllerwanderuns. Wir entnehmen dem soeben im Amab- Ihea-Berlag (Wien) erschienenen Buche „Der Groß-Balkan" von den: italienischen Journalisten I. Z i n g a r e l l i die folgende fesselnde Schilderung der Repatriierung der Griechen Meinasieirs. Diese Angelegenheit spielt auch in den Debatten des ZionisteNLongresses eine gewisse Rolle. Die in: September 1922 erfolgte Katastrophe von Smyrna hat für Griechenland ethnische und soziale Rückwirkungen gezeitigt, die es zun: Teil für den erlittenen militärischen Mißerfolg entschädigten; die Griechen, welche aus Kleinasien vor den Türken Kemäls flohen, tvie diejenigen, die später auf den: Aüstanschweg« wieder zur Heimat zurückkehrteu, haben Mazedonien hellenisiert, und di« Zahl der freinden Nässenzugehörigen in: Staate auf 300.000 herabgedrückt, während gleichzeitig die Zahl der Einwohner von fünf auf sechseinhalb Millionen gestiegen ist. In Mazedonien stellten die Griechen int Jahre 1912 nur 42.6 Prozent der Bevölkerung dar, heute ettva 90; Mohammedaner, die sich auf 475.000 beliefen, gibt es kann: 2000. Schon Ende 1923 prophezeite der frühere Gesandteder Vereinigten Staate:: in Konstantinopel, Dr. Morgenthan, der als Beauftragter des Völkerbundes an der Spitze des autonomen Instituts für die Unterbringung der Flüchitkluge stand, dass bei Ailloenbui:g reichlicher Geldmittel die große Katastrophe einen befriedigenden Epilog erhalten könnte, „der Griechenland nicht nur instaudsetze,: würde, sich ii: wirtschaftlicher Beziehung unabhängig zu machen, sondern auch zur Erhaltung des sozialen Gleichgewichtes und des Friedens anr Balkan beitragen würde". Was hat man in Europa von dieser riesenhaften Völkertvanderung erfahren? Nichts, oder fast nichts. Eineinhalb Millionen Menschen sind in das Vaterland zurückgekehrt, das ihre Ahnen vor 3000 Jahren verlasse»: hatten; es waren ihrer so viele, daß sie ein drittel der un Lande befindlichen Bevölkerung aus machten. Um die Großartigkeit des Phänomens zu erfassen, stelle man "sich vor, dKß, Italien mit seinen 40 -Millionen Einwohnern gezwungen wäre, auf einmal 13 Millionen seiner Stammesbrüder bei sich aufzunehme::. In den Dagen, an tvelchen die Flüchtlinge nach dem Piräus und Saloniki strönrtei:, nach Pätms und den Inseln, fürchtete manch einer, daß nunmehr das Schicksal Griechenlands besiegelt tväre; der Eindruck des nnlitärischen Mißgeschicks nahm noch dlisterere Farben an, angesichts des Elends der ersten, die seine Opfer wurde::. Uebev den: Bilde schwebte d>as Schreckgespenst einer künftigen Beracinung des -Landes. Die Theater von Phalervn und Athen vettvandelten sich in Asyle und in jeder Log« richtete! sich! eine Fannie ein; zwischen Achen und dem Meere entstanden Zeltlager, nicht für Bewaffnete, sondern für Kinder und Greise, Kranke und Frauen; die Erwachsenen waren zun: größten Teil ii:\ Kriege umgekomnren. Manche Mütter entstiege:: den Schiffen, die toten Kinder am Arin, für die sie kein Grab gesunder: hatten; andere suchten vergeblich die verirrten Kinder, die sie — falls es überhaupt geschajh '— nach zwei Monaten oder zwei Jahrei: iviederfanden. Für di« Scharen verzweifelter, Menschen gab es kveder Wohnungen noch Nahrung, noch Geld. Dann traten Epidemien hinzu; in: Jahre 1923 wüteten un: Salonik: Malaria, Typhus und Ruhr. Ans eine Geburt entfielen drei Todesfälle. Jü: Jahre 1924 rvurden ei>:zelne Flüchtlingskolonim in Kilkiß, Kater::::, in Seres und arrderwärts auf ein Fünftel reduziert; die Tuberkulose war aufgetreteu... Der Kampf der Aerzte ist noch inuner nicht beendet; da» aber die Kvlvnisationsarbeit bereits seit längerer Zeit das chaotisch« StMum überwunden hat, kann man 'sich mit stets wachsender 7§nergie den hygienisckM Maßnahmen Ividnren. Als es sich darin:: handelte, die Masse der Flüchtlinge in die ve'.'s-hiedeneir griechischen Provinzen zu verkeilen, ließ sich General WastivaZ — der damals an der Spitze der Regierung stand — von politischen Gesichtspunkten leiten, statt von wirtschaftlichen Erwägungen; der zweckmäßigen Kolonisation zog er die, sagen Wir, republikanische Stabilisation vor. Um den Venizelismus zu stärken, schickte er 3000 Individuen in ein Zenttun:, das nickst eiuinal imstande war, den dritten Teil davon aufznnehmen, oder er sandte Fischer in die Berge und Ackerbauer an das Meer. Un: Athen wurden zu viele Flüchtlinge zusanrmengezogen, was bannt begründet wurde, daß dort die Versorgung leichter wäre. Diese Niederlassungen, die nickst aufgelöst wurden, haben sich nach und nach zu neuen Athener Stadtvierteln entwickelt; Linnen kurzen: wird die griechische Hauptstadt eine Million Einwohner. zählen. Wie groß in politischer Hinsicht der Einfluß der Flüchtlinge ist, geht daraus hervor, daß vier von den sechs Venizelisteu, die am 7. November 1926 in Athen gewählt wurden, Flüchtlinge sind. Dig Royalistei: haben nicht verstanden, daß sie sich die Griechen von Kleinasien zu Freunden hätten nrachen müsse::; wem: es gerechtfertigt war, sich der iinperialistischeu Kampagne zu tvidersetzen, da deren unglückliches Ende vorauszufehen ivar, so war es doch weder angebracht noch politisch klug, dabei den Schein zu erwecken, als ob man die arbeitsamen Landsleute von jenseits des Meeres verleugnete. Sv kan: es, daß die Flüchtlinge, die wirklich glauben, daß Venizelos, falls er an: Ruder geblieben tväre, ihre Vertreibung ans Snlyrna durch rechtzeitige Beendigung des Krieges zu verhindern gewußt hätte, außerden: befürchten, baß eine monarchistische Restarrratioi: ihnen zun: Schaden gereichen und die vielen Versprechungen, die ih::en di« Republikaner gegeben, aber nicht gehalten haben, völlig zunichte machen könnte; in ztveiter Linie ergibt sich aus dieser Nichteinhaltung der eingegangenei: Verpflichtungen die Möglichkeit, daß die Flüchtlinge sich auch von deir Venizelisten trennet: könnten, da sie tatsächlich von de:r Er:tschädigut:geli, die ihnen für das u: der Türkei verlorene Eigentrun versprochen wurden, bis jetzt nur bescheidelw Anzahlungen erhalten haben und das gerade anr Vorabend der letzter« Wahlen.